Die Formulierung, KI werde Hongkonger Technologiewerten „1,75 Milliarden US-Dollar Wachstum“ bringen, kann leicht in die falsche Richtung führen. Nach den derzeit öffentlich verfügbaren Berichten ist die vorsichtigere Lesart: Morgan Stanley wird mit der Schätzung zitiert, dass die Aufnahme von Knowledge Atlas und MiniMax in den Hang Seng Tech Index rund 1,25 bis 1,75 Milliarden US-Dollar an passiven Zuflüssen beziehungsweise Rebalancing-Käufen auslösen könnte.[18][
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Das wäre also kein Geld, das direkt in die Kassen der Unternehmen fließt. Und es wäre auch kein unmittelbarer Anstieg von Umsatz, Nettogewinn oder Marktkapitalisierung.
Wofür steht die 1,75-Milliarden-Dollar-Zahl?
Die Zahl steht den Berichten zufolge für erwartete Index-Nachfrage. MEXC und Intellectia berichten, Morgan Stanley rechne mit 1,25 bis 1,75 Milliarden US-Dollar, die in den Hongkonger Technologieaktienindex fließen könnten, wenn zwei KI-Unternehmen am 8. Juni in die Benchmark aufgenommen werden.[18][
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Futu und Moomoo formulieren es konkreter: Die beiden Aktien würden voraussichtlich am 8. Juni in den Hang Seng Tech Index aufgenommen, könnten zusammen auf ein Gewicht von 5 bis 7 Prozent kommen und dadurch etwa 1,25 bis 1,75 Milliarden US-Dollar an passiven Mittelzuflüssen auslösen.[34][
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Im Mittelpunkt stehen Knowledge Atlas Technology beziehungsweise Knowledge Atlas und MiniMax. In einzelnen englischsprachigen Meldungen wird Knowledge Atlas Technology auch als Zhipu bezeichnet; AASTOCKS nennt KNOWLEDGE ATLAS (02513.HK) und MINIMAX-W (00100.HK) als von Morgan Stanley beobachtete Frontier-Model-Unternehmen.[33][
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Der entscheidende Begriff ist „passiv“. Wenn ETFs, Indexfonds oder andere Produkte einen Index nachbilden, müssen sie ihre Portfolios anpassen, sobald sich die Zusammensetzung des Index ändert. Diese Käufe finden am Markt statt. Sie bedeuten nicht, dass die Unternehmen selbst denselben Betrag als Kapital, Umsatz oder Gewinn erhalten.[34][
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Warum eine Indexaufnahme überhaupt Nachfrage auslösen kann
Der Hang Seng Tech Index ist ein wichtiger Referenzindex für Hongkonger Technologieaktien. Für Anlegerinnen und Anleger in Europa ist dabei wichtig: Eine Indexmeldung ist nicht automatisch eine Aussage über die operative Qualität eines Unternehmens. Oft geht es zunächst um die Mechanik von ETFs und Indexfonds.
Wie groß dieses Index-Ökosystem sein kann, zeigt ein Dokument der Hang Seng Indexes Company: Ende März 2025 lag das verwaltete Vermögen in Produkten, die Indizes der gesamten Hang-Seng-Indexfamilie passiv nachbilden, bei rund 88,2 Milliarden US-Dollar. Das ist ausdrücklich die Zahl für die gesamte Indexfamilie, nicht allein für den Hang Seng Tech Index.[40]
Wenn neue Aktien in einen viel beachteten Index aufgenommen werden, schaut der Markt deshalb vor allem auf zwei Punkte: Wie viel müssen indexnahe Produkte voraussichtlich kaufen? Und welches Gewicht bekommen die neuen Bestandteile? Genau deshalb werden die geschätzten 5 bis 7 Prozent Gewicht und die 1,25 bis 1,75 Milliarden US-Dollar an möglichen passiven Zuflüssen in denselben Berichten zusammen genannt.[34][
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Warum Knowledge Atlas und MiniMax im Fokus stehen
iTiger beschreibt Knowledge Atlas und MiniMax als zwei besonders stark gelaufene KI-Großmodell-Neulistings am Hongkonger Aktienmarkt im Jahr 2026. Dass sie bislang nicht im Hang Seng Tech Index enthalten seien, hänge demnach vor allem mit ihrer kurzen Börsenhistorie und den Index-Aufnahmekriterien zusammen.[17]
