Frühere Unterlagen hatten für das zweite Quartal noch einen Umsatz von rund 10,9 Milliarden Dollar und ein Betriebsergebnis von etwa 559 Millionen Dollar in Aussicht gestellt. Diese Werte sind nicht mit der später berichteten vorläufigen Zahl gleichzusetzen: 10,9 Milliarden Dollar waren eine Prognose, während die späteren Berichte einen Umsatz von über 11,5 Milliarden Dollar und ein positives bereinigtes Betriebsergebnis nennen, ohne einen vergleichbaren endgültigen Gewinnbetrag auszuweisen.
Weitere Kennzahlen aus den Investorenunterlagen und der dazugehörigen Berichterstattung:
Das ergibt eine beeindruckende Wachstumsgeschichte, ist aber noch kein Beweis für dauerhaft hohe Gewinne. Anthropic soll selbst darauf hingewiesen haben, dass eine anhaltende Profitabilität im dritten und vierten Quartal 2026 nicht garantiert sei.
Sechs Anthropic-Investoren sagten der Financial Times, sie rechneten mit einem Börsengang im Oktober zu einer Bewertung von mindestens 2 Billionen Dollar. Damit würde Anthropic die für SpaceX berichtete Bewertung von 1,77 Billionen Dollar beim Börsengang im Juni übertreffen.
Ein verbindliches Preisziel gibt es bislang nicht. Berichten zufolge haben selbst Führungskräfte von Anthropic intern nicht zwingend eine konkrete Bewertung genannt. Stattdessen entwickelten Anteilseigner eigene Modelle, die vor allem auf dem Wachstum des Unternehmensumsatzes und der erwarteten Nachfrage nach Claude basieren.
Die optimistischen Szenarien gehen davon aus, dass Anthropic bis Ende 2026 einen annualisierten Umsatz von 100 bis 120 Milliarden Dollar erreichen könnte. Bei einer Bewertung von 2 Billionen Dollar entspräche das dem 17- bis 20-Fachen dieses annualisierten Umsatzes. Dabei handelt es sich um eine zukunftsgerichtete Kennzahl auf Basis einer aktuellen Umsatzrate – nicht um den Umsatz eines vollständig abgeschlossenen Geschäftsjahres und auch nicht um einen Wert aus testierten Jahresabschlüssen.
Vereinzelt wurden sogar 3 Billionen Dollar genannt. Dieses Szenario ist jedoch noch spekulativer und kein bestätigter Bestandteil der IPO-Konditionen.
Anfang 2026 wurde Anthropics private Bewertung nach einer Finanzierungsrunde mit rund 965 Milliarden Dollar angegeben. Die späteren Erwartungen von mehr als 2 Billionen Dollar würden diesen früheren Referenzwert mehr als verdoppeln.
Die vorliegenden Berichte belegen allerdings keine konkrete Transaktion am Sekundärmarkt, keinen Preis, kein Handelsvolumen und keine verlässliche Liste von Käufern oder Verkäufern. Sie zeigen eine Veränderung der berichteten Bewertungserwartungen – nicht nachgewiesene Sekundärmarktaktivität.
Anthropic soll Morgan Stanley und Goldman Sachs als federführende Banken ausgewählt haben. Auch JPMorgan Chase sei an der Transaktion beteiligt, berichten Medien unter Berufung auf mit der Angelegenheit vertraute Personen.
Im Juni reichte das Unternehmen demnach außerdem vertraulich einen Entwurf der Börsenregistrierung ein. Ein vertraulicher Entwurf ist ein wichtiger Vorbereitungsschritt, aber noch kein vollzogener Börsengang. Aktienzahl, Preisspanne, Bewertung, Zeitplan und der später veröffentlichte Prospekt können sich weiterhin ändern.
Im Juli sollen Gespräche zwischen Unternehmensvertretern und potenziellen Investoren vorbereitet worden sein. Das deutet darauf hin, dass der Prozess über eine rein vorläufige Prüfung hinausging. Ein Börsenstart im Oktober blieb dennoch eine Möglichkeit und kein fest zugesagter Termin.
Ein positives bereinigtes Betriebsergebnis wäre ein wichtiger Meilenstein. Die verfügbaren Zahlen zeigen jedoch noch nicht, dass Anthropic seine Profitabilität dauerhaft halten kann, während das Unternehmen zugleich modernste Modelle trainiert und sie im großen Maßstab betreibt. Der Hinweis auf möglicherweise ausbleibende Gewinne in den Folgequartalen ist deshalb zentral für die IPO-Bewertung.
Zudem ist umstritten, wie repräsentativ die Kosten im zweiten Quartal waren. Berichte und Analysen führten einen Teil der Verbesserung auf einen Anlaufrabatt im Zusammenhang mit einer gemeldeten Rechenvereinbarung mit SpaceX beziehungsweise xAI zurück. Die kommenden Quartale werden daher zeigen müssen, ob es sich um dauerhafte Effizienzgewinne oder um zeitweise günstigere Infrastrukturpreise handelte.
Anthropic konkurriert bei Unternehmenskunden und Entwickler-Workloads mit OpenAI, Google, xAI und chinesischen KI-Anbietern. In diesem Markt verändern sich Modellleistung, Nutzungspreise und der Zugang zu Rechenkapazität mit hoher Geschwindigkeit.
