Das aktuelle Bild lässt sich am besten als Zusammenwirken von vier mächtigen Kräften verstehen – jede mit ihren eigenen Risiken.
Dies ist der mit Abstand wichtigste Treiber. Rund 54 Prozent der STOOXX-600-Unternehmen haben ihre Q2-Zahlen vorgelegt. Die aggregierten Gewinne liegen bei rund 23 Prozent auf berichteter Basis – fast doppelt so viel wie die 11,5 Prozent, die Analysten Ende März erwartet hatten . Das Umsatzwachstum beträgt 9,8 Prozent und übertrifft ebenfalls die Prognose von 4,3 Prozent . Für das gesamte zweite Quartal wird nun ein Gewinnwachstum von rund 20,8 Prozent erwartet (bzw. 10,3 Prozent ohne Energie) .
Diese Überraschung kommt unerwartet. Die europäischen Unternehmensgewinne steigen so stark wie zuletzt 2022, und die positive Gewinndynamik hat viele Strategen bewogen, ihre Prognosen anzuheben .
Der Startschuss für die Rallye fiel mit dem vorläufigen Friedensabkommen zwischen den USA und Iran im Juni, das die Straße von Hormus wieder öffnete und einen dreimonatigen Konflikt beendete, der die Energiepreise in die Höhe getrieben und die europäischen Aussichten getrübt hatte . Der STOXX 600 erreichte am Tag der Ankündigung, dem 15. Juni, sein erstes Allzeithoch des Jahres . Seitdem stützen fallende Ölpreise die Stimmung und mildern die anhaltende Unruhe im Nahen Osten .
Technologieaktien sind ein wichtiger Motor des Index. Die globale Nachfrage nach KI-bezogenen Werten hat für eine Serie neuer Höchststände gesorgt, wobei Halbleiter- und KI-Infrastrukturunternehmen zu den besten Wertpapieren des Jahres gehören . Allein am 31. Juli stiegen europäische Technologieaktien um 2,2 Prozent und folgten damit einer globalen Erholung KI-bezogener Aktien . Hersteller von Halbleiterwafern, Chiptest-Ausrüstung und verwandter Hardware sind die großen Gewinner .
Auch das makroökonomische Umfeld hat sich verbessert. Das BIP der Eurozone beschleunigt sich, der zusammengesetzte Einkaufsmanagerindex (PMI) liegt über 52 und signalisiert Expansion . Die Kombination aus besserem Wachstum, stabilisierter geopolitischer Lage und niedrigeren Energiekosten schafft ein günstiges Umfeld für Aktien.
Der institutionelle Konsens hat sich von vorsichtig zu zunehmend optimistisch gewandelt, wobei die taktischen Unterschiede beachtlich sind.
UBS ist die aggressivste der großen Banken. Die Strategen hoben ihr Jahresendziel für den STOXX 600 auf 690 von 630 an (rund 8 Prozent Aufwärtspotenzial von Mitte Juli) und gaben zu, „zu vorsichtig“ gewesen zu sein . Zudem setzten sie ein 18-Monats-Ziel von 760, was einem Plus von rund 19 Prozent gegenüber dem aktuellen Niveau entspricht . Das Team um Gerry Fowler und Sutanya Chedda begründete die Anhebung mit robusten Gewinnen, KI-bedingten Analysten-Hochstufungen und verbesserten Gewinnerwartungen für Banken . UBS führte im Juli eine Reihe von Aufwärtsrevisionen an, zu denen auch BofA, Deutsche Bank und Kepler Cheuvreux gehörten .
Bank of America verfolgt einen taktischeren – man könnte sagen konträren – Ansatz. Anstatt den hochdynamischen Technologie- und KI-Trades hinterherzujagen, setzt BofA auf eine Rotation. Die Bank sieht weiteres Aufwärtspotenzial in europäischen Small Caps, Telekommunikation, Immobilien, deutschen Aktien und Luxuswerten, da sich das regionale Wachstum verbessert und überhitzte Momentum-Trades abflauen .
Die makroökonomischen Prognosen von BofA deuten auf eine etwa 10-prozentige Überperformance von europäischen Small Caps, Telekommunikations- und Immobilienwerten in den kommenden Monaten hin . Die Bank zeigte sich im Juni zudem vorsichtig gegenüber der Momentum-Rallye und warnte, dass europäische High-Momentum-Aktien Low-Momentum-Aktien um annualisierte 40 Prozent übertroffen hätten – die stärkste Momentum-getriebene Rallye seit mindestens 20 Jahren. Anleger sollten daher beginnen, in defensive Werte zu rotieren .
