Die Flut am 26. August entlang der Grenze zwischen Nepal und China war offenbar keine gewöhnliche, durch Regen ausgelöste Überschwemmung. Vorläufige Satellitenauswertungen und geologische Einschätzungen deuteten darauf hin, dass sich an der Nordseite des Langtang Lirung ein großer Gletscherabschnitt – möglicherweise zusammen mit darunterliegendem Fels – löste und in ein Tal stürzte. Die dabei entstandene Lawine aus Eis und Gestein vermischte sich mit Schlamm und Wasser und raste anschließend durch Flusstäler im nepalesischen Distrikt Rasuwa sowie im chinesischen Kreis Gyirong. 192028
Am 26. und 27. August meldeten erste Berichte mindestens 160 Tote und mehr als 1.300 Vermisste in der betroffenen Grenzregion. Die Angaben unterschieden sich je nach Behörde und Nachrichtenorganisation, unter anderem weil Straßen, Brücken und Kommunikationsverbindungen zerstört worden waren und viele Gemeinden weiterhin abgeschnitten blieben. Die Opferzahlen waren daher als vorläufige Zwischenstände zu verstehen – nicht als endgültige Bilanz. 347
Was löste die Flut aus?
Die derzeit führende Erklärung beschreibt eine Kaskade mehrerer Gefahren im Hochgebirge:
- In etwa 5.200 Metern Höhe brach ein Gletscherabschnitt und möglicherweise auch das darunterliegende Gestein ab.
- Die Masse stürzte rund 1.200 Meter in Richtung Talboden.
- Beim Aufprall entstand eine Lawine aus Eis und Fels, die Schlamm und weiteres Geröll mitriss.
- Das Material gelangte in das Flusssystem und erzeugte flussabwärts eine gewaltige Sturzflut. 202528
Der genaue Auslöser wurde zunächst noch untersucht. Anfangs war auch über ein Erdbeben spekuliert worden. Spätere Berichte verwiesen jedoch darauf, dass der US Geological Survey das registrierte seismische Signal und die Überschwemmung dem Gletscherkollaps selbst zuschrieb. Das bedeutet: Die vorliegenden Hinweise sprachen für einen glazialen Einsturz, erklärten aber noch nicht jedes Detail des Versagens von Eis und Fels. 718
Das Ereignis lenkte zudem den Blick auf die Stabilität von Eis und Gestein im Hochgebirge. Von Medien zitierte Wissenschaftler erklärten, ein wärmeres Klima könne Bedingungen schaffen, unter denen solche Regionen instabiler werden. Welchen konkreten Anteil der Klimawandel an diesem einzelnen Einsturz hatte, war jedoch noch Gegenstand der Analyse. 1719
Wie schnell und wie groß war die Lawine?
Die Geröll- und Schlammlawine wurde übereinstimmend als extrem schnell und zerstörerisch beschrieben. Für viele Menschen blieb kaum Zeit zu reagieren. Ein chinesischer Regierungsgeologe schätzte die Geschwindigkeit des Eis-Lawinenstroms auf etwa 50 Meter pro Sekunde – rund 180 Kilometer pro Stunde. Dieser Wert war allerdings eine in der frühen Einsatzphase gemeldete Experteneinschätzung und keine unabhängig bestätigte Messung. 821
Auch die Größe des abgebrochenen Materials wurde zunächst unterschiedlich eingeschätzt. Eine Analyse ging von einem Eisblock mit einer Fläche von etwa 0,2 Quadratkilometern aus, der rund 1,2 Kilometer senkrecht abstürzte. Eine andere Expertenbewertung schätzte die Breite des kombinierten Gletscher- und Felsabbruchs auf ein bis 1,3 Kilometer. Solche frühen Werte können durch spätere Satelliten- und Untersuchungen vor Ort noch korrigiert werden. 2528
Der Pegel des Trishuli-Flusses soll innerhalb von 30 Minuten um bis zu neun Meter gestiegen sein. Die Katastrophe war damit eine Kette mehrerer Gefahren: Gletscherkollaps, Eis- und Felslawine, Murgang und Sturzflut – nicht nur ein einzelner Erdrutsch. 2527
Tote, Vermisste und ausländische Reisende
