Auch die ETF-Bewegungen stützen diese Einschätzung. US-Spot-Bitcoin-ETFs verzeichneten in der Woche vom 10. bis 14. August laut den vorliegenden Berichten Abflüsse von rund 389,7 Millionen US-Dollar. In der Vorwoche waren noch etwa 865 Millionen US-Dollar zugeflossen. Die Umkehr zeigt, dass der Kapitalstrom bislang keine breit angelegte Bitcoin-Erholung trägt.
Die dünne Liquidität verschärft die Lage: Schon eine vergleichsweise kleine Veränderung bei Kauf- oder Verkaufsaufträgen kann eine überproportionale Kursbewegung auslösen. Glassnode beschreibt Bitcoin deshalb als komprimierten Markt, der für einen Volatilitätsausbruch in beide Richtungen anfällig ist – nicht als eindeutig erholt, aber auch nicht als vollständig kapituliert.
Die Kostenbasis-Struktur der Blockchain hilft zu erklären, warum Erholungsversuche bislang scheitern. Der Median Realized Price bei rund 63.000 US-Dollar bezeichnet den Mittelpunkt der Kostenbasis aller im Umlauf befindlichen Coins und hat sich als wichtige Unterstützungszone etabliert. Darüber liegt die Kostenbasis kurzfristiger Halter bei etwa 68.700 US-Dollar. Sie zeigt den durchschnittlichen Einstiegspreis der Anleger, die ihre Coins erst seit kürzerer Zeit halten.
Viele dieser kurzfristigen Halter liegen noch im Minus. Steigt der Kurs in Richtung ihrer Gewinnschwelle, kann deshalb erneut Verkaufsdruck entstehen: Anleger nutzen die Erholung, um ihre Positionen ohne Verlust zu schließen, statt zusätzlich Bitcoin zu kaufen. Laut Glassnode wurden bereits neun Erholungsversuche an dieser Gewinnschwelle abgewiesen. Ein nachhaltiger Anstieg über 68.700 US-Dollar wäre daher das wichtigste erste Signal für eine Verbesserung der Marktstruktur.
Auf der Unterseite ist die Zone um 63.000 bis 63.220 US-Dollar entscheidend. Ein anhaltender Bruch dieser Unterstützung würde die aktuelle Handelsspanne schwächen und tiefere Kursbereiche in den Fokus rücken. Glassnode nennt in diesem Szenario etwa 58.500 US-Dollar als zentrale nächste Unterstützung.
Diese Marken sind als Hinweise auf die Marktstruktur zu verstehen, nicht als garantierte Kursziele. Ein geringes Handelsvolumen kann Bewegungen verstärken, bestimmt aber nicht, ob der Kurs steigt oder fällt.
Die aktuelle Divergenz widerlegt weder Bitcoins Knappheit noch die langfristige These, dass die Kryptowährung von einer Geldentwertung profitieren könnte. Sie zeigt jedoch, dass diese Argumente in der betrachteten Phase kurzfristig nicht als ausreichender Katalysator wirkten. Der Kerninflationswert von 2,5 Prozent löste nicht die Reaktion aus, die Bitcoin als Schutz gegen den Wertverlust von Fiatgeld normalerweise zugeschrieben wird. Anleger bevorzugten offenbar nachgewiesenes Momentum und Wachstumschancen – vor allem im KI-Sektor.
Zusätzliche Unsicherheit kam durch die geopolitische Lage im Nahen Osten und die Erwartung auf, dass die US-Notenbank ihre Geldpolitik zunächst restriktiv halten könnte. Das erhöhte die Vorsicht an den Märkten. Glassnodes übergeordneter Punkt lautet jedoch: Die Makrolage allein erklärt die Divergenz nicht. Kapital floss weiterhin in Risikoanlagen – nur nicht in dem Umfang in Bitcoin, der für einen nachhaltigen neuen Aufwärtstrend nötig wäre.
Zudem wird Kapital innerhalb des Technologiesektors zunehmend auf KI-Aktien, KI-nahe Token und Recheninfrastruktur ausgerichtet. Einige Miner und Technologieunternehmen lenken laut der vorliegenden Analyse Stromvereinbarungen und Rechenzentrumskapazitäten auf KI-Anwendungen um. Dadurch entsteht für Bitcoin nicht nur Konkurrenz um Anlegergelder, sondern teilweise auch um Infrastruktur und Energie.
Glassnodes Analyse beschreibt Bitcoin als komprimierten Markt mit geringer Beteiligung, in dem sich eine gewisse Erschöpfung der Verkäufer mit dem Ausbleiben neuer Käufer überlagert. Ein Anstieg über 68.700 US-Dollar wäre dabei allein noch kein überzeugendes Comeback-Signal. Dafür müssten zugleich das Spot-Volumen zunehmen und die ETF-Nachfrage zurückkehren.
Fällt Bitcoin dagegen nachhaltig unter den Bereich um 63.000 US-Dollar, könnte die Unterstützung bei etwa 58.500 US-Dollar stärker in den Mittelpunkt rücken.
Bisher deutet das Bild eher auf eine Kapitalrotation als auf eine grundsätzliche Abkehr von Bitcoin hin. Anleger nehmen weiterhin Risiko auf sich – der zusätzliche Dollar fließt derzeit aber bevorzugt in KI-Werte und fehlt Bitcoin, um die aktuelle Handelsspanne nach oben zu verlassen.