Von einer vollständigen Erholung im Heimatmarkt kann noch keine Rede sein. Li zufolge verlief das erste Quartal gut, doch im zweiten Quartal geriet Honor durch steigende Speicherchippreise und den intensiveren Wettbewerb deutlich stärker unter Druck.
Trotzdem befinde sich das China-Geschäft in einer Phase der Stabilisierung und Erholung, so der CEO. Im Juli sei Honor zudem der einzige wachsende Anbieter auf dem chinesischen Markt gewesen.
Diese Aussage muss vor dem Hintergrund eines insgesamt schrumpfenden Marktes eingeordnet werden. IDC führte Honor im zweiten Quartal auf Platz sechs der führenden Smartphone-Anbieter in China; zugleich gingen die Gesamtauslieferungen weiter zurück.
Fortschritte zeigte Honor auch in den höheren Preisklassen. Der Hersteller erklärte, der Anteil ausgelieferter Smartphones mit einem Preis von mehr als 400 US-Dollar sei weiter gestiegen. Besonders kräftig habe das Segment zwischen 400 und 800 US-Dollar zugelegt.
Das ist für Smartphone-Hersteller strategisch relevant: Selbst bei schwachen Gesamtstückzahlen kann ein größerer Premiumanteil den Produktmix und damit die Umsatzqualität verbessern. Die vorliegenden Zahlen zeigen allerdings nicht, wie viel von Honors Gesamtumsatz genau auf diese Geräte entfällt. Sie deuten vielmehr darauf hin, dass das Unternehmen stärker um zahlungskräftige Kunden konkurrieren will, statt vor allem über günstige Modelle Stückzahlen zu gewinnen.
Am dynamischsten entwickelte sich Honors internationales Geschäft. Nach Angaben von Li Jian stiegen die Auslandsverkäufe im ersten Halbjahr bei den Stückzahlen um 20 Prozent und beim Umsatz um 26 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Er bezeichnete die Entwicklung als deutlich stärker als bei anderen Herstellern.
Regionale Daten liefern zusätzlichen Kontext. Omdia zufolge konnte Honor seine Auslieferungen im Nahen Osten und in Afrika im ersten Quartal mehr als verdoppeln, während das Geschäft auf dem chinesischen Festland angesichts des wachsenden Wettbewerbs zurückging.
Weitere Marktberichte nennen für das erste Halbjahr ein Auslieferungsplus von 35 Prozent im Nahen Osten und 53 Prozent in Afrika. Diese regionalen Werte aus der Omdia- und IDC-Berichterstattung sind nicht mit Honors Gesamtwachstum bei den Auslandsstückzahlen von 20 Prozent gleichzusetzen.
Zusammengenommen zeigen die Zahlen: Die internationale Expansion ist für Honor längst nicht mehr nur ein Nebenprojekt. Sie bildet ein wichtiges Gegengewicht zur Schwäche im Heimatmarkt.
Mit dem Robot Phone will Honor seine Zukunftsstrategie sichtbar machen. Das Gerät kostet ab 9.999 Yuan, umgerechnet rund 1.400 US-Dollar, und nutzt eine kardanische Konstruktion mit vier Freiheitsgraden.
Das Produkt steht für Honors Anspruch, KI-Hardware zu entwickeln, die über das klassische, auf den Bildschirm konzentrierte Smartphone hinausgeht. Frühere Pläne beschrieben das Konzept als mobiles Endgerät, das denken und handeln kann – mit einer Kombination aus robotischer Struktur und KI-System.
Li Jian stellte diese Richtung als bewussten Versuch dar, Honor zu einem KI-Hardware-Innovator zu machen und nicht zu einem gewöhnlichen Hersteller von Unterhaltungselektronik. Der hohe Preis und die ungewöhnliche Bauform machen das Robot Phone zu einem sichtbaren Test: Kann Honor aus dieser Vision tatsächlich eine wirtschaftlich relevante Produktkategorie entwickeln?
Die Ergebnisse des ersten Halbjahres sind eher als Geschichte einer Neupositionierung denn als abgeschlossene Trendwende zu lesen. Honor hat drei konkrete Fortschritte erzielt:
Die Einschränkungen sind ebenso wichtig. Der chinesische Markt schrumpfte weiter, das zweite Quartal litt unter höheren Speicherkosten und stärkerem Wettbewerb. Außerdem räumte Honors CEO selbst Nachholbedarf bei Produkten, Marketing und den Marktkompetenzen des Unternehmens ein.
Für den Moment zeigen die Zahlen ein Unternehmen, das weltweit Boden gutmacht, gleichzeitig seine Position in China stabilisieren und eine anspruchsvollere Identität als KI-Hardware-Anbieter aufbauen will. Die nächste Bewährungsprobe lautet daher: Können Auslandsgeschäft und Premiumprodukte diese Strategie dauerhaft tragen – oder kaschieren sie nur die Schwierigkeiten im Heimatmarkt?