Zweitens: Die Studie beschreibt die Beziehung zwischen Bezugsperson und Kind als bidirektional. Das heißt: Erwachsene beeinflussen Kinder nicht nur; auch das sprachliche Verhalten des Kindes kann beeinflussen, wie Erwachsene reagieren .
Drittens: Die Autorinnen und Autoren leiten daraus ab, dass Familien und pädagogische Fachkräfte von Anleitung oder Coaching profitieren könnten, um solche höherstufigen Antworttypen in natürlichen gesprochenen Interaktionen mit Kindern mit Hörverlust anzuwenden .
Mehrere verwandte Studien zeigen, dass Kinder mit Hörverlust in Sprachmaßen im Durchschnitt niedrigere Werte erreichen können. In einer Untersuchung mit 5-jährigen Kindern mit Hörverlust lagen die durchschnittlichen rezeptiven und expressiven Sprachwerte etwa 1 Standardabweichung unter dem Mittelwert typisch entwickelter Kinder; Werte für Sprachproduktion und Alltagsfunktion lagen sogar mehr als 1 Standardabweichung darunter . Eine andere Studie berichtete bei Kindern mit beidseitigem Hörverlust einen mittleren standardisierten rezeptiven Sprachwert von 85
.
Ein systematischer Review für die Jahre 2006 bis 2016 hatte zum Ziel, Unterschiede in der Menge sprachlichen Inputs zwischen Kindern mit und ohne Hörverlust sowie Zusammenhänge zwischen Input und rezeptiven beziehungsweise expressiven Sprachoutcomes bei Kindern mit Hörverlust zusammenzufassen .
Besonders aufschlussreich ist eine weitere Studie zum elterlichen Sprachinput: Dort wurden keine Gruppenunterschiede darin beobachtet, wie Eltern mit ihren Kindern interagierten. Dennoch unterschieden sich die Effekte des elterlichen Sprachinputs auf die Sprachfähigkeiten der Kinder mit 48 Monaten. Kinder ohne Hörverlust zeigten sich vergleichsweise robust gegenüber elterlichen Sprachstilen, Kinder mit Hörgeräten waren stärker von der Menge des Inputs beeinflusst, und Kinder mit Cochlea-Implantaten besonders von Input, der kindliche Sprache hervorrief und komplexere Modelle bot .
Das spricht für eine vorsichtige Interpretation: Es geht nicht zwingend darum, dass Eltern oder Fachkräfte grundsätzlich anders mit Kindern mit Hörverlust sprechen. Vielmehr kann derselbe oder ähnliche sprachliche Input je nach Hörstatus unterschiedlich stark mit späteren Sprachfähigkeiten zusammenhängen .
Die vorliegenden Angaben reichen nicht aus, um eine direkte Ursache-Wirkung-Beziehung zu belegen. Es bleibt möglich, dass Kinder mit bereits stärkeren sprachlichen Fähigkeiten häufiger reichhaltigere Antworten von Erwachsenen auslösen. Genau deshalb ist der Hinweis auf eine bidirektionale Beziehung wichtig .
Offen bleiben außerdem mehrere Details: Die Effektgrößen, statistischen Kennwerte, Stichprobengrößen und genauen Sprachtests sind aus den bereitgestellten Informationen nicht vollständig ersichtlich. Ebenso ist nicht sicher zu beurteilen, ob sich die Häufigkeit oder Art höherstufiger Antworten zwischen Kindern mit und ohne Hörverlust deutlich unterschied.
Unklar bleibt auch, welche Sprachbereiche am stärksten mit den Antworttypen zusammenhingen: Sprachverständnis, Ausdruckssprache, Wortschatz, Grammatik oder Gesprächsfähigkeit könnten unterschiedlich betroffen sein. Faktoren wie sozioökonomischer Hintergrund, Nutzung von Hörgeräten oder Cochlea-Implantaten und frühere Fördermaßnahmen könnten ebenfalls eine Rolle spielen, lassen sich anhand der vorliegenden Angaben aber nicht abschließend gewichten.
Für Familien, Kitas und Vorschulen lautet die sinnvollste Lesart nicht: noch mehr reden um jeden Preis. Näher an den Befunden ist: kindliche Äußerungen aufmerksam aufgreifen und die Qualität der Antwort ernst nehmen. Die Studie selbst legt nahe, dass Anleitung und Coaching zu höherstufigen Antworttypen für Familien und pädagogische Fachkräfte hilfreich sein könnten, besonders in natürlichen gesprochenen Interaktionen mit Kindern mit Hörverlust .
Die kurze Zusammenfassung: Höherstufige Reaktionen von Bezugspersonen sind mit Sprachoutcomes von Vorschulkindern verknüpft . Bei Kindern mit Hörverlust könnte die Qualität und Art des sprachlichen Inputs besonders ins Gewicht fallen
. Belegt ist jedoch der Zusammenhang – nicht eine abschließend nachgewiesene Kausalwirkung.