Zur Einordnung: SpaceX allein peilt eine Kapitalbeschaffung von 75 Milliarden Dollar an, ein Betrag, der fast 10 % des durchschnittlichen täglichen Aktienhandelsvolumens in den USA entspricht . Wenn drei Angebote dieser Größenordnung innerhalb eines relativ engen Zeitfensters eintreffen, entsteht eine simple, aber wirkmächtige Dynamik: ein massiver Anstieg des Angebots an neuen Aktien ohne einen garantiert proportionalen Anstieg der Nachfrage.
Genau das ist das von Brice angesprochene „Verdauungsproblem“ – die Sorge, dass dieser plötzliche Zustrom die Liquidität institutioneller Anleger aufsaugen und einen Abwärtsdruck auf die breiteren Indizes ausüben könnte . Die Vermögensverwaltung GMO, geleitet vom legendären Investor Jeremy Grantham, hatte bereits Anfang des Jahres eine ähnliche Warnung ausgegeben: Wenn ein substanzielles neues Aktienangebot ohne einen entsprechenden Nachfrageanstieg auf den Markt kommt, könnten die Kurse fallen
.
Die Risiken gehen über die reine Angebots- und Nachfragemechanik hinaus. Mehrere Faktoren verstärken die Unsicherheit:
Frage der Profitabilität: Weder OpenAI noch Anthropic erwirtschaften derzeit Gewinne, sodass ihre hochtrabenden Bewertungen stark davon abhängen, ob die prognostizierten künftigen Umsätze tatsächlich eintreten . Jedes Verfehlen der Wachstumsziele könnte zu einer abrupten Neubewertung führen.
Extreme Index-Konzentration: Der S&P 500 ist bereits jetzt stark kopflastig: Nur zehn Aktien machen fast 40 % des Indexwerts aus – der höchste Wert seit der Weltwirtschaftskrise. Die Aufnahme von drei weiteren Billionen-Dollar-Schwergewichten könnte diese Konzentration auf fast 50 % erhöhen und das systemische Risiko massiv verstärken .
Verkaufsdruck nach der Haltefrist: Viele frühe Investoren sind seit Jahren an ihre Anteile gebunden. Nach der branchenüblichen sechsmonatigen Haltefrist (Lock-up-Periode) nach einem IPO können diese Geldgeber ihre Aktien abstoßen, was einen zusätzlichen Abwärtsdruck auf die Kurse erzeugen könnte .
Umfassendere Marktauswirkungen: Auf einem KI-Finanzierungsgipfel in New York warnten Investoren und Banker, dass ein schwaches Abschneiden auch nur eines dieser IPOs die Investitionsbereitschaft für KI insgesamt deutlich dämpfen könnte . Die Börsennotierungen legen eine Art öffentliche Preisuntergrenze – oder Obergrenze – für den gesamten Sektor fest
. Eine negative Überraschung hätte Folgen für die Bewertung privater KI-Unternehmen.
Die Botschaft von Standard Chartered ist eine der taktischen Vorsicht. Brice beschreibt die IPOs als „Verdauungsherausforderung“, was bedeutet, dass die Bank diese Angebotswelle als kurzfristigen Risikofaktor betrachtet, der eine maßvolle Reaktion rechtfertigt – und keine Gelegenheit, blind dem Hype zu folgen .
Infolgedessen rät die Bank speziell mit Blick auf die Sommermonate zu einer verhaltenen Positionierung, gerade weil sich diese Mega-Listings zeitlich ballen . Der Rat deckt sich mit breiteren Warnungen, dass diese IPO-Welle ein „extrem seltenes Ereignis in der Geschichte der Kapitalmärkte“ darstellt und der Markt Zeit benötigen wird, um nach der Absorption einer so gewaltigen Menge neuer Aktien sein Gleichgewicht zu finden
.
Die Kernbotschaft für Anleger: Man sollte auf kurzfristige Turbulenzen gefasst sein und dem IPO-Hype mit Geduld begegnen. Auch wenn die langfristigen Aussichten für KI verlockend bleiben mögen, dürfte der Weg durch diese historische Börsengangswelle holprig werden.
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