Strategisch relevant ist der Zeitpunkt trotzdem. Die Kürzungen fallen mit Berichten zusammen, wonach Apple die VR-Entwicklung unter dem künftigen CEO John Ternus „auf Eis“ gelegt oder zumindest zurückgestellt habe. Zugleich hatte die Vision Pro nach ihrem Start Schwierigkeiten, eine breite Kundschaft zu erreichen.
Die bisher bekannt gewordenen Änderungen sprechen für eine deutlich schlankere Produkt-Roadmap. Statt einer breiten Palette an Geräten am Kopf soll Apple sich auf wenige, stärker brillenorientierte Projekte konzentrieren.
Der Apple-Analyst Ming-Chi Kuo soll berichtet haben, dass eine zweite Generation der Vision Pro und eine leichtere Vision Air gestrichen oder zurückgestellt wurden. Als wichtigste verbleibende Projekte nennt er KI-Smart-Glasses sowie ein separates AR-Brillenprojekt mit Display.
Andere Berichte zeichnen ein teilweise abweichendes Bild. AppleInsider schrieb unter Berufung auf Bloomberg-Journalist Mark Gurman, die Vision Air sei bereits 2025 eingestellt worden. Auch Display-Brillen würden demnach nicht weiterverfolgt; KI-Brillen könnten gegen Ende 2027 erscheinen, während vollwertige AR-Brillen erst später in diesem Jahrzehnt erwartet würden.
Da diese Angaben auf Analysten, Medienberichten und anonymen Quellen beruhen und nicht auf einer offiziellen Apple-Ankündigung, ist eine vorsichtige Schlussfolgerung angebracht: Apple hat seine Pläne offenbar verengt und neu geordnet. Dass sämtliche Nachfolger der Vision Pro endgültig gestrichen wurden, lässt sich aus der derzeit widersprüchlichen Quellenlage nicht sicher ableiten.
Hinter der Neuausrichtung steckt nicht nur eine technische, sondern auch eine grundlegende Produktfrage: Kann Apple ein Gerät entwickeln, das Menschen im Alltag verwenden – statt eines leistungsfähigen, aber spezialisierten Computers, den man sich ins Gesicht setzt?
Den Berichten zufolge haben KI-Smart-Glasses ein größeres Potenzial für den Massenmarkt und könnten günstiger umzusetzen sein als Produkte im Stil der Vision Pro. Sie wären zudem von vollwertigen AR-Brillen zu unterscheiden. Letztere benötigen Displays und anspruchsvolle optische Systeme, um digitale Inhalte direkt in das Sichtfeld einzublenden, und bleiben deshalb ein längerfristiges Vorhaben.
Daraus ergibt sich eine mögliche Etappenstrategie:
Damit würde Apple den Weg zum alltagstauglichen Wearable Computing ändern. Anstatt mit einem teuren, relativ schweren Headset sofort einen neuen Massenmarkt zu etablieren, könnte der Konzern zunächst mit leichteren Brillen testen, ob sich ein solcher Markt überhaupt entwickeln lässt.
Paul Meade, der laut Bloomberg sowohl für die Vision Pro als auch für Apples Smart-Glasses-Projekte verantwortlich war, verlässt Apple und wechselt zur Hardware-Sparte von OpenAI. Das berichten Engadget und MacRumors unter Berufung auf Bloomberg.
Meades Weggang belegt für sich genommen nicht die Einstellung eines Produkts. Er ist aber ein weiteres Zeichen für die organisatorischen Veränderungen in Apples Wearable-Strategie. MacRumors zufolge soll Fletcher Rothkopf, der bislang das Produktdesign für die Vision Pro und die Smart Glasses leitete, Meades Aufgaben übernehmen.
Zusammen mit Berichten über eine Aufteilung der Vision Products Group und die Verteilung von Mitarbeitenden auf andere Projekte entsteht so das Bild einer Integration und Umverteilung. Die Vision Pro wird offenbar nicht länger als eigenständiger Wachstumsmotor behandelt.
Die stärkste und zugleich vorsichtigste Interpretation lautet nicht: „Apple gibt die Vision Pro auf.“ Vielmehr signalisiert der Konzern offenbar weniger Dringlichkeit bei einer schnellen Ausweitung des Headset-Geschäfts.
Aus den bisherigen Berichten lassen sich drei relativ belastbare Schlüsse ziehen:
Apple könnte die Vision Pro weiterhin als Entwicklungsplattform für räumliche Benutzeroberflächen, visionOS, Unternehmensanwendungen und künftige Hardware nutzen. Die gemeldete Verteilung von Ressourcen deutet jedoch darauf hin, dass die nächste große Verbraucherchance eher von einer Brille als von einer weiteren teuren Headset-Generation erwartet wird.
Die von John Ternus erwartete Strategie wirkt weniger wie eine Abkehr vom Spatial Computing als wie eine Korrektur von Apples erster Hardware-Wette. Kapital und Personal werden offenbar von einer breiten, headsetlastigen Roadmap hin zu leichteren KI-Brillen mit besseren Chancen auf eine alltägliche Nutzung verschoben. Vollwertige AR bleibt dabei ein langfristiges Ziel.
Die Entlassungen sind deshalb vor allem als Signal der Prioritätensetzung zu verstehen. Sie zeigen, dass Apple beim kurzfristigen VR-Headset-Geschäft abkühlt – nicht, dass Vision Pro, visionOS oder das gesamte Vision-Geschäft endgültig verschwunden sind.