Eine verbreitete Behauptung lautet: Der Westen habe 1990 verbindlich versprochen, die NATO „keinen Zentimeter“ nach Osten zu erweitern; Russland sei später betrogen worden. Die Quellenlage ist komplizierter.
Robert Zoellick, der an den Verhandlungen zum Ende des Kalten Krieges beteiligt war, widerspricht der These eines solchen Versprechens ausdrücklich und sagt, es habe keine Zusage gegeben, die NATO nicht zu erweitern [2]. Eine andere Quelle verweist auf freigegebene Dokumente und beschreibt westliche Sicherheitszusicherungen an Michail Gorbatschow im Kontext der deutschen Einheit, darunter James Bakers Formulierung „not one inch eastward“ vom Februar 1990 [
9].
Die präzisere Einordnung lautet daher: Es gab politische Signale und umstrittene Sicherheitszusicherungen. In den vorliegenden Quellen findet sich aber kein eindeutiger Nachweis für einen allgemeinen, rechtlich bindenden Vertrag, der späteren unabhängigen Staaten grundsätzlich den NATO-Beitritt untersagt hätte [2][
9]. Kritik an westlicher Russlandpolitik kann legitim sein; sie beweist nicht, dass Russland ein Recht hatte, die Ukraine militärisch anzugreifen.
Wenn die Ukraine oder andere osteuropäische Staaten als „Pufferzone“ beschrieben werden, klingt das zunächst wie nüchterne Geopolitik. Tatsächlich steckt darin bereits eine Wertung: Die Sicherheitsinteressen Russlands werden zum Maßstab, während die Sicherheitsinteressen der Staaten dazwischen zweitrangig erscheinen.
Für die Ukraine ist das besonders problematisch, weil sie seit 1991 kein Verwaltungsgebiet einer fremden Sicherheitsarchitektur, sondern ein unabhängiger Staat ist [11]. Eine faire Analyse darf also nicht nur fragen, was Moskau oder Washington wollten. Sie muss auch berücksichtigen, dass ukrainische Institutionen, Wähler und Protestbewegungen eigene politische Entscheidungen trafen.
Der Maidan war kein einfacher, sauberer Vorgang; politische Umbrüche sind selten sauber. Aber die Formel vom „westlichen Putsch“ überspringt zentrale belegte Zwischenschritte.
Britannica beschreibt die Krise so: Präsident Wiktor Janukowytsch stoppte 2013 die Unterzeichnung eines Assoziierungsabkommens mit der EU; darauf folgten Massenproteste, Janukowytsch floh aus Kyjiw, und das ukrainische Parlament setzte ihn ab [12]. Diese Abfolge kann politisch bewertet und juristisch diskutiert werden. Sie ist aber nicht dasselbe wie ein Beleg, dass eine Regierung von außen installiert wurde.
Für die Putsch-These bräuchte es mehr als Hinweise auf westliche Sympathie, diplomatische Kontakte oder Unterstützung für Zivilgesellschaft. Man müsste zeigen, wer konkret Befehle gab, wer die Machtübernahme steuerte und warum ukrainische Akteure nur Werkzeuge fremder Regierungen gewesen sein sollen. Genau diese Kausalkette liefern verkürzte Erzählungen meist nicht.
Ein besonders starker Verkürzungseffekt entsteht bei der Krim. In prorussischen Darstellungen erscheint die Annexion oft als fast unblutige Selbstbestimmung. Das blendet den militärischen Rahmen aus.
EBSCO beschreibt die russische Aktion von 2014 als erste russische Invasion in die Ukraine und hält fest, dass Putin militärische Kräfte entsandte, um die Krim zu annektieren [11]. Britannica verweist außerdem darauf, dass russische Truppen in Sewastopol zwar stationiert waren, nach dem Statusabkommen aber nicht ohne vorherige Zustimmung ukrainischer Behörden außerhalb ihrer Basen operieren durften [
12]. Die USA und die EU verhängten Sanktionen gegen Russland und begründeten sie mit der Verletzung ukrainischer Souveränität [
12].
Deshalb ist die Darstellung einer rein friedlichen Selbstbestimmung irreführend. Selbst wenn eine militärische Besetzung schnell verläuft, ist ein politischer Prozess unter fremder militärischer Kontrolle kein normaler demokratischer Vorgang.
Die Donbas-Passage in prorussischen Narrativen wirkt oft stark, weil sie an reales Leid anknüpft. Dieses Leid sollte nicht relativiert werden. OHCHR dokumentierte zivile Opfer im Konflikt bis Ende 2021; allein 2021 waren es 110 zivile Opfer, davon 25 Tote und 85 Verletzte [5]. Eine Chronologie zur russischen Invasion vermerkt zudem, dass im April 2014 rund 40.000 russische Soldaten an der ukrainischen Ostgrenze standen, während im Donbas Gewalt ausbrach [
1].
Die pauschale Formel, die Ukraine habe acht Jahre lang „Russen beschossen“, verschiebt jedoch mehrere Dinge. Sie macht aus ukrainischen Regionen eine russische Angelegenheit, reduziert einen komplexen bewaffneten Konflikt auf eine einfache Täter-Opfer-Schablone und lässt die russische Rolle seit 2014 in den Hintergrund treten.
Eine faire Darstellung muss beides zusammenhalten: Ja, Zivilisten im Donbas litten. Nein, dieses Leid erklärt oder rechtfertigt nicht die Annexion der Krim und auch nicht die spätere Großinvasion.
Der größte Auslassungsfehler vieler prorussischer Kurzchronologien ist, dass der Angriff von 2022 wie eine zwangsläufige Reaktion wirkt. Die bereitgestellten Quellen beschreiben ihn dagegen klar als russische Vollinvasion ab Februar 2022 [10]. Vier Jahre später nennt die Bilanz mehr als 15.000 getötete und über 41.000 verletzte Zivilisten seit Beginn dieser Vollinvasion [
10].
Vorgeschichte ist wichtig. NATO-Politik, ukrainische Innenpolitik, die Krim und der Donbas gehören zur Analyse. Aber Vorgeschichte ist nicht dasselbe wie Rechtfertigung. Selbst wenn man westliche Entscheidungen kritisiert, folgt daraus nicht, dass Russland die territoriale Integrität eines Nachbarstaates militärisch brechen durfte.
Prorussische Erzählungen zum Kriegsbeginn folgen häufig einem Muster:
Die sachlichere Kurzfassung lautet: Die NATO-Frage ist umstritten, der Maidan war komplex, und das Leid im Donbas war real. Aber die Quellen stützen nicht die einfache Erzählung, Russland sei nur Opfer westlicher Aggression gewesen. Dokumentiert sind russische Militärhandlungen auf der Krim 2014 und die russische Vollinvasion von 2022 [11][
10]. Genau diese Auslassung macht viele solcher Darstellungen tendenziös.
Since the Russian Federation launched its full-scale invasion in February 2022, four years of hostilities have killed more than 15,000 civilians and injured over 41,000, displaced millions, and damaged and destroyed civilian property and infrastructure. In...
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