Der Zeitpunkt der Entlassungen ist ein Kernpunkt des Konflikts. Die IWGB spricht von einer koordinierten Unterdrückung gewerkschaftlicher Aktivitäten. Rockstar weist diese Darstellung zurück und erklärt, die Beschäftigten seien entlassen worden, weil sie vertrauliche Unternehmensinformationen in einem Discord-Kanal geteilt oder diskutiert hätten, den das Unternehmen als öffentliches Forum betrachtete.
Die IWGB argumentiert, Rockstar habe die Beschäftigten wegen ihrer Gewerkschaftsarbeit ins Visier genommen – nicht wegen legitimer Verstöße gegen Vertraulichkeitsregeln. Nach Darstellung der Gewerkschaft diente der Discord-Server der Organisation am Arbeitsplatz. Die dort geführten Gespräche seien geschützte gewerkschaftliche Aktivitäten gewesen.
Zum Verfahren gehören außerdem Blacklisting-Vorwürfe. Gemeint ist damit in diesem Zusammenhang das mutmaßliche Sammeln oder Verwenden von Informationen über Gewerkschaftsmitglieder und Aktivisten, um Beschäftigungs- oder Managemententscheidungen zu beeinflussen. Ein Tribunal hat zugelassen, dass diese Vorwürfe Teil des Verfahrens bleiben und bei der Hauptverhandlung geprüft werden können. Das bedeutet nicht, dass Rockstar nachweislich eine solche Liste geführt oder gegen Arbeitsrecht verstoßen hat.
Rockstar erklärt, die Entlassungen hätten nichts mit der gewerkschaftlichen Organisierung zu tun. Auslöser seien vielmehr das Teilen und Besprechen wirtschaftlich sensibler Informationen gewesen. Dazu sollen nach Angaben des Unternehmens Details zu GTA 6 und anderen unangekündigten Projekten, Entwicklungsfortschritte, Zeitpläne für Veröffentlichungen sowie interne Sicherheitsmaßnahmen gehört haben.
Um seine Darstellung zu untermauern, verweist Rockstar auch auf andere Entlassungen im Zusammenhang mit mutmaßlichen Leaks. Genannt wird unter anderem ein Mitarbeiter des Studios in Lincoln, der im April 2025 wegen einer angeblichen Weitergabe von GTA-6-Informationen entlassen worden sein soll; die Informationen wurden später in sozialen Medien veröffentlicht. Außerdem verweist das Unternehmen auf separate Fälle in den USA im November 2023 und in Indien im November 2025. Diese Beispiele gehören zu Rockstars Begründung für eine strikte Leak-Politik. Sie klären jedoch nicht automatisch, ob die Entlassungen im Oktober durch Gewerkschaftsaktivitäten motiviert waren.
Bei den früheren Verfahren in Glasgow ging es um interim relief, also eine vorläufige finanzielle Unterstützung während des laufenden Hauptverfahrens. Das Tribunal lehnte den Antrag ab. Nach Einschätzung des Gerichts hatten die Beschäftigten zu diesem Zeitpunkt nicht ausreichend wahrscheinlich gemacht, dass der wichtigste Grund für ihre Entlassung die Mitgliedschaft in der IWGB oder eine entsprechende Tätigkeit gewesen war.
Es handelte sich dabei um eine vorläufige Entscheidung – nicht um ein abschließendes Urteil darüber, ob Rockstar rechtmäßig gehandelt hat. Die Gewerkschaft betonte, dass die Beschäftigten ihre Klagen wegen ungerechtfertigter Entlassung, Benachteiligung und Blacklisting weiterhin in der Hauptverhandlung verfolgen können.
In einer späteren vorläufigen Entscheidung scheiterte Rockstar mit dem Versuch, die Blacklisting-Vorwürfe aus dem Verfahren entfernen zu lassen. Diese Ansprüche können damit bei der vollständigen Verhandlung vorgebracht werden; die zugrunde liegenden Tatsachenfragen sind weiterhin offen.
