Drohungen mit Energie- und Diamantenstopp
Noch schwerwiegender ist die Ankündigung, ein bilaterales Abkommen von 2013 auszusetzen oder gar zu kündigen. Dieses regelt den zollfreien Export von Erdgas, Erdölprodukten und Rohdiamanten nach Armenien. Der russische Energieminister Sergej Ziwilew drohte unverhohlen, die Lieferungen dieser kritischen Rohstoffe zu stoppen, falls Eriwan seinen EU-Beitrittskurs fortsetzt. Die Sprecherin des Außenministeriums, Maria Sacharowa, bestätigte, dass die russische Botschaft ein entsprechendes offizielles Schreiben übermittelt hat ,
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Die wirtschaftlichen Angriffe wurden nahtlos durch eine diplomatische Eskalation auf mehreren Ebenen ergänzt.
Botschafter zurückbeordert
Am 30. Mai rief Moskau seinen Botschafter in Jerewan, Sergej Kopyrkin, zu "Konsultationen" zurück. Das russische Außenministerium begründete diesen Schritt explizit mit den "Schritten der armenischen Führung zur Annäherung an die Europäische Union, die die Zusammenarbeit innerhalb der Eurasischen Wirtschaftsunion untergraben". Eine Botschafterrückberufung ist ein schwerwiegendes diplomatisches Signal, das für tiefste Verstimmungen reserviert ist ,
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Das Referendums-Ultimatum der EAWU
Auf dem Gipfel der Eurasischen Wirtschaftsunion (EAWU) in Astana am 29. Mai setzte Wladimir Putin die Präsidenten von Belarus, Kasachstan und Kirgistan auf eine gemeinsame Linie. Die vier Staatschefs forderten Armenien in einer gemeinsamen Erklärung zu einem sofortigen nationalen Referendum auf, bei dem sich die Bürger zwischen einer EU-Mitgliedschaft und dem Verbleib in der EAWU entscheiden sollen. Die Erklärung warnte, dass Armeniens EU-Bestrebungen "erhebliche Risiken für die wirtschaftliche Sicherheit" des Bündnisses darstellten. Die zuständigen Gremien wurden angewiesen, bis Dezember 2026 einen Bericht über "mögliche Konsequenzen einer Aussetzung" des EAWU-Vertrags in Bezug auf Armenien vorzulegen. Dieses Ultimatum zwingt Eriwan in eine binäre Entscheidung mit einer drohenden Frist ,
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Das vielleicht bedrohlichste Element der Kampagne ist Putins wiederholte Beschwörung eines "ukrainischen Szenarios". Erstmals am 9. Mai geäußert, wiederholte er die Warnung nach dem EAWU-Gipfel am 29. Mai in aller Schärfe: Armenien könne dasselbe Schicksal wie die Ukraine ereilen, sollte es seinen pro-europäischen Kurs fortsetzen ,
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Putin argumentierte, der EU-Beitrittswunsch Kyjiws habe einst eine "Krise" ausgelöst – eine Anspielung auf die Maidan-Revolution von 2014, die der russische Präsident seit Jahren fälschlich als vom Westen gesteuerten Putsch darstellt. Er implizierte, eine ähnliche Dynamik könne auch Armenien verschlingen ,
. Gleichzeitig mahnte der russische Präsident, das Land müsse sich "so schnell wie möglich" zwischen EU-Integration und seinen bestehenden EAWU-Verpflichtungen entscheiden. Sollten EU-Standards übernommen werden, würde Moskau die gesamte wirtschaftliche Integration "zurückfahren", und armenische Bürger bräuchten künftig Genehmigungen, um in Russland zu arbeiten
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Diese Wortwahl ist kein Zufall. Indem der Kreml die demokratische Entscheidung Armeniens als existenzielle Herausforderung für die russische Sicherheit darstellt, bedient er sich der identischen narrativen Architektur, die bereits zur Rechtfertigung der Invasion von 2022 diente ,
. Das russische Außenministerium verstärkte dieses Narrativ und warf Armenien öffentlich vor, es verfolge "keine ausgewogene Haltung gegenüber Moskau" und arbeite mit "europäischen Nationen zusammen, die Russlands Schaden wollen"
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Hinter der Kulisse der öffentlichen Drohungen läuft westlichen Geheimdienstquellen zufolge ein verdeckter Apparat auf Hochtouren, der das Wahlergebnis direkt manipulieren soll.
