Diese Kombination passt eher dazu, dass Trader Short-Positionen aufbauen oder ihre bestehenden Bestände über Derivate absichern, als zu einer starken, vom Spotmarkt ausgehenden Aufwärtsbewegung. Sie beweist nicht, dass jede neu eröffnete Position short ist. Der Anstieg des Open Interest ist dadurch aber deutlich weniger ermutigend, als es die Schlagzeile zunächst vermuten lässt.
Sollte XRP eine nahe Unterstützung unterschreiten, könnten gehebelte Long-Positionen zur Schließung gezwungen werden. Die dadurch ausgelösten Liquidationen würden zusätzlichen Verkaufsdruck erzeugen und einen ohnehin schwachen Kursrutsch beschleunigen. Berichte über einen XRP-Kurs im Bereich von 0,98 bis 0,99 US-Dollar sowie den anhaltenden Verkaufsdruck stützen dieses Abwärtsszenario.
Besonders relevant ist, dass sich das Open Interest von einem früheren Abbau der Verschuldung wieder erholt hat. Je mehr Positionen offen sind, desto mehr Kapital ist bei starken Kursbewegungen einer erzwungenen Anpassung ausgesetzt. Das Open Interest kann sinken, wenn Trader Positionen schließen, ihre Risiken absichern oder Positionen liquidiert werden.
Eine bearishe Einschätzung bedeutet nicht automatisch, dass XRP weiter fallen muss. Short-Positionen stellen potenziellen späteren Kaufdruck dar, denn Trader müssen XRP zurückkaufen, um ihre Shorts zu schließen. Gewinnt XRP bei stärkerer Nachfrage am Spotmarkt einen Widerstandsbereich zurück, könnten Short-Eindeckungen den Kurs nach oben treiben und weitere Liquidationen auslösen.
Damit ergibt sich ein Szenario mit zwei möglichen Richtungen: Ein Durchbruch nach unten könnte gehebelte Longs aus dem Markt drängen, während eine schnelle Erholung Short-Positionen unter Druck setzen würde. Schätzungen zum gesamten XRP-Futures-Open-Interest reichen – je nach Datenanbieter – von rund 2,7 Milliarden US-Dollar in einem auf CoinGlass basierenden Bericht bis zu deutlich niedrigeren Werten bei anderen Trackern. Die Summe über alle Börsen sollte daher mit Vorsicht interpretiert werden. Die Unterschiede ändern jedoch nichts an der zentralen Aussage: Die Beteiligung am Derivatemarkt ist erheblich, auch wenn die Messwerte je nach Anbieter variieren.
Drei Indikatoren können helfen, zwischen einer Liquidationswelle nach unten und einem Short Squeeze zu unterscheiden:
Der Anstieg des Binance-Open-Interest bei XRP um 28,6 % zeigt, dass Trader nach der vorherigen Enthebelung an den Derivatemarkt zurückgekehrt sind. Er ist jedoch kein Beweis für eine überzeugte bullishe Marktpositionierung. Der fallende Kurs und der deutlich negative Orderflow bei den Perpetuals sprechen kurzfristig eher für den Aufbau von Shorts und Absicherungen.
Die belastbarste Schlussfolgerung lautet deshalb: XRP befindet sich in einer Phase mit hohem Hebeleinsatz und einem asymmetrischen Risiko. Ein Ausbruch nach unten könnte Long-Positionen liquidieren, während eine kräftige Erholung überfüllte Shorts zum Eindecken zwingen könnte. Solange Kurs- und Flow-Daten keine Seite bestätigen, signalisiert der Anstieg des Open Interest vor allem eines: höhere Volatilität – nicht eine sichere Richtung für XRP.