Die 1,285 Milliarden US-Dollar beziehen sich auf den Enterprise Value (EV), also den Wert des operativen Geschäfts unter Berücksichtigung von Schulden und Barmitteln. Airtable verfügt allerdings über eine hohe Netto-Cash-Position – Berichten zufolge liegt sie nahe 1 Milliarde US-Dollar. Einschließlich dieser liquiden Mittel ergibt sich ein impliziter Eigenkapitalwert von rund 2,25 Milliarden US-Dollar .
Vereinfacht gesagt kauft Bending Spoons damit nicht nur das laufende Airtable-Geschäft, sondern übernimmt zugleich eine beträchtliche Liquiditätsreserve. Airtable hat über sieben Finanzierungsrunden insgesamt rund 1,4 Milliarden US-Dollar eingesammelt; ungefähr die Hälfte davon soll noch auf dem Bankkonto liegen .
Eine hundertprozentige US-Tochter von Bending Spoons soll sämtliche Airtable-Anteile von Formagrid Holdings LLC erwerben. Die Verwaltungsräte beider Unternehmen stimmten der Transaktion einstimmig zu . Der Abschluss wird im weiteren Verlauf des Jahres 2026 erwartet – vorbehaltlich behördlicher Genehmigungen und üblicher Vollzugsbedingungen .
Der vereinbarte Unternehmenswert entspricht einem Rückgang von rund 88 bis 89 Prozent gegenüber Airtables Spitzenbewertung aus der Pandemiezeit .
Airtable ist weiterhin ein privates Unternehmen und veröffentlicht keine offiziell bestätigten Umsatz- oder ARR-Zahlen . Die hier genannten Werte stammen daher aus Unternehmensangaben, Analystenschätzungen und Daten aus dem Sekundärmarkt. Zudem war die Handelsspanne 2026 breit: Einzelne Marktindikationen deuteten auf eine Bewertung von nur 2,63 Milliarden US-Dollar hin . Die von Liu genannte Marke von rund 4 Milliarden US-Dollar ist jedoch der am häufigsten verwendete Vergleichswert .
Der Bewertungsrückgang bedeutet nicht, dass Airtable ein schrumpfendes oder zahlungsunfähiges Unternehmen wäre. Nach vorliegenden Schätzungen wächst das Geschäft weiter:
Zum Vergleich: Für 2023 wurde der ARR auf rund 375 Millionen US-Dollar geschätzt, für 2024 auf etwa 478 Millionen US-Dollar . Da Airtable diese Kennzahlen nicht selbst vollständig offenlegt, handelt es sich auch hier um Näherungswerte.
Bending Spoons wurde 2013 in Mailand gegründet und ist seit Juli 2026 an der Nasdaq notiert. Der Konzern verfolgt ein wiederkehrendes Muster: Er übernimmt digitale Produkte und versucht, sie innerhalb eines größeren Portfolios weiterzuentwickeln und profitabler zu machen . Airtable ist die erste Akquisition seit dem Börsengang .
Zu den bekannten Übernahmen und Beteiligungen gehören:
| Unternehmen | Bereich oder Einordnung |
|---|---|
| Evernote | Notiz-App; Übernahme 2022–2023 |
| Remini | KI-gestützte Fotobearbeitung |
| FiLMiC Pro | Professionelle Kamera-App für Video |
| Splice | Videobearbeitung |
| komoot | Navigation für Outdoor-Aktivitäten |
| Vimeo | Videoplattform |
| Brightcove | Video-Cloud-Dienste; Kaufpreis rund 233 Millionen US-Dollar |
| StreamYard | Studio für Livestreams |
| Meetup | Veranstaltungs- und Community-Plattform |
| WeTransfer | Dateiübertragungsdienst |
| Issuu | Digitale Veröffentlichungsplattform |
| Eventbrite | Veranstaltungsmanagement und Ticketing; rund 500 Millionen US-Dollar |
| AOL | Traditionsmarke aus der Internetbranche; 2025 von Yahoo beziehungsweise Apollo übernommen |
| Harvest | Zeiterfassung und Rechnungsstellung |
| Tractive | GPS-Ortung für Haustiere; Übernahme im Mai 2026 |
| Mosaic Group | Portfolio mobiler Apps |
Bending Spoons besitzt nach eigenen Angaben beziehungsweise vorliegenden Berichten mehr als 50 Unternehmen. Zehn davon – AOL, Brightcove, Eventbrite, Evernote, Harvest, komoot, Remini, StreamYard, Vimeo und WeTransfer – erwirtschafteten im ersten Quartal 2026 mehr als 80 Prozent des Konzernumsatzes .
Der Fall zeigt, wie stark steigende Zinsen und niedrigere SaaS-Bewertungen den Markt für Unternehmenssoftware verändert haben. Airtable hat rund 1,4 Milliarden US-Dollar Kapital aufgenommen, bedient nach vorliegenden Angaben 80 Prozent der Fortune 100 und wächst beim ARR weiterhin mit mehr als 20 Prozent . Trotzdem wird das operative Geschäft nun für weniger als das Dreifache des geschätzten jährlichen wiederkehrenden Umsatzes bewertet.
Die entscheidende Erkenntnis: Airtable war zum Zeitpunkt der Übernahme offenbar kein gescheitertes Unternehmen. Es wuchs, war cashflow-positiv und verfügte über eine große Liquiditätsreserve . Der Kauf zeigt vielmehr, dass sich eine gesunde Softwarefirma in einem veränderten Kapitalmarkt drastisch verbilligen kann. Für Bending Spoons ist Airtable damit zugleich ein prominenter Zukauf und ein Test für die eigene Strategie, etablierte digitale Produkte mit einem disziplinierten, cashflow-orientierten Ansatz weiterzuführen.