Die Analyse interner Ozon-Daten durch das unabhängige russische Medium Verstka beschreibt einen großen zivilen Vertriebskanal für Waren, die auch militärisch genutzt werden können. Zwischen August 2025 und Juli 2026 bestellten Nutzer mehr als 2,13 Millionen solcher Artikel in 33 Kategorien. Der Gesamtwert lag bei über 25 Milliarden Rubel – umgerechnet rund 290 Millionen US-Dollar. 2818
Die Zahlen helfen zu erklären, warum die Ukraine ihre Angriffe auf russische Online-Handels- und Logistiknetzwerke ausgeweitet hat. Sie belegen jedoch nicht, dass die Käufe von russischen Soldaten getätigt wurden, die Ware die Front erreichte oder sich ein bestimmter Anteil in einem angegriffenen Lager befand. Auch die Frage, ob ein konkretes Ozon- oder Wildberries-Lager völkerrechtlich ein zulässiges militärisches Ziel war, lässt sich daraus nicht beantworten.
Was die Verstka-Auswertung zeigt
Verstka fasste die untersuchten Produkte in vier große Gruppen zusammen:
- Militärisch-taktische Ausrüstung: Mehr als 527.000 Artikel im Wert von 9,14 Milliarden Rubel. Dazu gehörten unter anderem Schutzwesten, Helme, Trage- und Lastensysteme, Panzerplatten und Adapter sowie Hals- und Schulterschutz. 1823
- Optik: Knapp 350.000 Artikel im Wert von 7,22 Milliarden Rubel, darunter optische, Reflex-, digitale und Wärmebildvisiere, Nachtsichtgeräte, Wärmebildkameras sowie dazugehörige Halterungen und Schutzabdeckungen. 1728
- Drohnen und Komponenten: Verkäufe im Wert von 6,26 Milliarden Rubel. Die Gruppe umfasste fertige Drohnen, Akkus, Rahmen, Propeller, Empfänger, Kameras und weiteres Zubehör. 1822
- Waffenteile und Zubehör: Fast 2,46 Milliarden Rubel in 13 Kategorien, darunter Schäfte, Griffe, Handschutz, Montageschienen, Mündungsvorrichtungen und Laservisiere. 2328
Gemessen am Umsatz entfiel der größte Anteil auf taktische Ausrüstung, gefolgt von militärischer Optik. Drohnen und ihre Komponenten bildeten ebenfalls einen erheblichen Teil der Auswertung; den verbleibenden Anteil machten Waffenteile und Zubehör aus. 1823
Was die Daten nicht belegen
Bei den Zahlen handelt es sich um Bestell- und Verkaufsanalysen eines Marktplatzes, nicht um eine Datenbank staatlicher Militärbeschaffung. Die verfügbare Berichterstattung nennt weder die einzelnen Käufer noch die Endempfänger, Lieferziele oder den vorgesehenen Verwendungszweck. Viele der erfassten Waren können auch zivil, im Sport- und Hobbybereich, für Sicherheitsdienste oder zu gewerblichen Zwecken eingesetzt werden. 172224
Die belastbarste Schlussfolgerung ist daher begrenzt, aber relevant: Ozon setzte große Mengen von Ausrüstung mit potenziell militärischer Verwendung über eine gewöhnliche Handelsplattform um. Die Daten zeigen nicht, dass sämtliche Produkte – oder ein bestimmter Anteil – an russische Militäreinheiten geliefert wurden.
Diese Unterscheidung ist für die Einordnung des Krieges entscheidend. Ein Marktplatz kann den Zugang zu militärisch relevanten Waren erleichtern, ohne formell in die Beschaffungsstruktur des russischen Verteidigungsministeriums eingebunden zu sein. Auch zu Wildberries, dem größeren Konkurrenten von Ozon, wurden militärbezogene Waren und Spendenaktionen dokumentiert. Belege für eine systematische Einbindung der Plattform in die Infrastruktur des Verteidigungsministeriums lagen jedoch nicht vor. 2025
Warum Ozon ins Visier geriet
Die ukrainische Kampagne gegen russische Handelslogistik konzentrierte sich zunächst auf Einrichtungen von Wildberries und wurde anschließend auf Ozon ausgeweitet. Der erste gemeldete Angriff auf ein Ozon-Lager traf am 22. August 2026 einen Logistikstandort in Tschapajewsk in der Region Samara. Ozon erklärte, der Betrieb sei dort unterbrochen worden und Menschen seien verletzt worden. 413
Weitere Berichte betrafen Angriffe oder Angriffsversuche auf Ozon-Einrichtungen im Süden Russlands sowie später Lager in Orenburg und Ufa. 1315 Innerhalb von drei Tagen sollen sechs Ozon-Lager angegriffen worden sein. Die Aktien des Unternehmens fielen daraufhin um fast 30 Prozent. 39
Kiew stellte die Angriffe als Versuch dar, kommerzielle Logistik und die Versorgung mit Ausrüstung zu stören, die mit Russlands Kriegsführung verbunden sei. 626 Die Verstka-Zahlen stützen diese Argumentation in einem engen Sinne: Über Ozons Handelsnetz wurden erhebliche Mengen an Schutzkleidung, Optik, Drohnen, Komponenten und anderem Material verkauft, das im Krieg eingesetzt werden kann.
