Die Berichte über die beiden gedoxten Kinder und die nicht einvernehmliche Veröffentlichung einer intimen Aufnahme bestätigen, dass diese Fälle zum frühen Arbeitsaufkommen der OSC gehörten. Detaillierte Ergebnisse zu den einzelnen Fällen wurden bislang jedoch nicht veröffentlicht.
Die Bedeutung der Kommission lässt sich deshalb nicht allein an der Zahl von rund 200 Meldungen ablesen. Nach Singapurs Online Safety (Relief and Accountability) Act bietet sie Betroffenen einen eigenen, leichter zugänglichen Weg, um zeitnahe Abhilfe zu beantragen. Dazu kann gehören, Plattformen und Betreiber relevanter Online-Gruppen zur Entfernung schädlicher Inhalte anzuweisen. Auch Maßnahmen gegen Konten, die an schädlichem Verhalten beteiligt sind, sind im Rahmen vorgesehen.
Ein öffentlich bekannt gewordener Fall betraf einen TikTok-Beitrag, der eine Frau fälschlich mit den Umständen des Rücktritts des früheren kommissarischen Ministers Muhammad Faishal Ibrahim in Verbindung brachte. Nach Prüfung der Meldung und der Feststellung eines schädlichen Online-Vorgangs ergriff die OSC Maßnahmen; der Beitrag war anschließend nicht mehr verfügbar.
Der Zuständigkeitsbereich soll schrittweise über die fünf anfänglichen Kategorien hinaus erweitert werden. Insgesamt erkennt der gesetzliche Rahmen 13 Formen digitaler Gewalt an.
Die OSC ist der gesetzliche Mechanismus für Abhilfe. Das SHECARES Centre übernimmt eine ergänzende Rolle und bietet Unterstützung, die sich an den Erfahrungen und Bedürfnissen der Betroffenen orientiert.
Diese Unterscheidung ist entscheidend: Wenn ein Beitrag gelöscht wird, ist der Schaden nicht automatisch behoben. Betroffene können weiterhin Drohungen, Angst vor einer erneuten Veröffentlichung, Rufschädigung oder psychische Belastungen erleben. Oft brauchen sie mehrere Formen von Unterstützung gleichzeitig:
Die OSC kann Verantwortlichkeit herstellen und die weitere Verbreitung schädlicher Inhalte begrenzen. Beratungs- und Hilfsangebote unterstützen Betroffene bei den persönlichen Folgen, die auch nach der Löschung eines Beitrags, Kontos oder Videos bestehen bleiben können.
Das frühe Arbeitsaufkommen der OSC passt zu anderen Befunden aus Singapur. Justizminister Edwin Tong verwies auf Untersuchungen der Organisation SHE, wonach 38 Prozent der Singapurerinnen und Singapurer persönlich digitale Gewalt erlebt haben. Von den Betroffenen berichteten 36 Prozent über schwere Folgen – darunter Depressionen, Angst um die eigene Sicherheit und in einigen Fällen Suizidgedanken.
Eine ältere, vom Justizministerium zitierte SHE-Untersuchung ergab außerdem, dass 76 Prozent der Befragten sich unwohl dabei fühlten, online persönliche Ansichten zu potenziell kontroversen Themen zu äußern. Frauen, junge Menschen und Minderheiten wurden als besonders gefährdet genannt.
Die Zahlen machen deutlich, dass Online-Sicherheit mehr bedeutet als die Frage, ob ein beleidigender oder bedrohlicher Beitrag noch sichtbar ist. Digitale Gewalt kann die Bereitschaft zur Teilnahme am öffentlichen Austausch einschränken, Menschen zum Schweigen bringen und Selbstzensur fördern.
Eine separate Umfrage aus dem Jahr 2022, auf die Singapurs Innenministerium verwies, kam zu dem Ergebnis, dass sich 66 Prozent der Befragten online sicher fühlten. Beim nächtlichen Alleingehen fühlten sich dagegen 92 Prozent sicher. Da die Werte aus einer anderen Umfrage und einem anderen Jahr stammen, sind sie kein direktes Update der SHE-Erhebung. Sie verdeutlichen aber ebenfalls den Unterschied zwischen der Wahrnehmung körperlicher und digitaler Sicherheit.
Die vorliegenden SHE-Daten weisen auf Unterschiede bei Art und Folgen digitaler Gewalt hin. In der vom Ministerium zitierten SHE-Studie aus dem Jahr 2023 gaben 22 Prozent der weiblichen Jugendlichen an, sexuelle Belästigung erlebt zu haben – gegenüber 14 Prozent über alle Befragten hinweg. Außerdem hatten 52 Prozent der 15- bis 24-Jährigen persönlich digitale Gewalt erlebt; insgesamt waren es 38 Prozent.
Diese Werte liefern jedoch keine vollständige Aufschlüsselung nach Männern und Frauen für jede einzelne Kategorie. Daraus lässt sich weder ableiten, dass alle Formen digitaler Gewalt beide Geschlechter gleich treffen, noch ein genauer Geschlechterunterschied für das gesamte Arbeitsaufkommen der OSC berechnen.
Die Daten stützen eine vorsichtigere Schlussfolgerung: Geschlecht, Alter und Identität können beeinflussen, wie Menschen digitaler Gewalt ausgesetzt sind und welche Folgen sie davontragen. Sexualisierte Belästigung, Drohungen und die Veröffentlichung intimer Inhalte können besondere Sicherheits- und Reputationsrisiken mit sich bringen. Andere Betroffene erleben möglicherweise andere Formen von Einschüchterung, Demütigung oder Ausgrenzung.
Tong betonte, dass Regulierung notwendig sei, das Problem aber nicht allein lösen könne. Die OSC und das Gesetz schaffen durchsetzbare Wege zu Abhilfe. Zugleich tragen Plattformen, Betreiber von Online-Gruppen und Nutzerinnen und Nutzer Verantwortung für die Umgangskultur, die sie zulassen oder selbst fördern.
Dazu gehört auch, Stereotype und Geschlechtervorstellungen zurückzuweisen, die Frauenfeindlichkeit, Belästigung oder Gewalt normalisieren. Wenn schädliches Verhalten als Unterhaltung, unvermeidbarer Teil des Internets oder etwas betrachtet wird, das Betroffene einfach hinnehmen müssten, greifen rechtliche Maßnahmen zwangsläufig erst, nachdem bereits Schaden entstanden ist.
Singapurs erste Erfahrungen sprechen deshalb für einen zweigleisigen Ansatz:
Die ersten rund 200 Meldungen zeigen, dass Betroffene den neuen Weg nutzen. Die SHE-Ergebnisse erklären, warum es um mehr geht als um Moderation von Inhalten: Digitale Gewalt kann Menschen zum Schweigen bringen, ihr Sicherheitsgefühl erschüttern und bestehende Ungleichheiten verstärken. Entscheidend wird daher sein, ob schnelle rechtliche Hilfe mit echter Unterstützung und einem Wandel jener Verhaltensweisen einhergeht, die den Schaden verursachen.