Den finanziellen Rückenwind für den Kurswechsel erhielt Nothing bereits im September 2025. In einer von Tiger Global angeführten Series-C-Finanzierungsrunde nahm das Unternehmen 200 Millionen US-Dollar ein und wurde mit 1,3 Milliarden US-Dollar bewertet. Zu den weiteren Geldgebern zählten unter anderem GV – die Investmentgesellschaft von Google –, Highland Europe, EQT, Qualcomm Ventures und Zerodha-Mitgründer Nikhil Kamath .
Damit stieg das insgesamt eingeworbene Kapital auf mehr als 450 Millionen US-Dollar . Carl Pei begründete den Schritt mit einer grundlegenden Veränderung der Hardware: „Damit KI ihr maximales Potenzial entfalten kann, muss sich Consumer-Hardware gemeinsam mit ihr weiterentwickeln“ .
Den ersten sichtbaren Baustein für dieses neue Ökosystem stellte Nothing im September 2025 mit Essential vor. Die Plattform gilt als erster Schritt auf dem Weg zu einem KI-nativen Betriebssystem, das sich stärker an den individuellen Bedürfnissen der Nutzer orientieren soll .
Essential besteht zunächst aus zwei Teilen:
Das vollständige Essential OS soll in der ersten Hälfte des Jahres 2027 erscheinen . Pei vertritt dabei die These, dass KI-Agenten klassische Smartphone-Apps langfristig ersetzen könnten. Statt eines starren Rasters aus App-Symbolen würde sich die Benutzeroberfläche dann dynamisch an die jeweilige Person und ihre Aufgaben anpassen .
Branchenberichte von Smartprix und Gizmochina nennen eine erste Produktwelle, die für September 2026 erwartet wird . Demnach plant Nothing:
Die Angaben sind bislang nicht offiziell bestätigt. Berichten zufolge will Nothing für diese Kategorien außerdem mehr Entwicklungsressourcen bereitstellen und die Priorität der Android-Smartphones verringern .
Auch eine KI-gestützte Brille soll Teil der neuen Geräte-Strategie werden. Bloomberg berichtete im April 2026, Nothing plane eine Veröffentlichung in der ersten Hälfte des Jahres 2027. Die Brille könnte Kameras, Mikrofone und Lautsprecher besitzen und für die KI-Verarbeitung mit einem Smartphone sowie der Cloud verbunden werden .
Carl Pei soll smarten Brillen zunächst skeptisch gegenübergestanden haben. Inzwischen habe er den Mitarbeitern jedoch eine Strategie mit mehreren miteinander verbundenen Geräten vorgestellt . Das Smartphone wäre in diesem Modell nicht mehr zwingend das zentrale Produkt, sondern Teil eines größeren Geräteverbunds.
Der Strategiewechsel fällt in eine Phase interner Einschnitte. Ende Juli 2026 berichtete Digit, Nothing könne sich aus zwölf internationalen Märkten zurückziehen und seine weltweite Belegschaft um rund 40 Prozent verkleinern. Besonders stark betroffen seien Forschungs- und Entwicklungsstandorte in China und London .
Nothing-Mitgründer Akis Evangelidis bezeichnete die Berichte über den Marktrückzug auf X als „FAKE NEWS“ . Gleichzeitig bestätigte er, dass das Unternehmen Teams neu organisiert und Stellen abbaut, um eine neue KI-native Geschäftseinheit aufzubauen . Die genannten Zahlen seien jedoch „way overblown“, also deutlich übertrieben. Nothing konsolidiere seine Aktivitäten vielmehr in regionalen Zentren .
Unabhängig davon berichtete CityAM, dass mehr als 100 der rund 800 weltweit Beschäftigten von den Kürzungen betroffen sein könnten. Besonders gefährdet seien demnach etwa 25 Marketingstellen in Großbritannien . Fest steht damit: Die Umstrukturierung findet statt. Unklar bleibt vor allem, wie groß sie tatsächlich ausfällt und ob tatsächlich ganze Märkte aufgegeben werden.
Für Fans günstiger Nothing-Geräte gibt es eine weitere schlechte Nachricht: Die Budgetmarke CMF bringt 2026 kein neues Smartphone auf den Markt . Evangelidis bestätigte die Absage und verwies auf stark gestiegene Kosten für RAM und andere Speicherkomponenten. Ein Smartphone unterhalb der 250-Dollar-Marke sei dadurch wirtschaftlich kaum noch umsetzbar .
Stattdessen brachte Nothing das Phone (4b) unter der Hauptmarke auf den Markt. Nach Angaben des Unternehmens verkaufte sich das Modell am ersten Tag 29.537-mal .
CMF selbst war im September 2025 in ein eigenständiges, in Indien ansässiges Unternehmen ausgegliedert worden. Dafür waren Investitionen von mehr als 100 Millionen US-Dollar und mindestens 1.800 neue Arbeitsplätze innerhalb von drei Jahren vorgesehen . Die Ausgliederung zeigt, dass Nothing mit CMF ursprünglich große Pläne hatte – der vorläufige Smartphone-Stopp markiert daher eine deutliche Kurskorrektur.
Wie stark die Smartphone-Sparte zurückgefahren wird, ist derzeit offen. Mehrere Berichte sprechen davon, dass Nothing weniger Ressourcen in die Entwicklung von Android-Handys stecken will . Daraus ergeben sich zwei mögliche Szenarien:
Die bisherige Formulierung des Unternehmens – Smartphones würden nicht verschwinden, seien aber „nicht mehr das wichtigste Ereignis“ – spricht eher für einen schrittweisen Bedeutungsverlust als für einen abrupten Ausstieg . Entscheidend dürfte sein, wie der Markt auf die für September 2026 erwartete Gerätewelle reagiert und ob Essential OS bei seinem geplanten Start 2027 tatsächlich einen Mehrwert gegenüber klassischen Apps bietet.
Für Nothing steht damit mehr auf dem Spiel als nur ein neues Produktportfolio: Die Marke versucht, aus dem Smartphone-Geschäft heraus ein eigenes KI-Ökosystem zu entwickeln. Ob daraus ein überzeugender Geräteverbund oder lediglich eine Ansammlung von KI-Funktionen entsteht, wird sich in den kommenden Monaten zeigen.