Ein weiterer Konfliktherd liegt beim Tin‑Bigha‑Korridor. Dieser schmale Landstreifen gehört zu Indien, ermöglicht Bangladesch jedoch den Zugang zur Exklave Dahagram–Angarpota. Seit einem Abkommen zwischen beiden Staaten wird er von der bangladeschischen Bevölkerung genutzt, um das Mutterland zu erreichen.
Anfang 2025 errichteten Bewohner auf indischer Seite Bambuspfosten zur Verstärkung eines Stacheldrahtzauns entlang eines Grenzabschnitts nahe der Enklave. Angehörige der BGB protestierten dagegen und argumentierten, die Konstruktionen würden zu nah an der internationalen Grenze oder sogar in der sensiblen „Zero Line“‑Zone errichtet.
Der Streit steht stellvertretend für ein größeres Problem: Beide Länder sind sich seit Jahren uneinig darüber, wo und wie Grenzzäune gebaut werden dürfen.
Bangladesch wirft Indien immer wieder vor, einige Zaunprojekte der BSF seien nicht autorisiert oder verstießen gegen bilaterale Vereinbarungen. Indien dagegen betrachtet die Zäune als legitime Maßnahmen zur Grenzsicherung.
Der Vorfall am Tin‑Bigha‑Korridor ist kein Einzelfall. Ähnliche Spannungen wurden in mehreren Grenzdistrikten gemeldet.
Bangladesch erklärte, dass es an mindestens fünf Orten entlang der Grenze zu Streit über Bauarbeiten gekommen sei, darunter in Chapainawabganj, Naogaon und Lalmonirhat. Als Reaktion darauf bestellte Dhaka im Januar 2025 sogar den indischen Hochkommissar ein, um gegen angeblich unerlaubte Zaunbauversuche zu protestieren.
In einigen Fällen kam es zu direkten Konfrontationen zwischen BSF‑ und BGB‑Einheiten, wenn Bauarbeiten in sensiblen Grenzbereichen begannen. Manchmal wurden Projekte nach Protesten der bangladeschischen Seite vorübergehend gestoppt.
Diese Vorfälle zeigen, wie schnell selbst kleinere Infrastrukturmaßnahmen an der Grenze diplomatische Spannungen auslösen können.
Die jüngsten Zwischenfälle lassen sich kaum vom politischen Kontext trennen. Die Beziehungen zwischen beiden Staaten gelten seit dem Sturz der bangladeschischen Premierministerin Sheikh Hasina am 5. August 2024 als deutlich belasteter. Nach ihrer Absetzung ging Hasina nach Indien.
Seitdem berichten Beobachter von einer zunehmend angespannten Atmosphäre. Neben Grenzfragen spielen auch andere Themen eine Rolle, etwa Vorwürfe über grenzüberschreitende Gewalt, Visa‑Beschränkungen oder politische Rhetorik auf beiden Seiten.
Einige Analysten sehen zudem Anzeichen dafür, dass die bangladeschischen Grenzbehörden seit dem politischen Umbruch eine deutlich härtere Linie bei Aktivitäten nahe der „Zero Line“ verfolgen.
Die Indien–Bangladesch‑Grenze gehört mit über 4.000 Kilometern Länge zu den komplexesten Landgrenzen der Welt. Lokale Streitigkeiten über Patrouillen, Landwirtschaft, Zäune oder Infrastruktur sind dort nichts Neues.
Neu ist jedoch der politische Kontext. Wenn das Vertrauen zwischen Regierungen sinkt, können selbst kleine Vorfälle – wie der angebliche Schusswechsel bei Sylhet oder der Bambuspfosten‑Streit beim Tin‑Bigha‑Korridor – schnell zu symbolischen Konflikten mit diplomatischen Folgen werden.
Genau deshalb bekommen lokale Grenzzwischenfälle derzeit deutlich mehr Aufmerksamkeit als noch vor einigen Jahren – und zeigen, wie empfindlich das Gleichgewicht entlang dieser langen Grenze geworden ist.