Das zentrale Argument aus Teheran lautet: Israels anhaltende Militäraktion im Libanon, die Tasnim als „andauernde Verbrechen des zionistischen Regimes“ betitelt, hat die gesamte Vereinbarung zunichtegemacht, weil ein Waffenstillstand an der israelisch-libanesischen Grenze eine zwingende Voraussetzung für die breitere Waffenruhe war . Die Forderung: Gespräche kommen erst wieder zustande, wenn alle israelischen Operationen sowohl im Libanon als auch im Gazastreifen eingestellt werden
.
Es ist nicht der erste Riss in diesem diplomatischen Flickwerk. Die Krise hatte am 28. Februar 2026 mit einem US-israelischen Luftkrieg gegen den Iran begonnen, bei dem das geistliche Oberhaupt des Landes, Ajatollah Ali Khamenei, getötet wurde . Als Vergeltung riegelte Iran die Straße von Hormus ab und griff israelische sowie US-verbündete Ziele an. Ein unter pakistanischer Vermittlung zustande gekommener Waffenstillstand vom 8. April, der eine Wiedereröffnung der Meerenge versprach, scheiterte schnell, als Teheran die Durchfahrt weiter massiv einschränkte und Israel für die Angriffe verantwortlich machte
. Selbst eine von den USA verfügte Kampfpause, um ein „vollständiges und endgültiges Abkommen“ zu erreichen, änderte nichts daran, dass der diplomatische Pfad einer Messers Schneide glich – bis zum finalen Bruch am 1. Juni
.
Die Ankündigung ging weit über einen bloßen Ausstieg aus den Verhandlungen hinaus. Die iranischen Revolutionsgarden und die sogenannte „Achse des Widerstands“ – ein Bündnis mit verbündeten Milizen im Jemen, Libanon und Irak – enthüllten eine neue Strategie: eine vollständige Blockade der Straße von Hormus – die bereits seit Ende Februar effektiv dicht ist – und die gleichzeitige Aktivierung einer Front an der Meerenge von Bab al-Mandab .
Das ist eine Eskalation von enormer strategischer Bedeutung. Während Hormus die Hauptschlagader für Rohöl, Kondensate und Flüssiggas aus dem Persischen Golf ist, stellt Bab al-Mandab das Tor zum Roten Meer und zum Suezkanal dar. Wer beide neuralgischen Punkte gleichzeitig stört, nimmt den verbliebenen Tankerverkehr in eine tödliche Zange: Der Nachschub für Europa und Nordamerika würde von zwei Seiten zugleich abgewürgt.
Für die Weltwirtschaft kommt das alarmierendste Signal nicht aus der Rhetorik der Geopolitik, sondern aus den Tanks der Welt. Seit mehr als drei Monaten schrumpfen die strategischen Ölreserven mit einer Geschwindigkeit, die selbst erfahrene Marktanalysten aufschrecken lässt. Die Welt zehrte ihre Vorräte auf, um den Verlust von rund 11 Millionen Barrel pro Tag (b/d) an Rohölförderung aus der Golfregion auszugleichen .
Nach Angaben der Internationalen Energieagentur (IEA) sank das weltweite Ölangebot allein im April um weitere 1,8 Millionen b/d auf 95,1 Millionen b/d; die kumulierten Verluste seit Februar belaufen sich damit auf 12,8 Millionen b/d. Die Förderung der vom Hormus-Konflikt betroffenen Golfstaaten lag im April um 14,4 Millionen b/d unter dem Vorkriegsniveau . Ein Ende ist nicht in Sicht, und die einst prall gefüllten Sicherheitspuffer sind mittlerweile fast aufgezehrt.
Die Märkte steuern auf das zu, was Händler den „Tankboden“ nennen – ein kritisch niedriger Füllstand, unterhalb dessen Raffinerien und Logistikketten nicht mehr normal arbeiten können . Neil Chapman wählte für seine Warnung drastische Worte: „Sie können darüber diskutieren, ob wir in zwei oder drei Wochen an diesen Punkt kommen. Aber wenn wir ihn erreichen, dann werden Sie die Preise förmlich explodieren sehen.“ Seine Prognose: Der Preis für physisches Brent-Rohöl, die Benchmark des Weltmarkts, werde auf 150 bis 160 Dollar hochschießen
.
Ganz ähnlich klang die Warnung von Mike Wirth, dem CEO von Chevron. Er rechnet bereits in Wochen mit Brent-Preisen von 150 Dollar. Sein zentrales Argument: Die strategischen Ölreserven der USA und anderer Industriestaaten, mit denen man in früheren Phasen der Krise den Markt noch stabilisieren konnte, sind inzwischen weitgehend aufgebraucht .
Im schlimmsten Szenario, das die Energieberatung Wood Mackenzie durchgerechnet hat, könnte der Preis gar auf rund 200 Dollar pro Barrel klettern, wenn die Straße von Hormus bis zum Jahresende praktisch dicht bleibt – und das, obwohl die weltweite Nachfrage einbrechen würde .
Als wäre der physische Rohölmangel nicht schon schlimm genug, setzt Russland noch einen drauf: Moskau hat ein Exportverbot für Kerosin verhängt, das bis zum 30. November 2026 in Kraft bleibt. Die Entscheidung fällt in einen Moment, in dem Raffinerien in Europa und Asien, denen ohnehin das Rohmaterial aus dem Nahen Osten fehlt, um jeden Tropfen Flugtreibstoff kämpfen. Das russische Verbot eliminiert eine wichtige Ausweichquelle, die den Nahost-Ausfall zumindest teilweise hätte kompensieren können .
Für Analysten steht bereits fest: Europäische Fluglinien könnten innerhalb von Wochen mit einer Rationierung von Kerosin konfrontiert sein. Die Preise für Flugbenzin könnten in großen Raffineriezentren bis zum Jahresende auf rund 300 Dollar pro Barrel schnellen, so Wood Mackenzies Extremszenario .
Teherans Bedingungen liegen auf dem Tisch: ein kompletter Stopp der israelischen Militäroperationen im Libanon und in Gaza. Erst dann sind Gespräche wieder denkbar. Bis es so weit ist, läuft die doppelte Blockade-Strategie. Die nächsten Wochen sind brandgefährlich – nicht allein, weil die Preise auf ein Allzeithoch zusteuern könnten, sondern weil dann die Frage nicht mehr lautet, wie teuer der Treibstoff ist, sondern ob er überhaupt noch in ausreichender Menge da ist.
Selbst ein diplomatischer Durchbruch in letzter Minute würde die Probleme nicht sofort lösen. Die Produktionsinfrastruktur am Golf ist so stark beschädigt, dass eine Wiederherstellung Monate in Anspruch nimmt. Die US-Energiebehörde EIA geht davon aus, dass die Vorkrisen-Muster bei Förderung und Handel frühestens Ende 2026 oder Anfang 2027 wieder erreicht werden – und dass einige Golfstaaten vielleicht nie wieder ihr altes Niveau erreichen .
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