Präsident Wolodymyr Selenskyj sagte CNN, die Ukraine verfüge 2026 über zweieinhalbmal weniger Abfangraketen als 2025. Russland wiederum starte pro Monat doppelt so viele ballistische Raketen wie zuvor. Reuters berichtete außerdem über Selenskyjs Aussage, die Lieferungen der Verbündeten von Luftverteidigungsraketen seien auf etwa ein Drittel des Niveaus von 2025 gefallen.
Diese Angaben beschreiben eine doppelte Belastung: Der ukrainische Verteidigungsbestand schrumpft, während die Bedrohung zunimmt. Es handelt sich um Aussagen des ukrainischen Präsidenten, nicht um eine vollständig unabhängig geprüfte Aufstellung jeder abgefangenen Rakete oder jedes russischen Abschusses. Die leeren Patriot-Startgeräte machen jedoch sichtbar, welche praktische Folge diese Schieflage haben kann.
Selenskyj fordert die USA auf, der Ukraine fünf bis zehn Prozent ihres Bestands an Patriot-Abfangraketen zu verkaufen. Fünf Prozent würden der Ukraine helfen, den Winter zu überstehen und Menschenleben zu retten, sagte er; zehn Prozent könnten es ermöglichen, alle russischen ballistischen Raketen zu zerstören.
Diese Prozentzahlen sind als ukrainischer operativer Appell zu verstehen – nicht als unabhängig bestätigte Zusage einer bestimmten Abfangquote. Kurzfristig geht es um eine Brücke bis zur nächsten Phase möglicher intensiver russischer Angriffe, nicht um eine dauerhafte Lösung für die Produktion.
Auch bei Schätzungen der US-Bestände ist Vorsicht angebracht. Die öffentlich verfügbaren Berichte legen keine definitive aktuelle Zahl des amerikanischen Patriot-Vorrats fest. Präzise Angaben über mögliche Entnahmen aus US-Lagern sollten deshalb zurückhaltend bewertet werden. Belastbarer ist die übergeordnete Aussage: PAC-3-Abfangraketen sind weltweit knapp, und neben der Ukraine benötigen auch die USA, europäische Verbündete und weitere Kunden Nachschub.
Lockheed Martin lieferte 2025 insgesamt 620 PAC-3-Abfangraketen aus. Ein auf sieben Jahre angelegtes Abkommen mit der US-Regierung soll die jährliche Produktionskapazität von etwa 600 auf 2.000 Raketen erhöhen.
Für die Zukunft ist das bedeutsam. Für den kommenden Winter löst es das Problem jedoch nicht. Neue Raketen müssen eine komplexe Lieferkette durchlaufen und mit dem Auffüllen amerikanischer Bestände sowie dem Bedarf verbündeter Staaten konkurrieren.
Eine höhere Produktionskapazität bedeutet daher nicht automatisch, dass die Ukraine rechtzeitig ausreichend Raketen erhält. Selbst eine künftig geplante Produktionslinie in Bayern wäre nicht gleichbedeutend mit sofort nutzbaren Lieferungen für Kiew: Kapazitäten können bereits anderen Kunden zugesagt sein, und bestehende Verträge sowie Prioritäten der USA und ihrer Verbündeten bleiben maßgeblich.
Die Ukraine verfolgt die Möglichkeit einer lizenzierten oder gemeinsamen Patriot-Produktion. Dafür reicht es aber nicht, lediglich die Erlaubnis zum Zusammenbau zu erhalten. Nötig wären unter anderem Technologietransfer, spezialisierte Komponenten, gesicherte Produktionsstätten, Tests, Integration und strenge Qualitätskontrollen.
Berichte über eine mögliche ukrainische Fertigung betonen deshalb, dass sich diese Hürden nicht innerhalb weniger Monate beseitigen lassen. Defense News schrieb, selbst beschleunigt bestellte Abfangraketen würden voraussichtlich erst 2030 ausgeliefert. Andere Berichte beschreiben ebenfalls einen mehrjährigen Aufbauprozess für eine lokale Produktion.
Damit entstehen zwei klar getrennte Zeitachsen:
Nur die erste Zeitachse hilft gegen Startgeräte, die bereits leer stehen.
Der Mangel bedeutet, dass die Ukraine nicht jedes mögliche Ziel gleichzeitig schützen kann. Luftverteidigungskommandeure müssen entscheiden, welche Städte, Energieanlagen und anfliegenden Bedrohungen die knappen Abfangraketen erhalten.
Ein erschöpfter Bestand kann deshalb die Zahl der Regionen erhöhen, die russischen Fernangriffen ausgesetzt sind – selbst wenn Patriot-Systeme weiterhin im Land stationiert sind. CNN berichtete, Russland nutze die Knappheit an ukrainischen Abfangraketen für Angriffe auf Städte.
Das beweist nicht, dass jeder künftige Angriff intensiver ausfallen wird. Es erklärt aber die strategische Bedeutung des Engpasses: Moskau kann erkennen, dass die wirksamste ukrainische Verteidigung gegen ballistische Raketen nicht nur durch die Zahl der Startgeräte, sondern durch die verfügbare Munition begrenzt ist.
Die leeren Startgeräte erhöhen den Druck auf Washington und Kiew, kurzfristig eine tragfähige Versorgungslösung zu finden. Bleibt eine Einigung aus, könnte der Kreml die Verzögerung als Zeichen dafür deuten, dass die ukrainische Luftverteidigung dauerhaft unter Druck bleibt.
Das Bild allein beweist jedoch nicht, dass sich das Verhältnis zwischen US-Präsident Donald Trump und Selenskyj verschlechtert. Für eine solche Schlussfolgerung wären Belege aus politischen Entscheidungen, Verhandlungen oder ausdrücklich veränderten US-Zusagen erforderlich.
Deutlicher belegt ist ein anderer Widerspruch: Die Ukraine braucht Abfangraketen sofort, während der Ausbau der weltweiten Produktion und der Aufbau einer eigenen Fertigung Jahre dauern.
Die leeren Patriot-Abschussgeräte stehen für eine Krise der Abfangraketen – nicht einfach für einen Mangel an Luftverteidigungsplattformen. Selenskyjs Forderung nach fünf bis zehn Prozent der US-Bestände soll kurzfristig einen Puffer für den Winter schaffen. Geplante Produktionssteigerungen und eine mögliche ukrainische Fertigung gehören dagegen zu einer deutlich längeren Perspektive.
Solange nicht mehr PAC-3-Raketen die Front erreichen, bleibt die ukrainische Abwehrfähigkeit gegen ballistische Angriffe auf Städte und kritische Infrastruktur begrenzt. Die entscheidende Frage lautet daher nicht, ob Patriot-Abschussgeräte vorhanden sind – sondern ob rechtzeitig genügend passende Raketen eintreffen.