Bei diesen Strukturen handelt es sich um sogenannte Kelvin-Helmholtz-Instabilitäten (KHI) – ein Phänomen der Strömungsdynamik, das entsteht, wenn zwei Schichten eines Fluids mit unterschiedlichen Geschwindigkeiten aneinander vorbeigleiten und dabei wirbelartige Wellen ausbilden. Auf der Sonne bilden sie sich entlang der Grenzen von Konvektionszellen (Granulen), insbesondere in der Nähe von magnetisch aktiven Regionen wie NOAA 14060 . Die Theorie sagte ihre Existenz seit Langem voraus, doch direkt beobachtet wurden sie auf der Sonnenoberfläche nie . Die nun in der Zeitschrift Nature veröffentlichte Studie markiert daher einen Meilenstein: KHI ist nicht länger nur eine theoretische Vorhersage, sondern ein messbarer, beobachtbarer Prozess, der die Energieübertragung auf der Sonne maßgeblich beeinflusst.
Die bahnbrechenden Aufnahmen offenbaren die Photosphäre – die dünne, etwa 100 km tiefe Schicht, von der das sichtbare Licht der Sonne ausgeht – bedeckt von einem Muster aus strudelnden Wirbeln. Diese ähneln den turbulenten Verwirbelungen, die man manchmal in Wolken auf der Erde sieht, oder den schwungvollen Himmelsformationen in Vincent van Goghs Gemälde Die Sternennacht . Der entscheidende Unterschied: Die Sonnenwirbel sind keine bloßen ästhetischen Muster, sondern magnetische Plasmastrukturen, die tiefgreifende Auswirkungen auf unser Verständnis der Sonnenphysik haben könnten.
Die Wirbel haben einen Durchmesser von rund 20 bis knapp 200 Kilometern . Die Aufnahmen legen nahe, dass sie nahezu auf der gesamten Sonnenoberfläche vorkommen, keine isolierten Phänomene sind, sondern ein grundlegender und allgegenwärtiger Prozess .
Die Kelvin-Helmholtz-Instabilität ist ein fundamentales Prinzip der Strömungslehre. Bislang konnte sie auf der Sonne nur aus theoretischen Modellen und Simulationen abgeleitet werden. Die DKIST-Bilder liefern nun den ersten visuellen Beweis, dass dieser Prozess auf der gesamten sichtbaren Oberfläche unseres Sterns aktiv ist . Die Beobachtungen wurden mit hochmodernen numerischen Simulationen abgeglichen und bestätigt, was die Modelle vorhersagten .
Die Wirbel stellen einen Mechanismus dar, mit dem kinetische und magnetische Energie von den großräumigen Konvektionsbewegungen (den Granulen) auf kleinere Skalen heruntergebrochen wird, wo sie schließlich in Wärme dissipiert werden kann . Dies ist der direkte Schlüssel zum koronalen Heizungsrätsel. KHI könnte das fehlende Glied in der Kette sein, das erklärt, wie Energie von der Sonnenoberfläche in ihre Atmosphäre transportiert wird.
Die Strudel könnten eine entscheidende Rolle bei der Entstehung von Sonneneruptionen spielen. Indem sie die magnetischen Feldlinien an den Grenzen der Granulen verdrillen und miteinander verheddern, könnten sie die nötige Energie ansammeln, die dann in magnetischen Rekonnexionen schlagartig freigesetzt wird – der Ursache von Flares und koronalen Massenauswürfen . Das hätte direkte Auswirkungen auf die Vorhersage des Weltraumwetters, das Satelliten und Stromnetze auf der Erde stören kann.
Die bemerkenswerte Übereinstimmung zwischen den DKIST-Beobachtungen und den Simulationen stärkt das theoretische Fundament, auf dem die Erforschung der Sonnenmagnetohydrodynamik aufbaut. Wissenschaftler können ihren Modellen fortan noch mehr vertrauen .
Die Aufnahmen entstanden mit FastCam, einem Hochgeschwindigkeits-Bildgeber, und zwar in einem extrem kurzen Beobachtungsfenster von nur wenigen Minuten, bevor Wolken den Verschluss des Teleskops zur Schließung zwangen . Die Tatsache, dass eine so bedeutende Entdeckung bereits aus diesem kurzen Zeitfenster resultiert, macht Wissenschaftler optimistisch, was systematische Langzeitbeobachtungen offenbaren werden. Das DKIST, das leistungsstärkste Sonnenteleskop der Welt, wird die Erforschung unserer Sonne und ihrer komplexen Physik noch für viele Jahre prägen.