Für Reisende lautet die wichtigste Nachricht zunächst: airBaltic will weiterfliegen. Die lettische Fluggesellschaft hat am 14. September 2026 beim US-Konkursgericht für den Southern District of New York freiwillig Schutz nach Chapter 11 beantragt. Dieses US-Verfahren dient der geordneten Sanierung unter gerichtlicher Aufsicht – nicht der sofortigen Stilllegung eines Unternehmens.
1
10
Auslöser war das Zusammentreffen zweier Probleme: einer seit Längerem angespannten Finanzlage und einem massiven Anstieg der Kerosinkosten im Zusammenhang mit dem Iran-Krieg. Reuters zufolge haben sich die Preise für Flugtreibstoff dadurch verdoppelt.
1
7
Hohe Umsätze reichten nicht aus
Der Treibstoffschock war der unmittelbare Beschleuniger, aber nicht die alleinige Ursache. airBaltic erzielte 2025 zwar 779,3 Millionen Euro Umsatz, schrieb jedoch einen Nettoverlust von 44,3 Millionen Euro. Im ersten Quartal 2026 stieg der Nettoverlust trotz höherer Erlöse auf 70,1 Millionen Euro.
3
23
Damit war der finanzielle Spielraum gering, um höhere laufende Kosten oder teure neue Kredite abzufedern. Fitch hatte vor dem Insolvenzantrag erklärt, die Optionen der Airline seien ohne externe Mittel „ziemlich begrenzt“, und den kurzfristigen Finanzierungsbedarf auf 156 Millionen Euro geschätzt.
18
Zuvor hatte airBaltic versucht, bis zu 257 Millionen Euro über neue vorrangige Schulden aufzunehmen. Diese sogenannten Super-Senior-Verbindlichkeiten wären bei einer Rückzahlung vor den bestehenden Anleihen mit Laufzeit bis 2029 bedient worden – ein zentraler Kritikpunkt für die bisherigen Anleihegläubiger.
3
17
Was mit den Schulden geregelt werden soll
Laut Berichten zu den Gerichtsunterlagen belaufen sich die verzinslichen Finanzschulden von airBaltic auf rund 583,9 Millionen US-Dollar. Darin enthalten sind etwa 456,8 Millionen US-Dollar ausstehender Kapitalbetrag der besicherten Anleihen von 2029. Zusätzlich bestehen operative Leasingverpflichtungen von rund 992,5 Millionen US-Dollar; diese sind von den Finanzschulden zu unterscheiden.
40
Chapter 11 verschafft dem Unternehmen Zeit und einen rechtlichen Rahmen, um mit Gläubigern sowie Flugzeug- und Leasingpartnern zu verhandeln. Das Ziel ist eine tragfähigere Kapitalstruktur, etwa durch Änderungen von Konditionen, Schuldentausch, längere Laufzeiten oder eine Umwandlung von Schulden in Eigenkapital. Wie einzelne Gläubigergruppen am Ende behandelt werden, ist bislang nicht öffentlich festgelegt.
1
32
350 Millionen Euro als Finanzierung für den laufenden Betrieb
Für die Sanierungsphase liegt eine Zusage über 350 Millionen Euro – umgerechnet etwa 405 Millionen US-Dollar – an neuer Finanzierung vor. Zu der Kreditgebergruppe gehören Strategic Value Partners, Barclays, Hayfin Capital Management, Morgan Stanley und Oaktree Capital Management.
1
2
Dabei handelt es sich um eine DIP-Finanzierung (debtor in possession): neues Geld für ein Unternehmen während eines Chapter-11-Verfahrens. Es soll die Liquidität sichern, damit der Betrieb nicht wegen fehlender Mittel abrupt zusammenbricht. Die Finanzierung soll rund 12 Prozent kosten – ein Hinweis darauf, wie hoch Kreditgeber das Risiko einschätzen.
10
33
airBaltic erklärt, dass planmäßige Flüge, Ticketverkäufe, Reservierungen und der Kundenservice während des Verfahrens normal fortgeführt werden. Auch bestehende Tickets, Gutscheine und Guthaben sollen gültig bleiben.
15
Die A220-Flotte wird deutlich kleiner
Die Sanierung betrifft nicht nur die Bilanz. Nach dem überarbeiteten Geschäftsplan soll die Airbus-A220-300-Flotte bis Ende 2026 von 54 auf rund 36 Flugzeuge sinken. Danach ist bis 2031 nur ein schrittweiser Wiederaufbau auf ungefähr 40 Maschinen vorgesehen.
46
48
Zugleich will die Airline ihr Streckennetz stärker auf Riga ausrichten sowie Kosten und Erlösstruktur verbessern. Die Maßnahmen sollen wiederkehrende jährliche Vorteile von etwa 45 Millionen Euro bringen; Berichte beziffern die angestrebte jährliche Ergebnisverbesserung auf rund 44 bis 45 Millionen Euro.
45
49
Die Logik: Kapazität und Fixkosten sollen zu einem schwierigeren Marktumfeld passen. Eine kleinere Airline kann finanziell robuster sein – muss aber genügend Umsatz und Anschlussverbindungen erhalten, damit das geschrumpfte Netz tatsächlich profitabel wird.
Eigentümerfrage und Zieltermin Juni 2027
airBaltic rechnet damit, die gerichtlich überwachte Sanierung etwa im Juni 2027 abzuschließen. Das ist ein Ziel, keine Zusage: Der laufende Betrieb muss stabil bleiben, die Gläubiger müssen einem Plan zustimmen, und das neue Geschäftsmodell muss wirtschaftlich überzeugen.
10
Auch die Eigentümerstruktur könnte Teil der Lösung werden. Der lettische Staat hält 88,37 Prozent an airBaltic, Lufthansa 10 Prozent. Nach Reuters verhandelt die lettische Regierung mit einem strategischen Investor.
30
36 Neue Eigenmittel, eine Verwässerung bestehender Anteile oder ein Einstieg eines strategischen Partners hängen jedoch von den Vereinbarungen ab, die Gläubiger und Anteilseigner letztlich akzeptieren.
Unterm Strich tauscht airBaltic den akuten Liquiditätsdruck gegen teure neue Finanzierung und gerichtlichen Schutz ein. Für Passagiere soll sich kurzfristig wenig ändern. Ob die Airline dauerhaft überlebt, entscheidet sich daran, ob sie Schuldenlast, Kostenbasis und Flottenumfang so weit anpassen kann, dass das kleinere Unternehmen nachhaltig Geld verdient.