Auf dem Rückflug rechnete Musk nach: Die reinen Materialkosten machten nur etwa 3 Prozent des Verkaufspreises einer Rakete aus. Der ganze Rest? Ineffizienz. Wenn er die Raketen selbst einfacher konstruierte und die meisten Teile in eigener Fertigung herstellte, so seine Erkenntnis, könnte er locker die gesamte globale Startbranche unterbieten.
Am 6. Mai 2002 wurde SpaceX offiziell in einer ehemaligen, rund 7.000 Quadratmeter großen Lagerhalle gegründet. Von Anfang an lautete das Credo: die „Southwest Airlines der Raumfahrtindustrie“ werden – günstig, zuverlässig und für alle zugänglich.
SpaceX’ erste Rakete war die Falcon 1, ein zweistufiges Modell für kleine Satelliten. Sie war konkurrenzlos günstig. Aber sie flog nicht.
Der erste Falcon-1-Start im März 2006 dauerte nur 25 Sekunden. Ein Treibstoffleck löste einen Brand aus und zerstörte die Rakete. Wie sich später herausstellte, hatte eine Aluminiummutter einer Treibstoffleitung aufgrund der salzhaltigen Meeresgischt auf dem Kwajalein-Atoll korrodiert.
Der zweite Versuch im März 2007 funktionierte zunächst besser: Die erste Stufe brannte durch. Doch nach der Abtrennung der zweiten Stufe geriet diese unkontrolliert ins Schwingen – der Treibstoff schwappte, das Triebwerk setzte aus, der Orbit blieb unerreicht.
Der dritte Start im August 2008 war der schmerzhafteste. Nur gut zwei Minuten nach dem Abheben zeigte das Triebwerk der ersten Stufe nach der Trennung noch Restschub, sodass es gegen die zweite Stufe krachte und sie schwer beschädigte. Das Ergebnis: Totalverlust.
Drei Starts, drei Explosionen. Musks anfängliche 100 Millionen Dollar waren praktisch aufgebraucht. Sowohl SpaceX als auch Tesla – das Musk während der Finanzkrise 2008 ebenfalls am Leben halten musste – standen nur noch Wochen vor der Pleite.
SpaceX hatte gerade noch genug Teile und Budget, um einen allerletzten Versuch mit der Falcon 1 zu wagen. Die Stimmung war am Boden. Musk erinnerte sich später: „Wir hatten den dritten Fehlschlag in Folge mit der Falcon 1. Tesla stand vor der Pleite. […] Wäre dieser vierte Start gescheitert, wir wären tot gewesen.“
Am 28. September 2008 hob die Falcon 1 von Omelek Island ab. Dieses Mal trennte sich die erste Stufe sauber, und das Kestrel-Triebwerk der zweiten Stufe brannte perfekt. Die Rakete erreichte den Orbit – als erste privat entwickelte, flüssig betriebene Rakete überhaupt.
Ein Erfolg, der als reines Wunder zur rechten Zeit kam. Nur drei Monate später, im Dezember 2008, vergab die NASA einen 1,6 Milliarden Dollar schweren „Commercial Resupply Services“-Auftrag an SpaceX, um Fracht zur Internationalen Raumstation (ISS) zu liefern. Das Unternehmen war gerettet.
Der NASA-Vertrag erforderte eine größere, leistungsstärkere Rakete. SpaceX arbeitete bereits an der Falcon 9, einer neunmotorigen Trägerrakete, die Fracht – und später auch Menschen – zur ISS bringen sollte.
Ihr erster Flug am 4. Juni 2010 mit einer Testversion der Dragon-Kapsel war ein voller Erfolg. Nur ein halbes Jahr später, am 8. Dezember 2010, startete eine operationelle Dragon. Sie war das erste kommerziell gebaute und betriebene Raumschiff, das die Erde umkreiste und sicher geborgen wurde.
Am 22. Mai 2012 startete eine Falcon 9 die Dragon von Cape Canaveral aus. Das Raumschiff koppelte am 25. Mai an die ISS an – eingefangen vom Roboterarm der Station. Es war das erste Mal, dass ein privates Raumschiff an das fliegende Labor andockte. Eine Leistung, die zuvor nur die Raumfahrtnationen USA, Russland, Japan und die Europäische Weltraumorganisation ESA vollbracht hatten.
