Warum also straft der Markt eine Firma ab, die operativ weiter wächst? Die Antwort liegt in einem strategischen Wettrennen. Tencent hat angekündigt, seine KI-Investitionen 2026 auf über 36 Milliarden RMB mehr als zu verdoppeln. Im Vorjahr waren es noch rund 18 Milliarden RMB . Mit diesem Geld soll die Führungsposition im chinesischen KI-Sektor zementiert werden – doch es drückt mittelfristig auf die Gewinnmargen.
Die Reaktion der Anleger war prompt und heftig. Als die Pläne im März erstmals detailliert wurden, brach der Aktienkurs um 6,1 % an einem einzigen Tag ein. Analysten von Bernstein prognostizierten damals, dass die massive Investitionsoffensive zu einem nur noch einstelligen operativen Gewinnwachstum führen würde .
Die etwas später veröffentlichten Q1-2026-Zahlen boten ein gemischtes und spannungsreiches Bild:
Eine entscheidende Nebenrechnung in der Bilanz deutet das ganze Potenzial an: Ohne den neuen Kostenblock der KI-Investitionen hätte das operative Non-IFRS-Gewinnwachstum satte 17 % betragen . Das Management will also zeigen: Das Kerngeschäft ist hochprofitabel, die derzeitige Belastung durch KI-Ausgaben ist im Grunde eine Investition in die Zukunft.
Die KI-Ausgaben sind der bestimmende Faktor, aber es gibt noch weitere Bremsklötze, die auf die Stimmung drücken.
Erstens: Das schrumpfende Investmentportfolio. Tencent ist nicht nur ein operativer Internetkonzern, sondern auch eine Art Beteiligungsholding. Der Marktwert der börsennotierten Beteiligungen (ohne Tochtergesellschaften) brach von 672,7 Milliarden RMB Ende 2025 auf 547,1 Milliarden RMB zum 31. März 2026 ein – ein Minus von rund 125,6 Milliarden RMB in nur einem Quartal . Diese marktbedingten Bewertungsschwankungen schlagen direkt auf den Buchwert und die Wertpapierbestände des Konzerns durch
.
Zweitens: Ein schwaches makroökonomisches Umfeld. Der Hang Seng Index stand seit Monaten im Gegenwind. Die anhaltenden Spannungen zwischen den USA und China sowie eine trübe Konsumentenstimmung in China verunsichern Investoren. Besonders Tech-Werte sind anfällig. Als Alibaba und Tencent im März keine klaren Wege zur Monetarisierung ihrer KI-Dienste aufzeigen konnten, verbrannten beide Konzerne zusammen innerhalb von 24 Stunden 66 Milliarden US-Dollar an Marktkapitalisierung .
Drittens: Die leichte Umsatzverfehlung im ersten Quartal. Auch wenn sie teilweise auf buchhalterische Timing-Effekte zurückzuführen war, gab sie dem Markt ein Argument, innezuhalten. Die Zentralfrage bleibt: Wann zahlt sich der milliardenschwere KI-Feldzug aus? Solange dies nicht greifbar ist, fürchtet der Markt eine anhaltend langsame Gewinndynamik .
Während der Markt den Daumen senkt, tut Tencent genau das Gegenteil. Das Unternehmen nutzt die Kursschwäche, um konsequent eigene Aktien aufzukaufen – mit einem Tagesbudget von genau 500 Millionen HKD. Diese Strategie ist kein neues Phänomen. 2025 lag die jährliche Rückkaufrate noch bei 80 Milliarden HKD, bevor sie etwas zurückgefahren wurde, um Mittel für die KI-Offensive freizusetzen .
Die Überzeugung dahinter formulierte der CEO von Tencent in der Pressemitteilung zu den Q1-Ergebnissen: „Unsere Kerngeschäfte sind bei Nutzerzahlen, Umsatz und Gewinn weiter gewachsen und liefern den Cashflow, um unsere KI-Investitionen zu finanzieren“ . Das Rückkaufprogramm ist also weniger Verzweiflungstat, sondern das Bekenntnis, die eigene Aktie für ein Schnäppchen zu halten. Die gesetzliche Ermächtigung, die am 13. Mai erteilt wurde, erlaubt unter den Hongkonger Börsenregeln den Rückkauf von bis zu 10 % der ausgegebenen Aktien – ein großer Spielraum
.
Einige Analysten sehen nach diesem Kursrutsch tatsächlich eine deutliche Unterbewertung. Das Researchhaus Morningstar erklärte Tencent für „signifikant unterbewertet“ . Unabhängige Bewertungen taxieren den fairen Wert in einer Spanne zwischen 570 HKD und 613 HKD – ein satter Aufschlag auf die Notierungen von unter 430 HKD, die Ende Mai zu beobachten waren
. Tencent selbst sendet durch seine täglichen Millioneneinkäufe eine klare Botschaft an die Börse: Diesen Preis halten wir für zu niedrig.
Comments
0 comments