Die Deutsche Bank nimmt die differenzierteste Haltung ein. Nachdem der europäische Software-Sektor in einem Monat um 13 Prozent zugelegt hatte, schlossen die Strategen ihre direktionale „Overweight“-Empfehlung und nahmen eine neutrale Haltung gegenüber den Technologie-Subsektoren ein . In einem Research-Bericht mit dem Titel „Semi Convinced II“ schrieben die Strategen Maximilian Uleer und Johannes Schaller: „Wenn Sie keine starke Meinung haben, ist es am klügsten, neutral gegenüber dem Sektor zu bleiben“ . Sie stellten fest, dass weiteres Aufwärtspotenzial nun weitgehend davon abhängt, dass Long-Only-Investoren ihr Engagement erhöhen .
Die Deutsche Bank hatte Software im März auf „Overweight“ hochgestuft, da die Befürchtungen einer KI-getriebenen Disruption ihren Höhepunkt erreicht hätten und Softwareunternehmen zu historisch niedrigen Bewertungsaufschlägen gehandelt würden . Diese Einschätzung erwies sich als richtig – die gleichgewichtete Software-/Halbleiter-Strategie erzielte eine Sharpe-Ratio von 4,7 gegenüber 3,8 bei einer reinen Halbleiter-Allokation . Nach der scharfen Rallye beurteilte die Bank das kurzfristige Chance-Risiko-Verhältnis jedoch als weniger attraktiv. Allerdings schloss sich die Deutsche Bank im Juli den anderen Banken an und hob ihr Gesamtziel für den STOXX 600 an .
Goldman Sachs soll für ausgewählte Namen wie Ceres Power (Brennstoffzellen) und Rheinmetall (Rüstung) ein dreistelliges Aufwärtspotenzial prognostizieren. Dies spiegelt das Vertrauen in strukturelle Wachstumsgeschichten im Bereich der Energiewende und der europäischen Verteidigungsausgaben wider. Dieser spezifische Call konnte jedoch nicht unabhängig aus den verfügbaren Quellen verifiziert werden.
Dieselben Kräfte, die die Rallye antreiben, schaffen auch Anfälligkeiten. Hier sind die wichtigsten Risiken, die von Analysten und in Reuters-Berichten genannt werden.
Die aktuellen Sell-Side-Margenschätzungen für europäische Unternehmen liegen auf Allzeithochs und lassen kaum Spielraum für Enttäuschungen. Jeglicher Inputkostendruck – durch Energie, Arbeit oder Rohstoffe – oder eine Erosion der Preissetzungsmacht würde eine Welle von Gewinnkürzungen auslösen.
Bei einer extrem niedrigen Aktienrisikoprämie hat der Markt nur sehr begrenzten Puffer gegen eine Neubewertung des Risikos . Dies macht die Bewertungen anfällig für jeden geopolitischen oder makroökonomischen Schock.
Obwohl das vorläufige US-Iran-Abkommen die Straße von Hormus wieder geöffnet hat, bleibt die Lage fragil. Jeder Rückschlag bei den Friedensverhandlungen oder erneute Feindseligkeiten würden den Rückenwind durch die Ölpreise zunichtemachen und europäische Aktien hart treffen .
Massive Kapitalaufwendungen der großen Technologiekonzerne stützen kurzfristig die Halbleiterwerte, aber die langfristige Nachfrage nach KI-Infrastruktur bleibt unsicher . Ein enttäuschender ROI-Zyklus könnte die technologiegetriebene Rallye abflauen lassen. Die Deutsche Bank hat dies explizit erwähnt: „Die langfristigen Nachfrageperspektiven sind weiterhin mit erheblicher Unsicherheit behaftet“ .
Europäische Bankaktien waren ein wichtiger Treiber der Rallye 2026 . Wenn niedrigere Anleiherenditen die Nettozinsmargen drücken, könnte sich der Banken-Outperformance-Trade umkehren und damit eine wichtige Stütze des Index wegfallen .
Einige Strategen sehen den Halbleitersektor als überkauft an. Ein Rückgang von 10 Prozent oder mehr würde die breiteren Technologie- und STOXX-600-Indizes nach unten ziehen . BofA identifizierte im Juni Halbleiter, Industriegüter, Bergbau und Banken als vier überkaufte Sektoren mit asymmetrischem Abwärtsrisiko .
Unter der Oberfläche der Aktienrallye baut sich Kreditstress auf. Ein stärker als erwarteter Anstieg von Unternehmensausfällen würde Banken und Hochzinssektoren unter Druck setzen und dem bereits angespannten Markt eine weitere Risikoebene hinzufügen.
Der Konsens der 18 von Bloomberg im Juli befragten Strategen liegt für den STOXX 600 am Jahresende 2026 bei durchschnittlich 647 Punkten – kaum 1 Prozent über dem damaligen Niveau . Dieser enge Durchschnittswert verdeckt eine große Bandbreite, mit UBS bei 690 und einigen pessimistischen Strategen, die weiterhin einen Rückgang prognostizieren. Die Rallye war real, aber die Debatte über ihre Nachhaltigkeit ist noch lange nicht beendet.