Der Rückgang um 0,8 Punkte gegenüber dem fast vierjährigen Höchststand vom April war stärker als von den Märkten erwartet . Die Verbesserung der Betriebsbedingungen fiel damit so schwach aus wie seit drei Monaten nicht mehr
. Dieser Dämpfer ist Teil einer breiteren konjunkturellen Eintrübung: Der HCOB Flash Composite EMI für den Euroraum, der Industrie und Dienstleistungen zusammenfasst, rutschte auf 47,5 Punkte ab – der stärkste Rückgang der Privatwirtschaft seit Oktober 2023
.
In der Zusammensetzung des Industrie-Index zeigt sich, dass ein wichtiger Treibstoff ausgegangen ist. Ein Großteil der Verbesserung zu Beginn des Jahres 2026 wurde von einem temporären Nachfrageschub getragen, als Unternehmen aus Angst vor Preiserhöhungen und Lieferengpässen aufgrund des Nahost-Kriegs ihre Lager auffüllten . Im Mai ist dieser Effekt verpufft.
Das besorgniserregendste Signal kommt von der Auftragskomponente. Die Neuaufträge sanken im Mai und machten damit die Zuwächse aus dem April wieder zunichte. Die künstliche Nachfrage aus der Notbevorratung löste sich in Luft auf .
Dieser Auftragsrückgang traf die Produktionslinien unmittelbar. Der Index für die Industrieproduktion fiel im Mai auf ein Viermonatstief von 51,0 Punkten (April: 52,3) . Damit wächst die Fabrikproduktion zwar noch – und verlängert die Wachstumsphase auf fünf Monate –, aber das Tempo hat spürbar nachgelassen. Auch die Einkaufsaktivität, ein Frühindikator für die Produktionsabsichten, verlor an Schwung und stieg nur noch zum dritten Mal in Folge an
.
Die wohl brisanteste Entwicklung ist die drastische Verschärfung des Kostendrucks. S&P Global konstatiert unverblümt, dass sich der „kriegsbedingte Angebotsschock“ in der Eurozone intensiviert . Die Einkaufspreise zogen an, da die Hersteller mehr für Energie und Rohstoffe zahlen mussten. Diese höheren Kosten gaben sie mit einer schnelleren Anhebung ihrer eigenen Verkaufspreise weiter. Ein Mechanismus, der die Inflation weiter in der Wirtschaft zu verankern droht
.
Der Inflationsimpuls ist direkt auf physische Störungen der Lieferketten zurückzuführen. Die Lieferzeiten der Zulieferer verlängerten sich im Mai erneut, da der Nahost-Konflikt die kritischen Schifffahrtsrouten durch das Rote Meer und den Suezkanal weiterhin beeinträchtigt. Längere Wartezeiten für Komponenten und Materialien drosseln nicht nur die Produktion, sondern schlagen sich auch in Frachtaufschlägen auf die Endprodukte nieder .
In einem Umfeld aus schleppender Nachfrage und steigenden Kosten bauten die Industrieunternehmen im Euroraum den zweiten Monat in Folge Arbeitsplätze ab. S&P Global zufolge wurden die Jobverluste branchenübergreifend „breiter gestreut“ . Dies markiert eine klare Trendwende im Vergleich zu dem verhaltenen Einstellungsoptimismus vom Beginn des Erholungszyklus und deckt sich mit einem allgemeinen Rückgang der Geschäftserwartungen
.
Die Mai-Daten zeigen, wie sich die Wirkung des Nahost-Kriegs auf die Eurozone grundlegend verschoben hat. Noch zu Beginn des Jahres 2026 wirkte der Konflikt kurioserweise als Nachfragekatalysator: Unternehmen bestellten zusätzliche Ware, um Zöllen, Frachtkostenexplosionen und möglichen Engpässen zuvorzukommen. Das trieb die EMI-Zahlen temporär in die Höhe. Der Mai-Bericht bestätigt nun, dass dieser „kriegsbedingte Nachfrageschub“ verebbt ist .
Was bleibt, ist ein reiner Angebotsschock. Höhere Frachtkosten, längere Logistikzeiten und teurere Energie belasten die Kostenbasis der Industrie und drücken die Margen – und das bei schwacher Grundnachfrage. Das Ergebnis ist ein klassisches Stagflationssignal für die Europäische Zentralbank (EZB), die eigentlich die Inflation wieder auf ihr Ziel von zwei Prozent zurückführen soll .
Die Mai-Flash-Daten setzen die industrielle Erholung im Euroraum auf Messers Schneide. Der Anstieg der Ein- und Verkaufspreise macht es der EZB erheblich schwerer, eine Lockerung der Geldpolitik zu rechtfertigen, selbst wenn die Gesamtwirtschaft schrumpft. Die Währungshüter stecken in einer schmerzhaften Zwickmühle: Zinssenkungen zur Stützung des Wachstums könnten eine über dem Ziel liegende Inflation, angeheizt durch einen externen Angebotsschock, weiter zementieren. Die Analyse von S&P Global stuft den eskalierenden kriegsbedingten Angebotsschock ausdrücklich als direkte Bedrohung für den von der EZB benötigten Disinflationspfad ein .
Der weitere Pfad im laufenden Quartal hängt von zwei schwer kalkulierbaren Faktoren ab. Eine Deeskalation des Krieges würde logistische Engpässe lindern und die Rohstoffpreise abkühlen und so neuen Auftrieb verleihen. Eine weitere Eskalation oder eine länger andauernde Störung könnte den EMI dagegen unter die Wachstumsschwelle von 50 Punkten drücken – vor allem, wenn die anhaltende Schwäche des Servicesektors die konjunkturelle Gesamtdynamik weiter abwürgt. Marktteilnehmer werden nun mit Spannung auf die endgültigen Mai-Daten blicken, die üblicherweise innerhalb der ersten Arbeitstage des Juni erscheinen .
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