Musks Grundgedanke war immer folgender: Wenn man eine Rakete nach jedem Flug wegwirft, bleibt Raumfahrt unbezahlbar. Die Lösung war ebenso offensichtlich wie technisch höllisch schwierig: die erste Stufe einer Rakete senkrecht wieder landen zu lassen.
SpaceX versuchte jahrelang, die Booster der Falcon 9 auf schwimmenden Drohnen-Schiffen im Ozean zu landen. Immer wieder kippten die Raketenstufen um, filmreif explodierend – ein dramatisches Ingenieursspektakel, das die Herzen der Fans höherschlagen ließ.
Doch dann, am 21. Dezember 2015, änderte sich alles. Eine Falcon 9 startete, brachte elf Satelliten in den Orbit, und ihre Erststufe kehrte zur Erde zurück. Sie setzte aufrecht auf einem Landeplatz in Cape Canaveral auf – die erste Landung eines orbitalen Raketenboosters in der Geschichte.
Heute hat SpaceX diese Landung hunderte Male wiederholt und einzelne Booster mehr als 20 Mal wiederverwendet. Die Erfolgsquote der Falcon 9 liegt inzwischen bei 99,55 Prozent – ein Wert, von dem die Branche vor 20 Jahren nur träumen konnte.
Während SpaceX den Frachttransport revolutionierte, drängte die NASA darauf, nach der Ausmusterung des Space Shuttles im Jahr 2011 nicht länger auf teure Plätze in russischen Sojus-Kapseln angewiesen zu sein. Das „Commercial Crew Program“ wurde ins Leben gerufen, um private Unternehmen bemannte Raumfahrzeuge bauen zu lassen.
Am 30. Mai 2020 war es so weit: Eine Falcon 9 startete die Crew-Dragon-Kapsel mit den NASA-Astronauten Bob Behnken und Doug Hurley an Bord. Die Mission „Demo-2“ war der erste bemannte Orbitalflug von amerikanischem Boden seit neun Jahren – und überhaupt der erste, der von einem Privatunternehmen durchgeführt wurde.
Die Kapsel, von ihrer Crew auf den Namen Endeavour getauft, dockte sicher an die ISS an und landete am 2. August 2020 wieder im Golf von Mexiko. Ein privates Unternehmen hatte zum ersten Mal Menschen zur Raumstation gebracht – ein Paradigmenwechsel in der Geschichte der bemannten Raumfahrt.
Heute ruhen die Ambitionen von SpaceX auf zwei monumentalen Projekten: Starship und Starlink.
Starship ist ein vollständig wiederverwendbares, zweistufiges Startsystem, das für Mond-, Mars- und noch fernere Missionen ausgelegt ist. Die Entwicklung nimmt in Boca Chica, Texas, rasant Form an – mit einer für SpaceX typischen Trial-and-Error-Philosophie. Frühe Prototypen (SN1 bis SN4) wurden bei Drucktests zerstört, bevor SN5 im August 2020 einen 150-Meter-Hüpfer erfolgreich absolvierte. SN8 flog im Dezember 2020 zwar auf 12,5 Kilometer Höhe, explodierte aber bei der Landung. Aus diesen spektakulären Fehlschlägen lernt das Team: Schnelle Iteration ist das Mantra.
Starlink wiederum ist eine Satelliteninternet-Konstellation, die SpaceX zum vertikal integrierten Telekommunikationsanbieter macht. Tausende eigener Satelliten, transportiert mit den eigenen wiederverwendbaren Raketen, schaffen ein Geschäftsmodell, bei dem sich die Startnachfrage aus dem eigenen Konzern speist.
Wenn Journalisten und Fans die SpaceX-Story nacherzählen, schleichen sich gern ein paar Mythen ein. Was die Quellen tatsächlich belegen:
Offen bleibt hingegen das genaue Verhältnis von staatlicher Förderung zu privaten Investitionen – die Definitionen von „Subvention“ und „kommerzieller Partnerschaft“ gehen auseinander. Ebenso ungewiss sind die vollständige Wirtschaftlichkeit von Starship und die präzisen Details der internen Unternehmenskultur in jenen rauen Anfangsjahren, die meist nur aus sekundären Berichten rekonstruiert werden können.
Die Geschichte von SpaceX ist noch nicht auserzählt. Aber ihr erstes Kapitel gehört zu den unwahrscheinlichsten der modernen Wirtschaftsgeschichte: ein Unternehmen, das dreimal sterben sollte und stattdessen lernte, seine Raketen zu landen und die Menschheit von amerikanischem Boden aus zurück ins All zu fliegen.
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