Nach Angaben des WFP hat die akute Mangelernährung von Kindern in zwölf Provinzen bereits ein kritisches Niveau erreicht. Für dieses Jahr wird mit etwa 3,7 Millionen akut mangelernährten Kindern gerechnet.
Armut, Vertreibung, Naturkatastrophen und sinkende humanitäre Hilfsgelder verschärfen die Situation. Nach Angaben der Vereinten Nationen erhält derzeit nur etwa jeder neunte Afghane, der von akutem Hunger betroffen ist, Nahrungsmittelhilfe des WFP. Die Lücke zwischen Bedarf und verfügbarer Unterstützung bleibt damit enorm.
Pakistan hat bereits zuvor kontrollierte Grenzpassagen für humanitäre Lieferungen der Vereinten Nationen genehmigt, während der reguläre Handel ausgesetzt blieb. Diese Unterscheidung ist auch bei den 724 Lastwagen zentral: Hilfsgüter können unter besonderen Vereinbarungen passieren, obwohl der umfassendere Konflikt zwischen Pakistan und Afghanistan fortbesteht.
Die vorliegenden Berichte liefern keinen Hinweis darauf, dass der Konvoi die politischen oder sicherheitspolitischen Streitfragen hinter der Grenzschließung gelöst hätte. Hilfsorganisationen können Torkham deshalb erst dann als stabilen und ausbaufähigen Korridor einplanen, wenn der Zugang über längere Zeit vorhersehbar bleibt.
Die Grenzschließung zwang die humanitären Planer, Lieferungen über längere und kompliziertere Wege zu schicken. Eine WFP-Lieferung mit angereicherten Keksen sollte ursprünglich per Lastwagen rund 7.000 Kilometer durch Pakistan zurücklegen. Nach der Schließung wurde sie über Dubai in Richtung Iran umgeleitet.
Doch auch diese Alternative geriet durch die regionale Instabilität und die Beeinträchtigungen rund um die Straße von Hormus unter Druck. Iran erwies sich damit als unsichere Ausweichroute für die humanitäre Logistik. Andere Berichte schildern, wie Hilfsgüter durch mehrere Länder geleitet werden mussten, während die Organisationen nach einer praktikablen Verbindung suchten.
Die Lehre daraus ist nicht nur, dass eine Grenze schneller passierbar ist als eine andere. Afghanistan ist als Binnenstaat auf wenige regionale Korridore angewiesen. Politische Konflikte oder Störungen im Seeverkehr können deshalb sehr schnell zu einem Problem der Lebensmittelversorgung werden.
Die 724 Lastwagen dürften dazu beigetragen haben, eine unmittelbare Lücke bei Lebensmitteln und anderer lebenswichtiger Hilfe zu verhindern. Die größere Bedeutung des Vorgangs ist jedoch eher warnend als beruhigend:
Dass 724 Lastwagen Torkham passieren konnten, ist ein bedeutender humanitärer Erfolg: Trotz monatelanger Einschränkungen gelangten Lebensmittel und andere wichtige Güter nach Afghanistan. Die Passage sollte jedoch nicht mit einer dauerhaften Wiedereröffnung verwechselt werden.
Afghanistan verfügt damit vorerst über eine vorübergehende Lebensader, nicht über einen gesicherten Versorgungskorridor. Solange die Spannungen zwischen Pakistan und Afghanistan anhalten und alternative Wege nicht zuverlässig funktionieren, bleibt jede Hilfslieferung anfällig für die nächste politische oder regionale Krise.