Die abschließende Verhandlung vor dem Employment Tribunal in Glasgow ist für den Zeitraum vom 10. September bis zum 15. Oktober 2026 angesetzt. Sie soll voraussichtlich klären, ob die Entlassungen rechtswidrig mit Gewerkschaftsmitgliedschaft oder Organisierung verbunden waren, ob die behaupteten Verstöße gegen die Vertraulichkeit tatsächlich der Grund für die Kündigungen waren und ob die Blacklisting-Vorwürfe bewiesen werden können.
Entscheidend ist damit die Frage nach dem Motiv. Das Tribunal muss Rockstars Beweise zu den Discord-Inhalten und zur Leak-Politik ebenso bewerten wie die Aussagen der Beschäftigten zur Organisierung, zum Zeitpunkt der Entlassungen und zur Identifizierung der betroffenen Mitarbeiter. Bis zu einem endgültigen Urteil bleiben Begriffe wie „Gewerkschaftsbekämpfung“ Vorwürfe und sind keine gerichtlich festgestellten Tatsachen.
Der Konflikt beschränkt sich nicht auf die Klagen der ehemaligen Mitarbeiter. Im Juni 2026 beantragten weiterhin bei Rockstar beschäftigte Entwickler die freiwillige Anerkennung der IWGB Game Workers Union. Eine solche Anerkennung würde einen formellen Kanal für kollektive Verhandlungen und die Interessenvertretung am Arbeitsplatz schaffen.
Rockstar erklärte, mit der Gewerkschaft sprechen zu wollen. Kommt es nicht zu einer freiwilligen Anerkennung, könnte die IWGB – vorbehaltlich des geltenden Verfahrens – eine gesetzliche Anerkennung beim Central Arbitration Committee beantragen.
Damit hat der Konflikt auch eine aktuelle betriebliche Dimension: Im Tribunal geht es um die entlassenen Beschäftigten und die Gründe für ihre Kündigung. Die Anerkennung der Gewerkschaft betrifft dagegen die Frage, wie die derzeitigen Mitarbeiter von Rockstar künftig gemeinsam über ihre Arbeitsbedingungen verhandeln könnten.
Obwohl sie Fans um Unterstützung für ihren Rechtsstreit bitten, haben die entlassenen Entwickler nicht zu einem Boykott von GTA 6 aufgerufen. Ihre Begründung: Ein Boykott könnte dem Spiel und den Menschen schaden, die daran gearbeitet haben, ohne den Rechtsstreit direkt voranzubringen. Stattdessen bittet die IWGB Unterstützer, den Rechtshilfefonds der Beschäftigten durch den Kauf von Gewerkschaftsartikeln zu unterstützen.
Das wichtigste angebotene Produkt ist das 25 Pfund teure „Rockstar 34 Solidarity T-shirt“. Vorbestellungen waren bis zum 30. August möglich; die Einnahmen sollen nach Angaben der Organisatoren die rechtlichen Schritte der Beschäftigten finanzieren.
GTA 6 soll derzeit am 19. November 2026 für PlayStation 5 und Xbox Series X|S erscheinen. Der geplante Release liegt damit kurz nach dem voraussichtlichen Ende der Tribunal-Verhandlung – ein Umstand, der den Arbeitskonflikt in der ohnehin stark beachteten Veröffentlichungsphase des Spiels besonders sichtbar machen dürfte.
Rockstars Position lautet: Die 34 Entlassungen waren eine notwendige Reaktion auf schwerwiegende Verstöße gegen die Vertraulichkeit und Teil einer umfassenderen, konsequenten Leak-Politik. Die IWGB hält dagegen, dass diese Vorwürfe nur als Vorwand dienten, um Gewerkschaftsmitglieder und Organisatoren zu bestrafen.
Das Tribunal hat zugelassen, dass auch die weitergehenden Ansprüche der Beschäftigten – einschließlich der Blacklisting-Vorwürfe – in der Hauptverhandlung geprüft werden. Es hat jedoch weder festgestellt, dass Rockstar Gewerkschaftsbekämpfung betrieben hat, noch dass die Beschäftigten Informationen rechtswidrig weitergegeben haben. Die entscheidenden Feststellungen werden für die Verhandlung in Glasgow vom September bis Oktober 2026 erwartet.