Die ersten Opferzahlen veränderten sich deutlich, sobald Rettungsteams weitere Gebiete erreichten. Frühe Berichte nannten mindestens 157 Tote in Nepal und drei Tote im chinesischen Kreis Gyirong, also zusammen mindestens 160. Andere Meldungen vom 27. August verwiesen bereits auf höhere Zahlen. Das zeigte, wie schnell sich die Bilanz während des laufenden Notfalleinsatzes veränderte. 237
In ersten Berichten war von mehr als 1.300 Vermissten die Rede; spätere Aktualisierungen nannten für beide Seiten der Grenze eine Zahl von fast 1.500. Unter den Vermissten waren Anwohner, Beschäftigte, Trekkingreisende, Pilger, Mitarbeiter aus dem Tourismus und Menschen, die den Grenzübergang passierten. 3416
Ein erheblicher Teil der nicht aufgefundenen Personen waren ausländische Staatsangehörige. Nepal meldete zunächst fast 400 vermisste ausländische Touristen, darunter Reisende aus Indien, den USA, Australien, Großbritannien, Kanada und Malaysia. Spätere Berichte sprachen von mehr als 500 Vermissten aus 32 Ländern, darunter etwa 90 US-Amerikaner. Diese Angaben bezeichneten Menschen, die noch nicht gefunden oder als sicher bestätigt worden waren – nicht zwangsläufig bestätigte Todesfälle. 2361332
Die Katastrophe löste deshalb auch international eine Suche nach Informationen aus. Familien in den USA, Indien, Kanada, Australien, Großbritannien und weiteren Ländern warteten auf Nachrichten über vermisste Trekkingreisende, Pilger und andere Angehörige. Behörden mussten Namen überprüfen und teilweise voneinander abweichende nationale Listen abgleichen. 15
Zerstörung auf beiden Seiten der Grenze
Die Flutwelle riss Schlamm, Eis, Felsbrocken und Geröll durch die engen Täler und traf die Gemeinden mit kaum einer Vorwarnung. Häuser und mehrstöckige Gebäude wurden fortgespült oder aus ihren Fundamenten gerissen. Brücken brachen auseinander, Straßen verschwanden, Strom- und Wasserkraftanlagen wurden beschädigt. 1312
Auch der Gyirong-Port in Tibet wurde getroffen. Der Grenzübergang ist ein wichtiger Zugang für Handel und Tourismus zwischen China und Nepal. Schäden am Hafen und an den umliegenden Verkehrswegen behinderten nicht nur den grenzüberschreitenden Verkehr, sondern erschwerten auch den Einsatzkräften den Zugang zu den betroffenen Gebieten und die Klärung der Vermisstenzahlen. 115
Auf nepalesischer Seite gehörten Rasuwa und flussabwärts gelegene Orte im Einzugsgebiet des Trishuli zu den am schwersten betroffenen Gebieten. Das Nepalische Rote Kreuz erklärte, dass die Flut aus Tibet in den Bhote-Koshi-Fluss gelangt sei und in Rasuwa und Nuwakot große Zerstörungen angerichtet habe. 43
Rettungseinsätze unter extremen Bedingungen
Nepal setzte Hubschrauber ein, um die von Geröll bedeckten Täler abzusuchen, Opfer zu bergen und Menschen in abgeschnittenen Orten mit Hilfsgütern zu versorgen. China koordinierte die Notfallmaßnahmen im Kreis Gyirong und stationierte Rettungskräfte auf seiner Seite der Grenze. 237
Die Einsatzkräfte standen gleichzeitig vor mehreren Problemen:
- Straßen und Brücken waren weggespült worden.
- Das schwierige Hochgebirgsgelände verlangsamte die Suche am Boden.
- Regen und instabile Hänge erhöhten die Gefahr weiterer Erdrutsche.
- Die Kommunikationsverbindungen waren unterbrochen.
- Geröll und Wasser versperrten den Zugang zu Siedlungen und beschädigten Anlagen.
- Hinter den Geröllsperren aufgestautes Wasser bedrohte Überlebende und Rettungsteams. 2133132
Diese Bedingungen erklären auch, warum die frühen Angaben zu Toten und Vermissten so stark voneinander abwichen. Eine vermisste Person konnte in einer nicht erreichbaren Siedlung festsitzen, ohne Kommunikationsmöglichkeit an einen anderen Ort gelangt sein oder in mehreren vorläufigen Reise- und Behördenlisten auftauchen.
