Als zweiten Schwerpunkt schlägt NVIDIA eine nationale Strategie für Rechenkapazitäten vor. Sie soll Behörden, Unternehmen, Hochschulen und Forschungseinrichtungen gleichermaßen zugutekommen. Nach den beim Treffen genannten Angaben verfügt Vietnam derzeit über etwa 10.000 bis 15.000 GPUs. Südkorea kommt auf rund 50.000 bis 60.000 GPUs und strebt innerhalb von fünf Jahren 200.000 bis 250.000 an.
Der Vergleich macht deutlich: Die Herausforderung besteht nicht nur darin, zusätzliche Chips zu kaufen. Vietnam müsste Rechenkapazitäten und Rechenzentren planen, Forschenden und Unternehmen Zugang zu den Ressourcen ermöglichen und zugleich Strukturen schaffen, mit denen sich die Infrastruktur in konkrete KI-Produkte und Anwendungen übersetzen lässt.
Der Vorschlag auf nationaler Ebene würde bereits laufende Projekte mit vietnamesischen Unternehmen wie Viettel, FPT und GreenNode erweitern. Die Zusammenarbeit von Viettel und NVIDIA verbindet dabei bereits beide Seiten: einen Hochleistungsrechen-Cluster auf Basis der NVIDIA-DGX-Plattform und die Entwicklung vietnamesischer KI-Basismodelle.
Die dritte Säule stellt den Menschen in den Mittelpunkt. NVIDIA will nach eigenen Angaben das Deep Learning Institute landesweit ausbauen, Inhalte stärker in Hochschulstudiengänge integrieren und vietnamesische KI-Start-ups, Forschende, Doktorandinnen und Doktoranden sowie Studierende unterstützen.
Das ist die notwendige Ergänzung zu Investitionen in die Infrastruktur. GPUs und Rechenzentren schaffen erst dann wirtschaftlichen und wissenschaftlichen Wert, wenn genügend Fachkräfte vorhanden sind, die KI-Systeme trainieren, bewerten, implementieren und betreiben können. Eine engere Verbindung von Hochschulausbildung, Forschung und Start-ups könnte zudem den Weg vom Labor zum marktfähigen Produkt verkürzen.
Der Vorschlag passt zur geplanten Rolle des NVIDIA-Forschungs- und Entwicklungszentrums in Vietnam. In einer im Dezember 2024 bekannt gegebenen Vereinbarung verständigten sich NVIDIA und die vietnamesische Regierung auf die Einrichtung eines KI-Forschungs- und Entwicklungszentrums sowie eines KI-Rechenzentrums in Vietnam. Die Einrichtungen sollen Softwareentwicklung fördern und Unternehmen, Start-ups, Behörden, Hochschulen und Studierende miteinander vernetzen.
NVIDIA schlägt außerdem vor, vietnamesischen KI-Produkten und -Unternehmen beim Eintritt in ASEAN-Märkte zu helfen und anschließend über das Unternehmensnetzwerk eine globale Expansion zu unterstützen.
Damit rückt der Absatzmarkt neben die Entwicklungskapazitäten. Ein nationales KI-Ökosystem braucht nicht nur eigene Modelle und Recheninfrastruktur, sondern auch Kunden, Partner, Vertriebskanäle und konkrete Einsatzmöglichkeiten in Märkten mit ähnlichen Anforderungen.
Die ASEAN-Region könnte für Produkte, die auf regionale Sprachen und Anwendungskontexte zugeschnitten sind, ein naheliegender nächster Schritt sein. Der Vorschlag ist bislang jedoch eine Kooperationsrichtung und keine Zusage zu bestimmten Produktmengen, Umsätzen oder Zeitplänen für die Kommerzialisierung.
Vor dem Treffen hatte NVIDIA bereits Kooperationen mit vietnamesischen Unternehmen in den Bereichen Infrastruktur, Modelle und KI-Anwendungen aufgebaut. Genannt werden unter anderem FPT, Viettel und GreenNode. Die vier neuen Säulen ordnen diese Aktivitäten in einen größeren Zusammenhang ein: Eigene Modelle benötigen Infrastruktur, Infrastruktur braucht Fachkräfte, und Produkte brauchen Märkte.
Die im März 2026 angekündigte Vereinbarung zwischen Viettel und NVIDIA konzentriert sich auf zwei Grundlagen souveräner KI: Hochleistungsrecheninfrastruktur und grundlegende KI-Modelle. Viettel setzt nach eigenen Angaben NVIDIA-DGX-B200-Systeme ein und entwickelt ein KI-Ökosystem für reale Anwendungen in Vietnam.
Die Vorschläge vom 20. August übertragen diese Logik von einer Unternehmenskooperation auf eine breitere, landesweite Fähigkeit, die auch Staat, Wirtschaft, Hochschulen und Forschungseinrichtungen einbezieht.
Im Dezember 2024 hatten die vietnamesische Regierung und NVIDIA die Einrichtung eines vietnamesischen Forschungs- und Entwicklungszentrums sowie eines KI-Rechenzentrums vereinbart. Die neuen Vorschläge weisen diesen Einrichtungen konkretere mögliche Aufgaben zu: die Entwicklung lokaler Software und Modelle, die Ausbildung von Fachkräften, die Unterstützung von Start-ups und die Vernetzung des gesamten Ökosystems.
Nach dem Treffen wies Minister Vũ Hải Quân die zuständigen Stellen des Ministeriums für Wissenschaft und Technologie an, gemeinsam mit NVIDIA einen Aktionsplan auszuarbeiten. Darin sollen Aufgaben, Ressourcen, Zuständigkeiten und Umsetzungsschritte festgelegt werden. NVIDIA erklärte sich bereit, an diesem Plan mitzuwirken und auf erste messbare Ergebnisse in der Praxis hinzuarbeiten.
Die Bedeutung des Treffens liegt daher weniger in einer weiteren isolierten Absichtserklärung. Entscheidend ist der Versuch, die bisherigen Initiativen zu Modellen, GPUs, Ausbildung und Vermarktung in ein abgestimmtes Programm mit klareren Aufgaben und Zeitplänen zu überführen. Ob daraus tatsächlich ein leistungsfähiges Ökosystem entsteht, wird davon abhängen, wie der Plan konkretisiert wird, welche Ressourcen bereitgestellt werden und ob sich die bestehenden Projekte miteinander verbinden lassen.