Diese Entscheidung fällt nicht im luftleeren Raum. Der Legislativvorschlag im Juli ist Teil einer umfassenden Überarbeitung des gesamten EU-Emissionshandels, um ihn mit dem rechtsverbindlichen EU-Klimaziel für 2040 in Einklang zu bringen – einer Netto-Emissionsreduktion von 90 Prozent gegenüber 1990 . Die Gesamtobergrenze für Emissionen im Kohlenstoffmarkt sinkt bereits drastisch, und der Luftfahrtsektor hat seine kostenlosen Zertifikate vollständig verloren. Von 2026 an sind Fluggesellschaften auf den erfassten Strecken den vollen CO₂-Kosten ausgesetzt
.
Die Brisanz des Themas wird durch die aktuellen Marktbedingungen massiv verschärft.
Die Pläne der Kommission treffen auf eine koordinierte und massive Gegenoffensive der Luftfahrtindustrie. Die Kernargumente drehen sich um Wettbewerbsfähigkeit, Handel und die Integrität des globalen CORSIA-Rahmenwerks.
Am 8. Juni 2026 schickten die Vorstandsvorsitzenden der größten europäischen Fluggesellschaften – darunter Air France-KLM, IAG (Eigentümerin von British Airways), Lufthansa und Ryanair – einen gemeinsamen Brief an Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen. Die Botschaft des Reuters vorliegenden Schreibens war unmissverständlich: „Eine Ausweitung der EU-CO₂-Bepreisung auf Flüge außerhalb des EWR wird europäische Passagiere und Unternehmen weiter bestrafen, indem sie die Kosten für Flugreisen erhöht“ .
Das Schreiben argumentiert zudem, dass eine einseitige ETS-Ausweitung das globale CORSIA-System direkt untergräbt, dessen verpflichtende Phase 2027 beginnt. Die Branche fürchtet eine Marktfragmentierung, bei der sich Airlines zwei überlappenden und widersprüchlichen Systemen gegenübersehen .
Der Internationale Luftverkehrsverband IATA ist der lautstärkste institutionelle Gegner. In einer Stellungnahme vom März 2026 forderte er die EU auf, die „vollständige Umsetzung von CORSIA für alle internationalen Flüge, einschließlich Flügen innerhalb des EWR“ sicherzustellen, um eine „schädliche regulatorische Fragmentierung“ zu verhindern . Die IATA wirft der EU vor, „CORSIA zu kapern“, und warnt, die ETS-Ausweitung würde den „internationalen Konsens“ zur CO₂-Reduktion im Luftverkehr destabilisieren
. Die IATA-Lobbyarbeit seit 2025 konzentrierte sich darauf, die ETS-Abdeckung von Intra-EWR-Flügen durch CORSIA zu ersetzen – ein Schritt, der nach Meinung von Analysten die Emissionsminderungen deutlich abschwächen würde
.
Ein noch breiteres Bündnis europäischer Luftfahrtverbände, darunter Airlines for Europe (A4E) und der Airports Council International (ACI) Europe, veröffentlichte am 5. Juni 2026 einen offenen Brief. Darin warnt die Allianz, die ETS-Ausweitung könne einen „aggressiven Handelskrieg“ auslösen und „kontinentale Airlines lahmlegen“ . Die Allianz unterstreicht, dass die derzeitige CORSIA-Ausnahmeregelung Ende 2026 ausläuft und ihre automatische Verlängerung ohne den neuen Vorschlag bereits zu einer Ausweitung des EU ETS führen würde
.
Die politische Dynamik im EU-Ministerrat ist komplex. Zwar gibt es keine definitive öffentliche Liste, aber eine Koalition aus neun Mitgliedstaaten hat sich in vorbereitenden Verhandlungen Berichten zufolge gegen die Ausweitung gestemmt. Historische Aufzeichnungen aus den Verhandlungen zum „Fit for 55“-Paket zeigen, dass Irland Bedenken hinsichtlich der Subsidiarität geäußert hat und der tschechische Senat förmlich eine Bewertung des Risikos von Kostensteigerungen einforderte . Bedenken hinsichtlich der Anbindung von Rand- und Überseegebieten sind ebenfalls prominent.
Umgekehrt drängt ein Block klimaehrgeiziger Staaten, angeführt von Frankreich und den Niederlanden, in die entgegengesetzte Richtung und unterstützt die Ausweitung des EU ETS auf alle abfliegenden Flüge .
Der Zeitplan ist straff und der legislative Weg klar vorgezeichnet:
Der Vorschlag der Kommission ist nur der Anfang. Sobald er auf dem Tisch liegt, wird er Ende 2026 und bis ins Jahr 2027 hinein Gegenstand intensiver Verhandlungen und möglicher Änderungen sowohl im Rat (der die Mitgliedstaaten vertritt) als auch im Europäischen Parlament sein. Das Ergebnis wird darüber entscheiden, ob die CO₂-Kosten für Flüge ab Europa eine regionale Angelegenheit bleiben oder globale Dimensionen annehmen.
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