Am Vorabend des Eröffnungsspiels hatte sich Staatspräsident Recep Tayyip Erdoğan mit einer emotionalen Videobotschaft an das Team gewandt und versucht, das ganze Land auf eine neue Heldentat einzuschwören. Seine Worte waren eine direkte Anlehnung an den größten Erfolg der türkischen Fußballgeschichte:
„Die Erinnerung an den Stolz, den wir bei der WM 2002 erlebt haben, lebt immer noch in unseren Herzen. Jetzt ist es an der Zeit, ein neues Epos zu schreiben; wir werden dieses Epos gemeinsam schreiben."
Erdoğan betonte, dass „alle 86 Millionen unserer Bürger in demselben Gefühl der Einheit, des Stolzes und der Vorfreude vereint sind“ — eine Stimmung, die von Edirne bis Kars, von Sinop bis Hatay zu spüren sei . Doch der am nächsten Tag folgende Auftritt hatte mit einem Epos nicht viel gemein.
Vor 52.497 Zuschauern, darunter FIFA-Präsident Gianni Infantino, entpuppte sich das lang erwartete Comeback schnell als Albtraum . Die Australier unter Trainer Tony Popovic spielten einen Matchplan, der wie aus einem Lehrbuch für Konterfußball wirkte: Kompakt stehen, Räume zustellen und dann gnadenlos zuschlagen.
Der erste Nackenschlag folgte in der 27. Minute. Nach einer halbherzigen Offensivaktion der Türkei schalteten die „Socceroos" in Sekundenschnelle um. Ein langer Ball von Paul Okon-Engstler fand den 20-jährigen Nestory Irankunda, der den Ball traumhaft sicher mitnahm und flach an Ugurcan Cakir vorbei ins lange Eck schob . Irankunda ist damit der jüngste Torschütze, der je für Australien bei einer Weltmeisterschaft getroffen hat . Sein Jubellauf zur Eckfahne, gegen die er nach Art seines berühmten Landsmannes Tim Cahill boxte, war ein Stich ins Herz aller türkischen Fans .
Die Türkei hatte in der Folge mehr vom Spiel, rannte aber unkoordiniert und ohne echte Durchschlagskraft an. Zwar verbuchte das Team am Ende ein Ballbesitzverhältnis von über 70 Prozent, doch Abschlüsse und Flanken verpufften regelmäßig an der robusten australischen Defensive oder am überragenden Keeper Patrick Beach. Beach, der sein erstes Pflichtspiel überhaupt bestritt, entschärfte acht türkische Schüsse und avancierte zum unüberwindbaren Turm in der Schlacht .
Der entscheidende Todesstoß kam in der 75. Minute, genau zu dem Zeitpunkt, als die türkische Mannschaft endlich so etwas wie Druck aufzubauen schien. Ein energischer Mittelfeldvorstoß von Connor Metcalfe endete mit einem fulminanten Distanzschuss ins Tor – 2:0 für Australien . Die Partie war entschieden, der große Traum vom Traumstart geplatzt.
Die überraschende Niederlage hat die Türkei in der Hammergruppe D sofort in eine extrem ungemütliche Lage gebracht. Mit null Punkten und 0:2 Toren belegt das Team nur den dritten Platz, noch hinter Paraguay, das am selben Tag Gastgeber USA mit 1:4 unterlag .
Australien und die Vereinigten Staaten führen die Tabelle mit je drei Punkten an . Für die Türkei geht es jetzt schon in den nächsten Partien um alles oder nichts. Sollte die Mannschaft noch die K.o.-Runde erreichen wollen – auch ein Weiterkommen als einer der besten Gruppendritten ist theoretisch möglich –, sind Niederlagen tabu .
Die verbleibenden Gruppenspiele:
Nach 24 Jahren Hoffen und Bangen und der mitreißenden Ansprache ihres Präsidenten stehen die türkischen Nationalspieler nun vor einem harten Realitätscheck. Die Zeit für neue Heldentaten und Epen drängt, doch die erste Gelegenheit wurde von einem cleveren und abgezockten Gegner zunichtegemacht.