Futu und Moomoo berichten außerdem, dass der Hang Seng Tech Index seit Jahresbeginn um rund 5 Prozentpunkte weniger gefallen wäre, wenn die beiden Aktien seit ihrer Börsennotierung bereits enthalten gewesen wären.[34][
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Diese Aussage ist eine rückblickende Modellrechnung, keine Prognose für die Zukunft. Eine Indexaufnahme kann regelgebundene Nachfrage erzeugen, garantiert aber keine steigenden Kurse. Moomoo verweist zudem darauf, dass spätere Lock-up-Abläufe im Juli ein möglicher Stresstest für den Markt sein könnten.[35]
Drei Missverständnisse, die Anleger vermeiden sollten
| Häufige Fehlinterpretation | Präzisere Lesart |
|---|---|
| „1,75 Milliarden US-Dollar Gewinnwachstum“ | Die Berichte sprechen von passiven Zuflüssen beziehungsweise Index-Rebalancing-Bedarf, nicht von zusätzlichem Nettogewinn.[ |
| „1,75 Milliarden US-Dollar zusätzlicher Umsatz“ | Käufe durch Indexprodukte finden am Sekundärmarkt statt. Sie erhöhen nicht automatisch den Umsatz der Unternehmen.[ |
| „Die Kurse müssen steigen“ | Indexaufnahme kann Nachfrage erzeugen, ersetzt aber keine Bewertung von Kursniveau, Liquidität und Unternehmensdaten; Moomoo nennt außerdem Lock-up-Abläufe als möglichen Belastungstest.[ |
Die sauberste Formulierung lautet daher: Marktberichte zitieren Morgan Stanley mit der Schätzung, dass Knowledge Atlas und MiniMax bei einer erwarteten Aufnahme in den Hang Seng Tech Index rund 1,25 bis 1,75 Milliarden US-Dollar an passiven Käufen auslösen könnten.[18][
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Morgan Stanleys KI-Umsatzstory ist ein anderes Thema
Morgan Stanleys Einschätzung zu KI-Unternehmen beschränkt sich den Berichten zufolge nicht auf Indexzuflüsse. AASTOCKS gibt eine Morgan-Stanley-Einschätzung wieder, wonach steigende Token-Nutzung und bessere Preissetzungsmacht auf nichtlineares Wachstum bei Annual Recurring Revenue, kurz ARR, von Frontier Models hindeuten könnten. Morgan Stanley prognostiziere demnach, dass der ARR dieser Frontier Models bis Ende 2026 auf 1,0 bis 1,5 Milliarden US-Dollar und bis Ende 2027 auf 2,5 bis 5,0 Milliarden US-Dollar steigen könne.[36][
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Das ist jedoch eine andere Kennzahl und eine andere These. Die ARR-Prognose betrifft die mögliche Geschäftsentwicklung von KI-Modellunternehmen. Die 1,75 Milliarden US-Dollar als Obergrenze beziehen sich dagegen auf mögliche passive Indexzuflüsse im Zusammenhang mit der Aufnahme in den Hang Seng Tech Index.[34][
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Wie belastbar ist die Meldung?
Die derzeit auffindbaren öffentlichen Informationen stammen vor allem von MEXC, Intellectia, Futu, Moomoo, iTiger und AASTOCKS. Sie nennen im Kern ähnliche Punkte: erwartete passive Zuflüsse von 1,25 bis 1,75 Milliarden US-Dollar, den 8. Juni als erwarteten Aufnahmetermin und ein gemeinsames Indexgewicht von 5 bis 7 Prozent.[17][
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In den hier verfügbaren Quellen liegt jedoch kein vollständig direkt prüfbarer Morgan-Stanley-Originalbericht vor. Die Zahl sollte daher als „in Marktberichten wiedergegebene Morgan-Stanley-Schätzung“ verstanden werden – nicht als offizielle Indexmitteilung, nicht als Unternehmensprognose und nicht als Anlagegarantie.
Wer die tatsächlichen Auswirkungen verfolgen will, sollte die offiziellen Mitteilungen der Hang Seng Indexes Company, spätere ETF-Positionierungen und die Unternehmenszahlen der betroffenen Aktien prüfen. Dieser Artikel ordnet öffentlich verfügbare Berichte ein und ist keine Anlageberatung.




