Am 3. August 2026 griff Haugset an, bevor die TV-Übertragung des Tages begonnen hatte. Die entscheidende Aktion und ihr anschließender Sieg wurden nie live gezeigt . In einem Interview nach dem Rennen räumte die Fahrerin selbst das Problem ein. „Dass nur zwei Etappen komplett gezeigt werden, ist auch schon eine Verbesserung“, sagte sie. „Viele Rennen zeigen noch weniger.“
Doch der verpasste Moment war der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen brachte. TNT-Sports-Moderatorin Orla Chennaoui nutzte den Vorfall, um die Organisatoren von ASO öffentlich zur Rede zu stellen. „ASO, was macht ihr da?“, fragte sie live auf Sendung und nannte die eingeschränkte Berichterstattung einen „Bärendienst für den Frauenradsport“ . Die Cyclists‘ Alliance sowie zahlreiche Fahrerinnen und Sportliche Leiter schlossen sich der Kritik an; Worte wie „traurig“, „seltsam“ und „beschämend“ fielen in Bezug auf die Übertragungssituation .
Derzeit erhalten nur 3 der 9 Etappen der Tour de France Femmes – die 1., die 5. und die Schlussetappe – eine vollständige Live-Übertragung von Anfang bis Ende . Die anderen sechs Etappen werden zwischen zwei und drei Stunden lang gezeigt, was bedeutet, dass große Teile der frühen Rennphase routinemäßig nicht übertragen werden .
Zum Vergleich: Die Männer-Tour de France wird in voller Länge übertragen – jede Etappe, jeder Kilometer .
Die Produktion eines ganzen Renntages mit Live-Hubschrauber- und Motorradaufnahmen ist teuer. ASO hat in der Vergangenheit auf die Kosten als Hürde verwiesen . Es gibt noch keine Bestätigung, dass eine vollständige 9-Etappen-Übertragung für 2027 bereits genehmigt oder finanziert ist.
Doch die wirtschaftliche Argumentation hat sich verschoben. Die Einschaltquoten des Frauenradsports sind laut mehreren Berichten „explodiert“, und die Zuschauermassen am Streckenrand des Frauenrennens haben die Erwartungen erfüllt oder übertroffen . Das Argument der Kritiker und Insider: Das Publikum rechtfertigt nun die Produktionskosten in einer Weise, wie es bei früheren Austragungen vielleicht noch nicht der Fall war .
Marion Rousse, Rennleiterin der Tour de France Femmes, hat bestätigt, dass eine vollständige Übertragung aller Etappen derzeit aktiv diskutiert wird. In einem exklusiven Interview mit Cycling Weekly sagte sie, das Thema werde „ernsthaft geprüft“ und „es gibt eine echte Diskussion, die geführt werden muss“ . Rousse betonte, sie habe die Angelegenheit ausführlich mit France Télévisions, dem Host Broadcaster, und mit ASO besprochen. Das Frauenrennen habe sich bewiesen, und die Fahrerinnen verdienten eine vollständige Berichterstattung .
Die endgültige Entscheidung liegt bei ASO und seinen Übertragungspartnern. Eine formelle Zusage für die Ausgabe 2027 gibt es noch nicht, aber Rousse‘ öffentliche Aussagen signalisieren, dass der Druck – von Fahrerinnen, Sendern und dem Publikum – auf höchster Ebene angekommen ist .
Der verpasste Angriff von Haugset ist zu einem Symbol geworden. Chennaouis Kritik live auf Sendung wurde von Fahrerinnen wie Demi Vollering aufgegriffen, die bereits zuvor in der Saison die Ungleichheit in der Berichterstattung als „ungerecht“ bezeichnet hatte, nachdem ihr Sieg bei Lüttich-Bastogne-Lüttich nur ein kurzes Übertragungsfenster erhalten hatte . Die Cyclists‘ Alliance bezeichnete die reduzierte Berichterstattung als „massive Beleidigung für den Frauenradsport“ .
Ähnliche Dynamiken gab es auch bei anderen Rennen. Bei Paris-Roubaix Femmes 2026 wurden nur die letzten 90 Minuten des Rennens übertragen, obwohl es die erste Austragung war, die am selben Tag wie das Männerrennen stattfand . Das Muster – Frauenradsport als Übertragungsnachgedanke behandelt – wird nicht länger stillschweigend hingenommen.
Auch in den sozialen Medien wird der Wandel gefordert. Ein Instagram-Beitrag, der die Übertragungsstunden dokumentierte, wies darauf hin, dass die gesamten TV-Stunden im Frauenradsport von 2025 auf 2026 zwar um 15,3 % gestiegen sind (von 25 h 45 min auf 27 h 40 min), aber dennoch nur 3 von 9 Etappen vollständig übertragen werden. Der Beitrag schloss mit den Worten: „Das Publikum ist da. Eine vollständige Live-Übertragung aller 9 Etappen im Jahr 2027 ist der logische nächste Schritt.“
Ob dieser Schritt getan wird, hängt von ASOs Bereitschaft ab, zu investieren. Aber das öffentliche Plädoyer – vorgetragen in Schlagzeilen, von Sendern und von den Fahrerinnen selbst – ist nun kaum noch zu ignorieren.