Der Plan für 50 Millionen Dollar
Eine Reuters-Recherche, die sich auf fünf westliche Geheimdienstmitarbeiter und interne Dokumente stützt, deckte auf, dass Moskau rund 50 Millionen US-Dollar bereitgestellt haben soll, um Zehntausende russisch-armenische Doppelstaatler nach Armenien zu transportieren und gegen Paschinjans Partei stimmen zu lassen. Der Plan zielt demnach darauf ab, bis zu 100.000 Wähler zu mobilisieren – eine Zahl, die das Ergebnis in dem 2,8-Millionen-Einwohner-Land erheblich beeinflussen könnte ,
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Verantwortlich für die Operation sei eine im Oktober neu geschaffene Kreml-Behörde, die "Direktion für strategische Kooperation und Partnerschaft" ,
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. Als operativer Dienstleister wurde die "Social Design Agency" (SDA) identifiziert, eine vom Kreml finanzierte Organisation, deren Personal bereits in Propagandakampagnen quer durch Europa involviert war und die laut dem britischen Außenministerium "vom Kreml beauftragt und finanziert wurde, um eine Reihe von Einmischungsoperationen zur Untergrabung demokratischer Prozesse durchzuführen"
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Bots, Fake-News-Seiten und eine neue Qualität der Desinformation
Parallel dazu haben kremlnahe Netzwerke eine breit angelegte Desinformationskampagne gestartet. Das unabhängige russische Investigativportal Agentstvo und die Analysegruppe Bot Blocker identifizierten ein spezielles Bot-Netzwerk auf der Plattform X (ehemals Twitter), das mit einem hybriden Ansatz arbeitet: KI-gestützte automatisierte Konten agieren im Verbund mit menschlich geführten Profilen, um Anti-Paschinjan-Narrative zu verstärken und die Unterstützung für die Regierung zu untergraben . Die Operation umfasst auch gefälschte Websites, die echte armenische Nachrichtenportale imitieren und pro-russische Propaganda verbreiten
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. Maria Sacharowa wies diese Vorwürfe als westliche Desinformation zurück
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Die Europäische Union reagierte mit öffentlicher Solidarität. Der Sprecher der Europäischen Kommission, Anouar El Anouni, erklärte, die EU unterstütze "die demokratische Resilienz Armeniens, auch gegen hybride Bedrohungen, ausländische Informationsmanipulation und Einmischung" ,
. Die Stellungnahme erkannte die Art der Kampagne des Kremls an, ohne die Konfrontation jedoch direkt zu eskalieren.
Kurz vor dem Wahltag bleibt die Lage hochbrisant. Während die Agrar-Importverbote, die Energiedrohungen und die diplomatischen Rüffel offizielle und bestätigte Maßnahmen Russlands sind, basieren der mutmaßliche 50-Millionen-Dollar-Plan zum Wählertransport und die Details zu den Bot-Netzwerken auf westlichen Geheimdienstquellen und investigativen Berichten, deren voller Umfang noch unbestätigt ist.
Unbestreitbar hingegen ist: Die Wahl in Armenien am 7. Juni ist zur neuesten Frontlinie im Feldzug des Kremls geworden, jede ehemalige Sowjetrepublik daran zu hindern, sich seinem Orbit zu entziehen. Dabei wird das dafür verwendete Handbuch zunehmend offener, teurer und bedrohlicher.
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