Schottland startete munter und wurde kurz vor der halben Stunde belohnt. Nach einem Gestocher im Strafraum fiel der Ball John McGinn vor die Füße. Sein Linksschuss wurde von einem haitianischen Verteidiger entscheidend abgefälscht, was Torhüter Johny Placide auf dem falschen Fuß erwischte. Der Ball trudelte ins Netz .
Haiti, das zum ersten Mal seit 1974 wieder bei einer WM dabei war, gab sich keineswegs auf . Die Mannschaft steigerte sich, hatte in der zweiten Halbzeit über weite Strecken mehr Ballbesitz und drängte Schottland in die eigene Hälfte. Frantzdy Pierrot kam dem Ausgleich in der Schlussphase qualvoll nahe, als sein Kopfball knapp am Pfosten vorbeistrich und die lautstarke schottische Anhängerschaft den Atem anhalten ließ
. Letztlich sicherte eine entschlossene Abwehrleistung, angeführt vom erfahrenen Grant Hanley, das wertvolle Zu-Null und die drei Punkte
.
Die Zahlen belegen, dass Haiti die schottische Defensive vor ernsthafte Probleme stellte. Der Wert der Expected Goals (xG) zeigt jedoch, dass Schottland die klareren Chancen des Abends kreierte .
| Statistik | Haiti | Schottland |
|---|---|---|
| Ballbesitz | 51,6 % | 48,4 % |
| Torschüsse (auf das Tor) | 15 (2) | 9 (2) |
| xG (Expected Goals) | 0,70 | 0,91 |
| Pässe gesamt (angekommen) | 431 (378) | 397 (324) |
| Passgenauigkeit | 88 % | 82 % |
| Gelbe Karten | 1 | 3 |
| Ecken | 4 | 3 |
| Fouls | 23 | 21 |
Die Bedeutung des Moments war auch dem Matchwinner bewusst, der nach dem Abpfiff mit roher Emotion sprach.
John McGinn gab sich hinsichtlich der Qualität seines Siegtreffers gewohnt selbstironisch, aber auch kämpferisch. „Es war nicht mein bestes Tor, aber wen interessiert's? Es war lange überfällig. Ich habe ihn ein bisschen verschandelt (“a wee bit scuffed“)“, sagte McGinn zu Reportern und fügte hinzu, er sei „unfassbar stolz“ („beaming with pride“) . Er würdigte die historische Dimension und merkte an, eine ganze Generation schottischer Fans habe so einen Moment noch nie erlebt. „Ich hoffe, dass die Kinder, wenn sie morgen aufwachen, ein Gefühl von Stolz verspüren“, so McGinn
.
Der Mittelfeldspieler von Aston Villa zollte auch dem Gegner Respekt. „Haiti ist übrigens eine starke Mannschaft. Sie haben Neuseeland an die Wand gespielt, Peru ebenfalls, und heute Abend mussten wir hart dafür arbeiten“, räumte er ein . Mit Blick auf die bevorstehenden, schwereren Aufgaben gegen die Schwergewichte der Gruppe betonte McGinn, dass sein Team noch längst nicht am Limit sei. „Das Gute für uns ist, dass wir noch Gänge hochschalten können“, erklärte er
.
Steve Clarke, sichtlich erleichtert, lobte vor allem den Charakter seiner Spieler. Er sprach den vor dem Spiel allgegenwärtigen Druck offen an. „Jeder hat uns gesagt, es sei ein Pflichtsieg – und wir haben das Spiel gewonnen“, sagte Clarke. „Ich bin müde, aber absolut begeistert von meinen Spielern: Widerstandsfähigkeit, Charakter, alles, was diese Truppe ausmacht, musste heute Abend auf dem Platz sein, und das war es“ .
Der Sieg markiert eine tektonische Verschiebung für den schottischen Fußball auf der globalen Bühne.
Nachdem sich Brasilien und Marokko früher am Tag 1:1 getrennt hatten, schob sich Schottland mit seinem Sieg direkt an die Tabellenspitze .
| Platz | Mannschaft | Spiele | S | U | N | Tordifferenz | Punkte |
|---|---:|---|---:|---|---:|---|---:|---:|
| 1 | Schottland | 1 | 1 | 0 | 0 | +1 | 3 |
| 2 | Brasilien | 1 | 0 | 1 | 0 | 0 | 1 |
| 3 | Marokko | 1 | 0 | 1 | 0 | 0 | 1 |
| 4 | Haiti | 1 | 0 | 0 | 1 | -1 | 0 |
Schottlands weiterer Weg durch die Gruppe führt nun über ein Duell mit Marokko, bevor der monumentale Zusammenprall mit dem fünfmaligen Champion Brasilien ansteht . Auch wenn die Leistung gegen Haiti weit von einem fußballerischen Leckerbissen entfernt war, bildet das Ergebnis die perfekte Ausgangsbasis für eine Nation, die ein ganzes Leben lang darauf gewartet hat, endlich wieder wirklich daran glauben zu dürfen.