Mit einem Grundpreis von 550.000 Euro – und das vor den bei Ferrari üblichen, oft sechsstelligen Personalisierungskosten – ist der Luce teurer als der SUV Purosangue und sorgte für hochgezogene Augenbrauen. Vignas Antwort fiel bei der „Motor Valley Fest 2026“ wenig diplomatisch, dafür umso klarer aus: „Innovation muss bezahlt werden.“
Er führte aus, dass es einer seiner Grundsätze sei, für technologischen Fortschritt auch einen entsprechenden Preis zu verlangen. Alles andere wäre ein „dreifacher Bärendienst“ – an den Mitarbeitern, der Zuliefererkette und der Technologie selbst .
Und das ist kein bloßes Marketing-Gerede. Der Luce ist ein technisches Schwergewicht: Über 60 neue Patente stecken in dem Wagen, der auf einer komplett neu entwickelten Plattform in fünfjähriger Arbeit entstand . Vier radnah angeordnete E-Motoren liefern in der Launch-Control über 1.000 PS (1.050 CV) und katapultieren den mehr als 2,2 Tonnen schweren Gran Turismo in 2,5 Sekunden auf Tempo 100
. Dazu kommen eine 122-kWh-Batterie mit 800-Volt-Architektur, aktive Fahrwerke und eine Allradlenkung
. Vignas Kalkül: Dieses Paket sucht im Segment seinesgleichen, und genau das rechtfertigt den Preis.
Dem vernichtenden Börsen- und Medienecho setzte Vigna handfeste Zahlen entgegen – oder zumindest Andeutungen davon. „Es gibt starkes Interesse, auch von neuen Kunden“, sagte er. Ferrari hatte den Luce am Rande der Premiere in Rom 1.600 geladenen Gästen präsentiert, bevor die Bestellbücher geöffnet wurden .
„Wir haben bereits Banküberweisungen erhalten, Kunden, die vor Ort waren, wollen ihn“, so Vigna weiter. Konkrete Vorbestellungszahlen nannte er zu diesem Zeitpunkt zwar noch nicht, die Ansage war dennoch deutlich: Die Nachfrage ist real, und der Luce zieht auch neue, wohlhabende Käuferschichten an – eine zentrale strategische Hoffnung für den ersten fünfsitzigen und viertürigen Ferrari .
Die vielleicht strategisch wichtigste Botschaft des CEO war jedoch ein explizites Dementi. Die enorme mediale Aufmerksamkeit für das erste E-Auto, so Vigna, „könnte den Eindruck erweckt haben, dass wir traditionelle Motoren auslaufen lassen. Das ist aber nicht der Fall.“ Seine klare Ansage: „Wie bereits früher erklärt, werden wir weiterhin alle Antriebsarten produzieren, denn die letzte Entscheidung liegt bei unseren Kunden“ .
Dies ist kein Lippenbekenntnis, sondern der Kern von Ferraris aktualisiertem 2030-Strategieplan. Hatte man 2022 noch das Ziel ausgegeben, 40 % der Modellpalette rein elektrisch zu gestalten, wurde diese Quote nun drastisch auf 20 % gekürzt . Die neue Aufstellung für 2030 lautet: 40 % reine Verbrenner, 40 % Hybride und nur 20 % vollelektrische Modelle
.
Vigna untermauerte dies mit einem konkreten Ausblick: Allein im Jahr 2026 wird Ferrari neben dem Luce auch einen Hybrid-Testarossa und ein Modell mit reinem Verbrennungsmotor produzieren . Dieses „Und“ statt „Oder“ ist Ferraris Trumpf. Während Konkurrenten wie Lamborghini ihre Pläne für reine E-Modelle bereits komplett gestrichen und Porsche seine Ambitionen zurückgeschraubt hat, kann sich Ferrari flexibel der Marktnachfrage anpassen
.
Das Fahrzeug markiert einen historischen Bruch mit der Ferrari-Tradition und ist doch in typischen Leistungsdimensionen unterwegs:
Die ersten Auslieferungen in Europa sind für das vierte Quartal 2026 geplant, in den USA für das zweite Quartal 2027 – ein zeitlicher Ablauf, der zeigt, dass Maranello das Projekt trotz aller Kritik mit voller Überzeugung vorantreibt .
Der Kursrutsch war ebenso brutal wie eindeutig. Analysten machten eine Mischung aus „Design-Hass“ und dem klassischen Börsenmuster „Kaufe das Gerücht, verkaufe die Nachricht“ für den Einbruch verantwortlich . Ein Investor brachte es gegenüber Reuters auf den Punkt: Die Aktie werde „für eine ästhetische Enttäuschung bestraft“
.
Dass dieser Rückschlag trotz eines prall gefüllten Auftragsbuchs bis ins Jahr 2027 und glänzender Geschäftszahlen für das erste Quartal 2026 erfolgte, zeigt, wie sehr hier die Wahrnehmung über die Fundamentaldaten siegte . Vignas Verteidigung wird sich letztlich nicht an seinen Worten messen lassen, sondern an den Reaktionen jener Kunden, die ab Oktober 2026 den ersten vollelektrischen Ferrari in Empfang nehmen.