Das Treffen zwischen Syriens Außenminister Asaad al-Schaibani und Mossad-Chef Roman Gofman war ein Versuch, die Krise nach Israels Angriff auf den Luftwaffenstützpunkt Abu al-Duhur zu entschärfen. Aus einem Streit über die Rolle der Türkei im Syrien nach Assad war binnen weniger Tage eine Konfrontation geworden, in die Israel, Syrien, die Türkei und die USA hineingezogen wurden. 102
Nach Angaben syrischer Staatsmedien und mehrerer Berichte trafen mindestens acht israelische Angriffe die Startbahn und Lageranlagen der Basis. Eine syrische Militärquelle und ein Anwohner erklärten, es habe keine Opfer gegeben. Der Angriff erfolgte nur wenige Stunden nach dem Besuch einer türkischen Delegation – ein zeitlicher Zusammenhang, der die unterschiedlichen Darstellungen des Vorfalls prägt. 11618
Was Israel verhindern wollte
Israel erklärte, Syrien habe kurz davor gestanden, einen vereinbarten sicherheitspolitischen Status quo zu verletzen, indem es türkischen Truppen die Stationierung auf der Basis ermöglichen wollte. Israelische Regierungsvertreter sagten, der Angriff habe einen türkischen Militärstützpunkt in der Nähe von Aleppo verhindern sollen. Zuvor habe Israel Damaskus wiederholt gewarnt. 2238
Die israelische Sorge richtete sich nach dieser Darstellung nicht allein gegen türkische Soldaten. Israelische Vertreter sehen auch türkische Luftabwehr, Drohnen und Raketen in Syrien als mögliche militärische Fähigkeiten, die Israels Handlungsspielraum einschränken oder ein neues Risiko schaffen könnten. Israel stellte den Angriff deshalb als präventive Warnung und nicht als Versuch dar, türkische Kräfte zu töten. 18
Diese Darstellung ist jedoch nicht unabhängig bestätigt. Dass der Angriff auf den Besuch der türkischen Delegation folgte, belegt einen zeitlichen Zusammenhang – nicht aber, dass eine Stationierung tatsächlich beschlossen worden war oder unmittelbar bevorstand.
Syriens Dementi einer dauerhaften türkischen Basis
Damaskus schilderte die Vorgänge anders. Syrische Vertreter erklärten, der türkische Besuch habe der Ausbildung und militärischen Zusammenarbeit gegolten, nicht dem Aufbau einer dauerhaften türkischen Basis oder einer langfristigen Stationierung von Truppen in Abu al-Duhur. Außenminister al-Schaibani sagte zudem, die Anlage sei zum Zeitpunkt des Angriffs weitgehend leer gewesen. Er wies zurück, dass eine türkische Militärpräsenz den Angriff gerechtfertigt habe. 1333
Syrien verurteilte den Angriff als Verletzung seiner Souveränität und rief zur Deeskalation auf. Das Treffen am Sonntag bot daher einen direkten Gesprächskanal über mögliche Sicherheitsvorkehrungen – anstatt die Beziehungen durch einseitige Militärschläge und öffentliche Schuldzuweisungen weiter zu belasten. 1020
Die Türkei weist Israels Vorwürfe zurück
Auch Ankara bezeichnete Israels Vorwürfe zur türkischen Militärrolle in Syrien als nicht haltbar und verurteilte den Angriff. Die Türkei erklärt ihre Zusammenarbeit mit Damaskus mit Ausbildung, der Stabilisierung Syriens und dem Wiederaufbau – nicht mit dem Versuch, Israel militärisch einzukreisen. 449
Der Streit ist besonders heikel, weil Abu al-Duhur nahe der türkischen Grenze liegt. Ein Angriff auf einen Standort, an dem sich türkisches Personal befand oder vermutet wurde, hätte eine direkte militärische Reaktion auslösen können – selbst wenn Israel nach eigener Darstellung nur syrische Infrastruktur treffen wollte.
Warum Washington alarmiert war
Tom Barrack, der US-Sondergesandte für Syrien und zugleich Botschafter in der Türkei, bezeichnete den Angriff als „unnötige Eskalation“. Die USA arbeiteten an einem Mechanismus zur Vermeidung direkter Zwischenfälle zwischen Israel, der Türkei und Syrien, sagte er. Barrack warnte außerdem, Ankara sei nicht vorab informiert worden und hätte den Anflug israelischer Flugzeuge als Bedrohung auffassen können. 150
Israelische Vertreter widersprachen dieser Darstellung. Sie erklärten, Washington sei informiert worden. Die Frage der Vorwarnung ist deshalb wichtig, weil die Türkei ein US-Verbündeter und NATO-Mitglied ist. Jeder Zwischenfall mit türkischen Kräften hätte damit weit über den syrischen Schauplatz hinausreichende Folgen haben können. 2139
Barrack sagte später, der Angriff könnte das Risiko beinhaltet haben, die Türkei in eine größere Konfrontation hineinzuziehen. Das ist die Einschätzung des US-Gesandten und kein belegter Nachweis über die Absichten Israels. 3637
Die Bedeutung der vertraulichen Gesprächskanäle
Das Treffen am Sonntag war nicht der erste jüngste Kontakt zwischen israelischen und syrischen Vertretern. Gofman und al-Schaibani hatten nach Angaben von Personen mit Kenntnis der Angelegenheit bereits am 14. August telefoniert – vier Tage vor dem Angriff auf Abu al-Duhur. Dabei ging es ebenfalls um die türkische Militärpräsenz in Syrien. 2
Diese Kontakte erklären, warum das Treffen wichtig war: Beide Seiten verfügten bereits über einen Kanal, um die umstrittene türkische Präsenz zu besprechen. Es gab jedoch noch keine von allen Beteiligten akzeptierten Regeln. Israel handelte auf Grundlage seiner eigenen Einschätzung einer entstehenden Gefahr; Syrien und die Türkei bestritten, dass von der Basis eine solche Gefahr ausging.
Was weiterhin ungeklärt ist
Das unmittelbare Ziel des Treffens bestand darin, die Spannungen nach dem Angriff zu senken – nicht darin, alle Differenzen über die Rolle der Türkei in Syrien zu lösen. Die zentrale offene Frage lautet, ob Abu al-Duhur tatsächlich zu einem türkischen Militärstützpunkt werden sollte oder ob es lediglich um einen Besuch zur Ausbildung und militärischen Zusammenarbeit ging.
Die vorliegenden Berichte belegen die Abfolge der Ereignisse: den Besuch der türkischen Delegation, die Angriffe am 18. August, die gegensätzlichen Erklärungen und die anschließenden diplomatischen Kontakte. Sie bestätigen jedoch nicht unabhängig die israelische Geheimdiensteinschätzung. Die vorsichtigste Schlussfolgerung lautet daher: Israel wollte nach eigener Darstellung eine gefährliche türkische Militärentwicklung verhindern; Syrien und die Türkei erklären dagegen, dass eine solche Stationierung nicht geplant gewesen sei. Die Gespräche sollten verhindern, dass dieser Streit in Syrien zu einer direkten Konfrontation zwischen Israel und der Türkei führte. 103350