Polnische Radarsysteme verfolgten das Flugobjekt, bis es um 3:46 Uhr Ortszeit von den Bildschirmen verschwand . Polen alarmierte eine F-16, konnte die Rakete jedoch vor dem Aufprall nicht abfangen .
Der Vorfall war politisch besonders brisant: Er markierte den ersten bestätigten Einschlag einer russischen Rakete auf dem Gebiet eines NATO-Mitglieds seit dem Kriegsausbruch. 2022 waren im polnischen Przewodów zwei Menschen durch eine ukrainische Flugabwehrrakete getötet worden, die vermutlich bei der Abwehr eines russischen Angriffs vom Kurs abgekommen war.
Die NATO bestätigte, dass eine russische Rakete das Territorium eines Mitgliedstaates getroffen hatte, und kündigte an, alle notwendigen Maßnahmen zum Schutz des Bündnisgebiets zu ergreifen . Tusk berief eine Krisensitzung ein und sprach mit europäischen und US-amerikanischen Regierungsvertretern .
Dann folgte ein Ereignis, das den ohnehin angespannten Tag noch unheimlicher wirken ließ: Am Nachmittag unterbrach der russische Kurzwellensender UVB-76 sein seit Jahrzehnten bekanntes, monotones Brummen und sendete eine Reihe rätselhafter Sprachmeldungen .
Der Sender, der unter den Spitznamen „The Buzzer“ und „Doomsday Radio“ bekannt ist, begann laut dem Monitoring-Kanal „UVB-76 Logs“ ab 12:20 Uhr Moskauer Zeit mit der Übertragung. Beobachter registrierten mindestens acht Meldungen; manche Berichte sprechen von mindestens neun unterschiedlichen Nachrichten . Genannt wurden unter anderem:
Eine öffentlich bestätigte Erklärung für die Bedeutung der Wörter gibt es nicht.
UVB-76 sendet rund um die Uhr auf der Frequenz 4625 kHz und ist bereits seit der Sowjetzeit aktiv . Normalerweise ist dort ein regelmäßiges Brummen zu hören. Dieses Signal gilt unter Beobachtern als sogenannter Kanalmarker – also als Hinweis darauf, dass der Übertragungskanal funktioniert .
Wird das Brummen von einer Stimme unterbrochen, vermuten Radio-Monitoring-Gruppen und Verteidigungsexperten, dass eine codierte Meldung oder ein Statussignal übertragen wird . Nach Einschätzung des Fachportals Priyom.org handelt es sich wahrscheinlich um ein russisches militärisches Kommunikationsnetz für Führung und Kontrolle, das dem westlichen Militärbezirk zugeordnet wird .
In Medien und unter Beobachtern wird UVB-76 außerdem häufig mit dem russischen System „Perimeter“ in Verbindung gebracht, das im Westen als „Dead Hand“ bezeichnet wird. Dabei handelt es sich um die weithin bekannte, aber nicht offiziell bestätigte Vorstellung eines automatisierten oder halbautomatisierten Systems für einen nuklearen Vergeltungsschlag . Die konkrete Funktion der Station und die Bedeutung einzelner Meldungen bleiben jedoch unklar.
Das ungewöhnliche Timing – mehrere Codewörter nur wenige Stunden nach dem Einschlag einer russischen Rakete in NATO-Gebiet – löste Spekulationen aus. Möglich wären demnach eine Bereitschaftsübung, eine Statusabfrage oder ein bewusst gesetztes Signal im Kontext der verschärften Spannungen mit der NATO. Belege dafür, dass die Sendung direkt mit dem Raketeneinschlag zusammenhing, liegen nicht vor.
Der Zwischenfall in Polen war Teil einer der heftigsten russischen Luftoffensiven der jüngeren Kriegsphase. Nach ukrainischen Angaben setzte Russland in der Nacht vom 29. auf den 30. Juli mehr als 70 Raketen und rund 280 Drohnen ein .
Die Opferzahlen unterschieden sich je nach Zeitpunkt und Quelle:
Besonders betroffen waren unter anderem die Regionen Dnipropetrowsk und Lwiw. Die ukrainische Luftwaffe bezeichnete den Juli zudem als Rekordmonat beim Einsatz russischer Raketen .
Auch Kiew wurde in der Nacht mit ballistischen Raketen angegriffen. Gegen 1:18 Uhr Ortszeit meldeten Anwohner und Reporter mehrere Explosionen in der Hauptstadt. Bürgermeister Vitali Klitschko rief die Bevölkerung auf, Schutz zu suchen . Mindestens ein Mensch kam in Kiew ums Leben .
Am folgenden Tag, dem 31. Juli, stiegen zwei polnische F-16 auf, um ein russisches Aufklärungsflugzeug vom Typ Il-20 über der Ostsee abzufangen. Die Maschine flog nach polnischen Angaben rund 40 Kilometer nördlich von Kołobrzeg, ohne Flugplan und mit ausgeschaltetem Transponder .
Die Il-20 blieb im internationalen Luftraum und drang nicht in polnisches Hoheitsgebiet ein . Verteidigungsminister Władysław Kosiniak-Kamysz bezeichnete den Einsatz als „eine weitere erfolgreiche Abfangaktion“ .
Zusammen ergeben die Ereignisse ein angespanntes Bild an der Ostflanke der NATO: ein russischer Marschflugkörper, der tief in polnisches Gebiet eindringt; schwere Angriffe auf ukrainische Städte; ein rätselhafter Funkspruch aus Russland; und kurz darauf ein polnischer Abfangeinsatz gegen ein russisches Aufklärungsflugzeug. Die UVB-76-Signale machen den Vorfall zwar spektakulärer – eine direkte Verbindung zwischen dem Sender und dem Raketeneinschlag ist bislang aber nicht nachgewiesen.