Barclays sieht den Hauptkatalysator in Iberdrolas reguliertem Netzgeschäft . Es geht längst nicht mehr nur um neue Windräder. Der Konzern setzt 36 Milliarden Euro – rund 70 Prozent seines 58-Milliarden-Euro-Investitionsplans für 2025 bis 2028 – auf Masten, Leitungen und Umspannwerke . Der Fokus auf regulierte Vermögenswerte bedeutet: Ein wachsender Teil der Erlöse stammt aus staatlich genehmigten Renditen, nicht aus volatilen Großhandelsmärkten.
Entscheidend ist die geografische Mischung. Iberdrola konzentriert seine Netzinvestitionen auf Großbritannien und die USA – zwei Märkte mit verlässlichen Regulierungsrahmen und klar absehbarer Nachfrage . Die regulierte Vermögensbasis (Regulated Asset Base, RAB) soll jährlich um rund 10 Prozent wachsen und einen stabilen Strom an Cashflows und Erträgen erzeugen . Bis 2028 dürften regulierte Netze 55 Prozent zum angestrebten Konzern-EBITDA von 18 Milliarden Euro beitragen – ein deutlicher Sprung im Vergleich zu früheren Perioden .
Ein Kernstück der Barclays-These ist der Stromnachfrage-Schock durch Cloud-Computing und KI-Infrastruktur. Die Bank hat die steigende Leistungsnachfrage durch KI und Rechenzentren als strukturellen Treiber für das Netzgeschäft ausgemacht . Iberdrola selbst benennt "Nachfrage aus Daten/KI“ als einen von vier Megatrends, die das Wachstum stützen – neben der Elektrifizierung des Verkehrs, der Dekarbonisierung der Industrie und dem wachsenden Bedarf an Energiespeichern .
Rechenzentren sind für einen netzorientierten Versorger wie Iberdrola ein Traumkunde. Sie benötigen riesige, unterbrechungsfreie Stromanschlüsse mit Spannungen und Kapazitäten, die oft neue Übertragungs- und Verteilinfrastruktur erfordern. Das spielt Iberdrola direkt in die Karten und verwandelt einen Investitionszyklus in langfristige, tarifregulierte Erlöse. Der Plan für 2025–2028 zielt darauf ab, mit den Netzinvestitionen den Nachfrageanstieg aus Rechenzentren, Elektrofahrzeugen und Wärmepumpen direkt aufzufangen .
Das Kursziel von 22,60 Euro fußt auf Iberdrolas Mittelfristzielen, die Barclays zunehmend als entriskiert einstuft . Die Zahlen sind ambitioniert: ein um Sondereffekte bereinigter Nettogewinn von rund 7,6 Milliarden Euro bis 2028, entsprechend einem hohen einstelligen jährlichen Wachstum ab 2024, sowie ein EBITDA von 18 Milliarden Euro .
Das kurzfristige Momentum stimmt. Im ersten Quartal 2026 meldete Iberdrola einen bereinigten Nettogewinn von 1,865 Milliarden Euro – ein Plus von 11 Prozent zum Vorjahr, getrieben vom netzdominierten Wachstum in den Kernmärkten . Die Prognose für das Gewinnwachstum 2026 wurde auf mehr als 8 Prozent (ohne Veräußerungsgewinne) angehoben . Da bis Ende des Jahrzehnts voraussichtlich 75 Prozent des EBITDA aus regulierten oder langfristig gebundenen Aktivitäten stammen, wird die Ertragsbasis immer kalkulierbarer .
Barclays verwies zudem auf das Gewicht von Iberdrola im europäischen Versorgersektor. Die Aktie macht rund 20 Prozent des SX6P-Branchenindex aus – für jeden Investor, der auf europäische Versorger setzt, ist sie damit faktisch die Einstiegsposition . Als die Bank den Sektor im April 2026 auf „Overweight“ hochstufte, war eine positive Einschätzung für Iberdrola der logische Ausdruck dieser Sichtweise .
Dem bullishen Fall stehen durchaus Gegenargumente gegenüber. Barclays wettet darauf, dass die regulierten Renditen die steigenden Investitionen angemessen vergüten. Allerdings decken sich die Regulierungsentscheidungen in den USA, Großbritannien und Brasilien nicht immer mit den Ambitionen der Versorger. Vorläufige Renditefestlegungen, die die höheren Investitionen und die gestiegene operative Komplexität nicht vollständig honorieren, könnten die Rendite auf das regulierte Vermögen drücken und das Gewinnwachstum bremsen .
Hinzu kommt, dass Iberdrola weiterhin hohe Summen in große Offshore-Windprojekte in Großbritannien, den USA, Deutschland und Frankreich steckt. Diese Vorhaben tragen erhebliche Ausführungsrisiken – von Bauverzögerungen über Kostenüberschreitungen bis zu begrenzten Auktionsbudgets – die die Projektrendite schmälern und künftige Ergebnisse belasten können . Vorerst ruht Barclays‘ Überzeugung jedoch auf der Annahme, dass das Netzgeschäft groß genug und die Elektrifizierungsdynamik stark genug ist, um diese Gegenwinde zu überwinden.