Internationale Hilfe und akute humanitäre Bedürfnisse
Regierungen und internationale Organisationen begannen, Geld, Hilfsgüter und technische Unterstützung anzubieten. China koordinierte Lieferungen und finanzielle Hilfe. Indien schickte in zwei Tranchen knapp 50 Tonnen Hilfsgüter, darunter Notunterkünfte, Decken, Hygiene-Sets, Lampen und Medikamente. 37
Der Bedarf ging weit über die Suche nach Vermissten hinaus. Einschätzungen des Roten Kreuzes nannten Notunterkünfte, Lebensmittel, sauberes Trinkwasser, Sanitärversorgung, medizinische Unterstützung und die Wiederherstellung des Zugangs zu isolierten Gemeinden als dringendste Aufgaben. 3843
Überlebende und Vertriebene waren zudem Kälte in großer Höhe, unsicherem Wasser, Krankheitsrisiken, unterbrochenen Lebensmittel-Lieferketten und einem Mangel an Unterkünften ausgesetzt. Vorhergesagter weiterer Regen drohte die Flut- und Erdrutschgefahr zu verschärfen. Zerstörte Straßen und Brücken erschwerten es, Hilfe in die abgeschnittenen Gebiete zu bringen. 3843
Warum eine zweite Flut möglich blieb
Mit der ersten Lawine und Flut war die Gefahr nicht vorbei. Geröll blockierte Flussläufe und ließ im und nahe dem Kreis Gyirong Barriere- oder Geröllseen entstehen. Chinesische Behörden berichteten, dass sich hinter einer Sperre rund drei Millionen Kubikmeter Wasser gestaut hätten. Nepal warnte zugleich, dass ein durch Geröll aufgestauter See am Bhote-Koshi-Fluss weiter ansteigen und brechen könnte. 839
Ein Dammbruch hätte eine zweite Flutwelle durch Täler schicken können, die bereits von der ersten Katastrophe verwüstet worden waren. Die Behörden mussten daher die Rettung von Überlebenden gegen das Risiko abwägen, dass Einsatzkräfte und Betroffene von einer neuen Welle überrascht würden. Zusätzlicher Regen hätte die Pegel weiter steigen lassen; laut einem Bericht hätte sich das Volumen eines Sees bei anhaltenden Niederschlägen mehr als verdoppeln können. 2239
Die unmittelbare Priorität bestand somit aus zwei parallelen Aufgaben: Menschen zu finden, die nach der ersten Katastrophe eingeschlossen oder vermisst waren, und zugleich instabile Seen sowie durch Erdrutsche entstandene Flussbarrieren flussaufwärts zu überwachen und zu entschärfen.
Was noch ungeklärt ist
Der grundsätzliche Ablauf zeichnet sich zunehmend ab: Ein Einsturz im Hochgebirge nahe Langtang Lirung löste eine Lawine aus Eis und Fels aus. Das Material gelangte in das Flusssystem und verwüstete anschließend Gemeinden auf beiden Seiten der Grenze zwischen Nepal und China. 11820
Ungeklärt blieben der genaue Mechanismus des Abbruchs, die präzise Geschwindigkeit und das Volumen des Stroms sowie die endgültige Zahl der Toten und Vermissten. Die frühen Meldungen stammten aus unterschiedlichen nationalen Erfassungssystemen während eines laufenden Notfalls. Die Zahlen sollten daher als Momentaufnahmen und nicht als abschließende Bilanz gelesen werden. 247
Die langfristige Bedeutung der Katastrophe ist ebenfalls ernst: Abgelegene Gemeinden im Himalaya und wichtige Grenzinfrastruktur können einer Kaskade ausgesetzt sein, bei der einstürzendes Eis und Gestein Murgänge, Überschwemmungen, Verkehrsausfälle und neue Risiken durch brechende Seen in kurzer Folge auslösen. Umso wichtiger sind Überwachungssysteme, Evakuierungspläne und widerstandsfähige Verkehrswege – auch dann, wenn die erste Flut bereits abgeklungen ist. 1727