Die Auswertung zeigt allerdings nicht, dass jedes angegriffene Lager solche Waren lagerte, bündelte oder versandte. Marktweite Verkaufszahlen erlauben keine Aussage darüber, was sich zum Zeitpunkt eines Angriffs konkret in Tschapajewsk, Orenburg, Ufa oder einem anderen Logistikzentrum befand.
Macht der Verkauf von Dual-Use-Waren ein Lager zum militärischen Ziel?
Nach dem humanitären Völkerrecht sind zivile Objekte geschützt, solange sie nicht als militärische Ziele einzustufen sind. Maßgeblich ist, ob ein Objekt aufgrund seiner Beschaffenheit, seines Standorts, seines Zwecks oder seiner Nutzung einen wirksamen Beitrag zu militärischen Handlungen leistet und ob seine Zerstörung, Einnahme oder Neutralisierung unter den Umständen zum Zeitpunkt des Angriffs einen konkreten militärischen Vorteil verspricht. 374041
Der Begriff Dual-Use – also „doppelte Verwendung“ – schafft dabei keine automatische rechtliche Zielkategorie. Entscheidend sind die tatsächliche militärische Verbindung des konkreten Objekts und der erwartete militärische Vorteil. 47
Das bedeutet:
- Ein ziviles E-Commerce-Lager wird nicht allein deshalb zu einem zulässigen Ziel, weil auf dem Marktplatz militärisch nutzbare oder Dual-Use-Waren angeboten werden.
- Eine bestimmte Anlage könnte unter Umständen als militärisches Ziel gelten, wenn belastbare, objektspezifische Belege zeigen, dass sie Waren lagerte, bündelte oder versandte, die einen wirksamen Beitrag zu militärischen Handlungen leisteten, und ihre Neutralisierung einen konkreten militärischen Vorteil erwarten ließ. 323440
- Auch dann gelten weiterhin die Grundsätze der Unterscheidung, der Verhältnismäßigkeit und der praktisch möglichen Vorsichtsmaßnahmen. Zivile Beschäftigte und Anwohner bleiben geschützt. 363738
- Infrastruktur, die lediglich allgemein zu den Kriegsanstrengungen beiträgt, ohne eng mit militärischen Handlungen verbunden zu sein, wird nicht automatisch zu einem zulässigen Ziel. 43
Auf Grundlage der hier verfügbaren Informationen lässt sich der rechtliche Status der einzelnen Ozon- und Wildberries-Standorte nicht bestimmen. Die Verstka-Recherche zeigt Umfang und Art der potenziell kriegsrelevanten Waren, die über Ozon liefen. Sie liefert jedoch nicht die objektspezifischen Informationen, die nötig wären, um zu beurteilen, ob ein einzelnes Lager im Moment seines Angriffs die völkerrechtliche Schwelle zu einem militärischen Ziel überschritten hatte.
Das Wichtigste in Kürze
Der zentrale Befund der Verstka-Recherche betrifft die Größenordnung: Von August 2025 bis Juli 2026 wurden auf Ozon mehr als 2,13 Millionen potenziell militärisch nutzbare oder Dual-Use-Artikel im Wert von über 25 Milliarden Rubel bestellt. 28
Damit ist Ozons Logistiknetz für die Debatte über Russlands Versorgungsketten im Krieg relevant. Die Zahlen liefern auch einen Teil der Erklärung dafür, warum die Ukraine nach Angriffen auf Wildberries-Einrichtungen nun Ozon ins Visier nimmt. Sie sind jedoch kein Nachweis über die militärische Endverwendung der Waren und belegen für sich genommen nicht, dass die angegriffenen Lager rechtmäßige militärische Ziele waren.
Die entscheidende offene Frage lautet deshalb nicht nur, was Ozon verkauft hat. Es geht darum, welche konkrete Funktion jedes einzelne Lager hatte, welche Informationen den Angreifern über diese Nutzung vorlagen und welchen konkreten militärischen Vorteil ein Angriff zum jeweiligen Zeitpunkt bringen sollte.