Die belastbare Vergleichsmarke kommt von Anthropic selbst. Im Februar 2026 gab das Unternehmen bekannt, 30 Milliarden US-Dollar in einer Series-G-Runde eingesammelt zu haben, bei einer Post-Money-Bewertung von 380 Milliarden US-Dollar – also einer Bewertung nach Einrechnung des neuen Kapitals .
Eine Bewertung von 850 Milliarden US-Dollar läge damit bei ungefähr dem 2,2-Fachen dieser Februar-Marke; 900 Milliarden US-Dollar wären etwa das 2,4-Fache . Weil die neue Runde nicht abgeschlossen ist und die finale Struktur nicht öffentlich vorliegt, sind das Einordnungen der Größenordnung – keine endgültigen Vertragsbedingungen.
Bei klassischen Softwarefirmen geht es oft darum, wie schnell Kunden gewonnen werden und wie hoch die Margen sind. Bei führenden KI-Modellen kommt eine zweite, sehr harte Begrenzung dazu: verfügbare Rechenkapazität. Anthropic versucht, für Claude Kapazitäten zum Trainieren neuer Modelle und zum Bedienen laufender Nutzeranfragen zu sichern. Die wichtigsten Bausteine der Investorenerzählung sehen so aus:
| Partner | Angekündigte oder berichtete Kapazität | Warum das zählt |
|---|---|---|
| Amazon | Anthropic kündigte eine erweiterte Amazon-Vereinbarung über bis zu 5 Gigawatt Kapazität für Training und Bereitstellung von Claude an, inklusive Trainium2-Kapazität in der ersten Jahreshälfte 2026 und fast 1 Gigawatt Trainium2- und Trainium3-Kapazität bis Ende 2026 . | Das gibt Anthropic einen großen, festeren Versorgungspfad über Amazons Infrastruktur und Spezialchips. |
| Google und Broadcom | Anthropic meldete eine Vereinbarung mit Google und Broadcom über mehrere Gigawatt TPU-Kapazität der nächsten Generation, die ab 2027 online gehen soll . Reuters berichtete unter Berufung auf The Information zudem von einer Google-Cloud-Ausgabenverpflichtung über 200 Milliarden US-Dollar innerhalb von fünf Jahren . | Damit verbreitert Anthropic die Compute-Basis über Amazon hinaus und bindet die Claude-Roadmap an langfristige Cloud-Lieferketten. |
| SpaceX | Gigazine und StorageReview berichteten über eine Compute-Vereinbarung mit SpaceX, die Anthropic Zugang zu Colossus-Kapazität verschaffe, darunter mehr als 300 Megawatt und mehr als 220.000 Nvidia-GPUs . | Wenn diese Berichte zutreffen, hätte Anthropic eine große GPU-Quelle außerhalb der üblichen Hyperscaler-Kanäle. |
| Akamai | Akamai legte einen siebenjährigen Cloud-Deal über 1,8 Milliarden US-Dollar mit einem Kunden offen, den das Unternehmen als führenden Anbieter von Frontier-Modellen beschrieb; Bloomberg identifizierte den Kunden als Anthropic, und The Next Web berichtete, Akamais Aktie sei nach der Offenlegung um 27 Prozent gestiegen . | Das deutet darauf hin, dass Anthropic zusätzlich auf weitere Cloud- und verteilte Infrastrukturpartner setzt. |
Der gemeinsame Nenner: Anthropic verkauft Investoren nicht nur Wachstum bei Claude, sondern die Aussicht, genügend knappe KI-Infrastruktur vorab zu sichern.
Die optimistische Rechnung ist ein Abgleich von Nachfrage und Kapazität. Anthropic braucht genug Kundenumsatz, um riesige Compute-Verträge zu monetarisieren – und genug Compute, um diese Nachfrage überhaupt bedienen zu können.
Auf der Nachfrageseite meldete Anthropic im Februar einen Run-Rate-Umsatz von 14 Milliarden US-Dollar; außerdem sei die Zahl der Kunden, die jährlich mehr als 100.000 US-Dollar für Claude ausgeben, im Vorjahr um das Siebenfache gestiegen . TechCrunch berichtete später, Anthropics annualisierte Umsatzrate habe 30 Milliarden US-Dollar überschritten .
Diese Zahlen erklären, warum Investoren eine außergewöhnlich hohe private Bewertung überhaupt in Betracht ziehen könnten. Wenn Claude im Unternehmenseinsatz weiter wächst und Rechenkapazität knapp bleibt, können gesicherte Infrastrukturverträge zum Wettbewerbsvorteil werden. Die Einschränkung ist allerdings zentral: Eine Run-Rate ist kein testierter Jahresumsatz und erst recht kein Gewinn. Aus den verfügbaren Berichten lässt sich nicht ableiten, wie dauerhaft die Margen nach Chip-, Cloud-, Netzwerk- und Stromkosten sind.
Bisher geht es um Angebote und Gespräche, nicht um eine abgeschlossene Finanzierung. Das macht einen Unterschied. Eine Bewertung von mehr als 900 Milliarden US-Dollar würde die Erwartungen innerhalb weniger Monate von der offiziellen Februar-Bewertung von 380 Milliarden US-Dollar auf mehr als das Doppelte heben . Solange keine Runde geschlossen ist, können Bewertung, Zeitpunkt und Bedingungen noch kippen.
Die Infrastruktur, die Anthropic für Investoren attraktiv macht, kann zugleich teuer werden. Eine berichtete Google-Cloud-Verpflichtung über 200 Milliarden US-Dollar, eine Amazon-Vereinbarung in Gigawatt-Größenordnung, ein berichteter SpaceX-Kapazitätsdeal und ein Akamai-Vertrag über 1,8 Milliarden US-Dollar zeigen ein Geschäftsmodell, in dem Skalierung enorme laufende und vorgezogene Ausgaben erfordert . Offen bleibt, ob Claude-Nutzung nach diesen Kosten genug Bruttogewinn erzeugt.
TechCrunch beschrieb die mögliche Runde als voraussichtlich letzte private Kapitalaufnahme vor einem erwarteten Börsengang später im Jahr 2026; die Mittel sollten demnach massive Rechenbedürfnisse finanzieren . Eine höhere private Bewertung kann diesen Ausbau erleichtern. Sie erhöht aber auch die Messlatte für den öffentlichen Markt. Für einen IPO müssten Anleger glauben, dass das Umsatzwachstum weiter stark bleibt und sich die Stückökonomie verbessert. Die aktuelle Berichterstattung beantwortet diese Frage noch nicht.
Sollte eine Finanzierung auch nur annähernd zu den berichteten Konditionen zustande kommen, wäre Anthropics Bewertung kaum von seiner Compute-Strategie zu trennen. Die Geschichte lautet nicht einfach: Claude wächst. Sie lautet: Anthropic versucht, die Infrastruktur zu sichern, die dieses Wachstum überhaupt möglich macht .
Genau darin liegt aber auch das Risiko. Private KI-Bewertungen nahe der Billionen-Dollar-Marke lassen wenig Raum für Enttäuschungen – besonders dann, wenn Compute-Kosten hoch bleiben, das Umsatzwachstum langsamer wird oder öffentliche Investoren vor einem IPO klarere Belege für Profitabilität verlangen .