Hinter den Kursbewegungen ist die Marktteilnahme nahezu zum Erliegen gekommen. Das Analysehaus Santiment meldete, dass die Handelsvolumina der wichtigsten Kryptowährungen auf den niedrigsten Stand seit fast zwei Jahren gefallen sind . Diese Volumen-Dürre spiegelt einen Markt wider, in dem "Aufregung und Überzeugung weitgehend verschwunden sind"
. Während ein solcher Mangel an Interesse oft auf maximale Anleger-Müdigkeit hindeutet, stellt Santiment fest, dass ähnliche, über mehrere Quartale andauernde Volumentiefs in der Vergangenheit häufig Kurserholungen vorausgingen und nicht den Beginn neuer Bärenmärkte markierten
.
Das institutionelle Rückgrat, das einst den Bitcoin-Aufstieg stützte, ist derzeit eine Hauptquelle des Verkaufsdrucks. US-Spot-Bitcoin-ETFs erlebten eine schmerzhafte Abflussserie und verloren allein in der Woche bis zum 5. Juni 1,72 Milliarden Dollar, womit sich die Serie auf fünf aufeinanderfolgende Wochen ausweitete . Der IBIT-Fonds von BlackRock führte die Kapitalflucht an und verlor an einem einzigen Tag 448,6 Millionen Dollar durch Rücknahmen
. Der Umfang der Abflüsse ist historisch: Die kumulierten Abflüsse aus diesen Produkten summierten sich im Jahr 2026 bis Ende Februar auf rund 4,5 Milliarden Dollar und übertrafen damit die mageren 1,8 Milliarden Dollar an Zuflüssen im gleichen Zeitraum bei Weitem
.
Dieses institutionelle De-Risking fällt mit aggressiven Verkäufen von Langzeit-Investoren zusammen. On-Chain-Daten belegen, dass "Whales" während des jüngsten Kursrutsches mehr als 21.000 BTC abgestoßen haben . Der unmittelbare Auslöser für den Einbruch unter 60.000 Dollar Anfang Juni war die Bekanntgabe, dass Strategy (ehemals MicroStrategy), der größte börsennotierte Bitcoin-Halter, einen Teil seiner Reserven verkauft hatte
. Dieser Schritt erschütterte das Marktvertrauen und löste kaskadenartige Liquidationen aus
.
Laut dem Analysehaus CryptoQuant erlebt der Markt nicht nur einen kleinen Rücksetzer, sondern befindet sich in einer "anhaltenden Verteilungsphase" . Das alarmierendste On-Chain-Signal ist der totale Nachfrageeinbruch. CryptoQuant berechnete durch die Kombination von Positionen in unbefristeten Futures mit dem offensichtlichen Spot-Kauf, dass die gesamte Bitcoin-Nachfrage in einer einzigen Woche Anfang Juni um erschütternde 652.000 BTC schrumpfte – der stärkste wöchentliche Rückgang seit fast vier Jahren
. Die ETF-spezifische Nachfrage wies über einen 30-Tage-Zeitraum einen negativen Wert von -74.000 BTC auf
.
Dieses Nachfrage-Vakuum verursacht tiefe Buchverluste im gesamten Netzwerk. Mehr als die Hälfte des im Umlauf befindlichen Bitcoin-Angebots wird derzeit mit einem nicht realisierten Verlust gehalten . Der Kurs liegt nur noch etwa 9 % über dem sogenannten "Realisierten Preis" – den durchschnittlichen Anschaffungskosten aller Marktteilnehmer auf der Blockchain – einer Zone, in der sich historisch oft die Tiefststände von Bärenmärkten gebildet haben
. CryptoQuants Forschungsleiter Julio Moreno verweist auf den Realisierten Preis von 53.600 Dollar als "Kandidaten für den Bewertungsboden", warnt jedoch ausdrücklich, dass dies kein bestätigter Zyklusboden sei
. Er merkt an, dass die realisierten Verluste der letzten 30 Tage nur 187.000 BTC betrugen, eine Zahl, die noch nicht mit der intensiven Kapitulation früherer Zyklustiefs vergleichbar ist
.
Trotz der extrem ungünstigen Nachfragebedingungen verweisen einige Analysten auf strukturelle Signale, die eine Trendwende stützen könnten.
Der 200-Wochen-Durchschnitt: Mit dem Kursverfall hat der 200-Wochen-Durchschnitt die Marke von 61.000 Dollar überschritten und bildet nun eine wichtige Unterstützungszone. Mehrere Händler sehen das Niveau von 60.000 Dollar und den 200-Wochen-Durchschnitt als das entscheidende Schlachtfeld zwischen Bullen und Bären . Während spezifische Aussagen von Blockstream-CEO Adam Back zu diesem Thema in den jüngsten Berichten nicht unabhängig bestätigt werden konnten, repräsentiert der 200-Wochen-Durchschnitt historisch eine langfristige Wertzone. Allerdings warnen Händler, dass die aktuelle Kursstruktur auch eine unangenehme Ähnlichkeit mit dem Bärenmarkt vom März 2022 aufweist, wobei der 200-Tage-Durchschnitt bei rund 82.400 Dollar als massiver Widerstand wirkt
.
Anleger-Apathie statt Kapitulation: Santiment argumentiert, dass die Zwei-Jahres-Tiefststände bei den Volumina auf eine maximale Anleger-Apathie hindeuten. Die historische Analyse des Unternehmens legt nahe, dass viele Erholungen aus Bullenmärkten in solchen Phasen geringer Aktivität begonnen haben. Interessant ist auch, dass die soziale Stimmung von einem extrem optimistischen Wert am 22. Mai auf den pessimistischsten Stand am 3. Juni abgestürzt ist – eine extreme Stimmungsschwankung, die Trendwenden oft vorausgeht .
Ein strukturell reiferer Rücksetzer: Der CryptoQuant-Analyst Maartunn lieferte eine breitere Perspektive und merkte an, dass der Rückgang von 53 % gegenüber dem Allzeithoch deutlich geringer ausfällt als die 80-85 %-Crashs früherer Makrozyklen, was auf eine allmähliche Reifung des Marktes und tiefere institutionelle Unterstützungsniveaus hindeutet .
Unter dem Strich bleibt es ein Tauziehen zwischen der aktuell einbrechenden Nachfrage und historischen Mustern. Der Realisierte Preis von 53.600 Dollar wird am häufigsten als potenzieller Boden genannt, doch der Weg dorthin ist keineswegs sicher, und dem Markt fehlt noch immer die klassische Volumenspitze einer "Kapitulation", die definitive Tiefststände markiert. Kurzfristig dienen das psychologische Niveau von 60.000 Dollar und der 200-Wochen-Durchschnitt als Realitätscheck für den Markt.
Comments
0 comments