Niedrigere Preise können die Verbreitung von Claude beschleunigen. Sie erschweren jedoch eine sehr hohe Bewertung, wenn das Umsatzwachstum mit einem starken Verzicht auf Bruttomarge erkauft werden muss. Der Rückgang der Rechenkosten je Umsatz-Dollar ist ein positives Signal – er muss sich aber auch bei steigender Nutzung und härterem Wettbewerb fortsetzen.
Anthropics Wachstum hängt davon ab, genügend Chips, Rechenzentrumskapazität und Cloud-Zugang zu sichern. Berichte nennen größere Vereinbarungen mit AWS, dem TPU-Ökosystem von Google, Microsoft Azure und weiteren Infrastrukturpartnern.
Die Angaben zum Umfang dieser Verpflichtungen unterscheiden sich deutlich, weil die Quellen unterschiedliche Definitionen verwenden. Ein Bericht spricht von mehr als 130 Milliarden Dollar an angekündigten KI-Infrastrukturverpflichtungen über verschiedene Vereinbarungen und damit verbundene Positionen hinweg. Eine andere Schätzung kommt auf rund 450 Milliarden Dollar an angekündigten Rechenkapazitätsverpflichtungen. Diese Werte sind weder gleichbedeutend noch automatisch als Schulden oder bestätigte Abnahmeverpflichtungen zu verstehen.
Gerade diese Unklarheit ist für einen Börsengang relevant. Ein öffentlich zugänglicher Prospekt müsste offenlegen, welche Verträge fest vereinbart oder kündbar sind, über Zweckgesellschaften oder Kreditvereinbarungen finanziert werden und von der künftigen Nachfrage abhängen. Besonders aufmerksam verfolgen Investoren die gemeldete Vereinbarung mit SpaceX beziehungsweise xAI, für die teilweise eine Kündigungsmöglichkeit mit 90 Tagen Frist beschrieben wurde.
Am 27. Februar 2026 wies die US-Regierung Bundesbehörden an, Technologie von Anthropic nicht mehr zu verwenden. Das Verteidigungsministerium stufte Anthropic zudem als „Lieferkettenrisiko für die nationale Sicherheit“ ein.
Dem Streit ging laut Berichten die Weigerung Anthropics voraus, vertragliche Einschränkungen für autonome tödliche Waffen und umfassende Überwachung aus der Regierungsvereinbarung zu entfernen. Anthropic ging rechtlich gegen die Einstufung vor.
Die möglichen Folgen reichen über direkte Regierungsumsätze hinaus. Rüstungsunternehmen und andere Firmen müssen prüfen, ob Anthropic-Integrationen Beschaffungs-, Offenlegungs- oder Ausfallrisiken erzeugen. Damit könnte der Konflikt für IPO-Investoren zu einem wesentlichen Risikofaktor werden – selbst wenn kommerzielle Kunden Claude weiterhin nutzen dürfen.
Anthropic und OpenAI konkurrieren um die Aufmerksamkeit der Investoren und um eine führende Position an den öffentlichen Kapitalmärkten. Berichten zufolge arbeiten bei den möglichen Börsengängen teilweise dieselben großen Investmentbanken mit.
Die vorliegenden Quellen stützen die Einschätzung, dass Anthropic vor OpenAI an die Börse kommen möchte. Sie belegen jedoch keine verlässlich bestätigte Verschiebung des OpenAI-Börsengangs auf 2027. Dieses Datum sollte daher als unbestätigt gelten und nicht als feststehender Teil des Zeitplans dargestellt werden.
Sollte Anthropic zuerst notieren, könnte das Unternehmen zum ersten großen Vergleichswert für die Bewertung eines führenden KI-Labors an der Börse werden. Investoren würden dann nicht nur das Umsatzwachstum betrachten, sondern auch Modellnachfrage, Infrastrukturverträge und die bislang noch nicht bewiesene dauerhafte Profitabilität. Der spätere Börsengang von OpenAI würde vermutlich teilweise an Anthropics Börsenperformance gemessen.
Anthropic liefert die Zahlen für eine historische IPO-Erzählung: vorläufig mehr als 11,5 Milliarden Dollar Umsatz im zweiten Quartal 2026, ein Wachstum von mindestens dem 14-Fachen gegenüber dem Vorjahr und erstmals ein positives bereinigtes Betriebsergebnis.
Die gemeldete Bewertung von mindestens 2 Billionen Dollar für einen möglichen Börsengang im Oktober ist deutlich bedingter. Sie beruht auf Anleger-Modellen, die bis Jahresende einen annualisierten Umsatz von 100 bis 120 Milliarden Dollar erwarten. Gleichzeitig muss Anthropic zeigen, dass seine Margen trotz hoher Rechenkosten, Preiskonkurrenz, großer Infrastrukturverpflichtungen und des Pentagon-Streits stabil bleiben können.
Die präziseste Beschreibung lautet deshalb derzeit nicht „Anthropics 2-Billionen-Dollar-IPO“, sondern: ein möglicher Börsengang im Oktober, den einige Investoren mit mindestens 2 Billionen Dollar bewerten würden.