Die öffentliche COSMOS-Web-Freigabe umfasst Bilddaten und einen Katalog von nahezu 800.000 Galaxien über fast die gesamte kosmische Geschichte hinweg . Mehr als 250 Stunden Webb-Beobachtungen wurden dafür verarbeitet und für Analysen bereitgestellt
.
Für die neue Karte des kosmischen Netzes nutzte das Forschungsteam eine ausgewählte Teilmenge dieser Daten. Laut ScienceDaily wurden mehr als 164.000 Galaxien aus COSMOS-Web analysiert, um das Netz bis in eine Zeit zurückzuverfolgen, in der das Universum erst rund eine Milliarde Jahre alt war . Indem Forschende die Positionen dieser Galaxien in verschiedenen kosmischen Epochen vergleichen, können sie rekonstruieren, wo sich Materie zu Filamenten, Schichten, Knoten und unterdichten Regionen gesammelt hat
.
Galaxien entstehen nicht im luftleeren Raum – kosmologisch gesprochen. Ihre Umgebung zählt. In dichten Knoten und entlang von Filamenten sammeln sich dunkle Materie und Gas; Leerräume sind deutlich weniger bevölkert . Eine feinere Karte des Netzes erlaubt deshalb nicht nur die Frage, welche Galaxien es gab, sondern auch: In welchem Viertel des Universums lebten sie?
Genau dieser Kontext ist für Modelle der Galaxienentwicklung zentral. Forschende können nun besser prüfen, ob frühe Galaxien in dichten Regionen anders gewachsen sind als Galaxien in isolierteren Bereichen, und ob Computersimulationen dieselbe großräumige Struktur hervorbringen .
Das ist auch deshalb spannend, weil frühere COSMOS-Web-Ergebnisse bereits für Stirnrunzeln sorgten. Die öffentliche Veröffentlichung von 2025 wurde mit etwa zehnmal mehr frühen Galaxien als erwartet in Verbindung gebracht . Der Katalog mit fast 800.000 Galaxien wurde zudem als Herausforderung für bestehende Vorstellungen über das junge Universum beschrieben
. Die neue Netzkarte hilft, solche frühen Galaxien nicht nur als einzelne Überraschungen zu betrachten, sondern in ihre großräumige Umgebung einzuordnen.
Die Karte verrät nicht, woraus dunkle Materie besteht. Sie zeigt auch keine direkte Aufnahme dunkler Materie. Sie macht aber deren Gravitationsarchitektur indirekt sichtbar: Das kosmische Netz wird als Struktur aus dunkler Materie und Gas beschrieben, in der Galaxien und Galaxienhaufen die dichtesten Bereiche markieren .
Dazu passt eine verwandte COSMOS-Web-Arbeit: Mithilfe hochaufgelöster JWST-Bilder und schwacher Gravitationslinseneffekte wurde eine Massenkarte erstellt, die dunkle Materie in Galaxienhaufen, Filamenten und unterdichten Regionen nachzeichnet – mit mehr als doppelt so hoher Auflösung wie frühere weltraumgestützte Durchmusterungen und bis zu einer Rotverschiebung von z ≈ 2 . Zusammen zeigen die Galaxienkarte und die Massenkarte, wie sichtbare Galaxien und unsichtbare Materie über kosmische Zeiträume miteinander verflochten sind
.
Hubble bleibt ein Schlüsselobservatorium der Astronomie. Für die frühesten und rötesten Galaxien ist Webb jedoch besonders gut geeignet. Der Grund liegt in der Ausdehnung des Universums: Licht sehr ferner Galaxien wird auf seiner langen Reise zu uns in den Infrarotbereich verschoben; NASA-Materialien zu Webb betonen, dass solche Ziele effektiv mit Infrarotinstrumenten beobachtet werden müssen .
Webbs Infrarotblick ergänzt damit Hubble-Daten und kann tiefer in die kosmische Vergangenheit reichen . Für COSMOS-Web kam zur Infrarotempfindlichkeit noch die Fläche hinzu: Das Programm war darauf ausgelegt, etwa 0,6 Quadratgrad des Himmels mit der Nahinfrarotkamera NIRCam zu kartieren und zugleich ein kleineres Feld von 0,2 Quadratgrad mit dem Mittelinfrarotinstrument MIRI zu erfassen
. Die veröffentlichte COSMOS-Web-Karte deckt 0,54 Quadratgrad ab – ungefähr das Dreifache der scheinbaren Fläche des Mondes am Himmel
.
Diese Mischung aus Breite, Tiefe und Auflösung ist der eigentliche Fortschritt. Nicht ein einzelnes spektakuläres Bild macht die Netzkarte möglich, sondern die Statistik vieler Galaxien über ein großes, tief beobachtetes Feld .
Schon vor der neuen Karte des kosmischen Netzes hatte COSMOS-Web einen großen Atlas des fernen Universums geliefert. Die internationale COSMOS-Kollaboration veröffentlichte 2025 Bilddaten und einen Katalog von fast 800.000 Galaxien als Open-Science-Ressource . Einige Galaxien in dieser Karte erscheinen so, wie sie vor etwa 13 Milliarden Jahren existierten
. Das COSMOS-Web-Kompositbild reicht laut Berichten etwa 13,5 Milliarden Jahre in die Vergangenheit, während die NASA das Alter des Universums mit ungefähr 13,8 Milliarden Jahren angibt
.
Der öffentliche Charakter der Daten ist mehr als eine Fußnote. Die Produkte wurden verarbeitet und für Analysen bereitgestellt, sodass Forschende – und grundsätzlich auch interessierte Öffentlichkeit – nicht bei rohen Teleskopdateien anfangen müssen . Gerade bei seltenen frühen Galaxien und sehr großen Strukturen ist diese Kombination aus Umfang und Nachvollziehbarkeit entscheidend.
Einige Berichte formulieren, Webb habe das kosmische Netz über 13,7 Milliarden Jahre hinweg kartiert . Das ist als Kurzform verständlich, aber missverständlich. Präziser ist: Die neue Karte verfolgt das Galaxiennetz zurück bis zu einer Zeit, in der das Universum etwa eine Milliarde Jahre alt war
. Sie ist also keine lückenlose Karte ab dem ersten Moment nach dem Urknall.
Das schmälert das Ergebnis nicht. Im Gegenteil: JWST hat eine großräumige Karte kosmischer Struktur bis in das erste Milliardenjahr des Universums geschoben – gestützt auf einen öffentlichen Galaxienatlas, der groß genug ist, um viele weitere Studien zu ermöglichen . Die Pointe lautet daher: COSMOS-Web macht aus unzähligen einzelnen Galaxien eine Karte des verborgenen kosmischen Gerüsts.