Die Ergebnisse wurden 2026 in der Fachzeitschrift Nature Communications veröffentlicht. Beteiligt waren unter anderem Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler des Kunming Institute of Botany, der Chinesischen Akademie der Wissenschaften sowie US-amerikanischer Einrichtungen .
Saxifraga candelabrum wächst in Felsspalten auf dem Qinghai-Tibet-Plateau und im Hengduan-Gebirge in den chinesischen Provinzen Yunnan und Sichuan. Die Pflanze kommt dort in Höhen von etwa 2.500 bis 3.300 Metern vor .
Ihre Stängel und Zweige sind mit winzigen Drüsenhaaren, sogenannten glandulären Trichomen, bedeckt. Diese Haare sondern einen klebrigen Schleim ab – ähnlich dem Leim einer Fliegenfalle. Kleine Insekten bleiben daran haften und können sich nicht mehr befreien. Die Pflanze scheint ihre Beute zusätzlich durch Duftstoffe anzulocken. Bei den gefangenen Tieren handelte es sich überwiegend um kleine, nicht stechende Mücken aus der Ordnung der Zweiflügler .
Wie effektiv die Falle ist, zeigte die Feldarbeit: Auf 43 von 45 untersuchten Exemplaren wurden Insekten an den Drüsenhaaren gefunden. Ausgewachsene Pflanzen hatten im Durchschnitt 71 gefangene Insekten .
Ein Insekt, das lediglich zufällig an einer klebrigen Oberfläche hängen bleibt, macht eine Pflanze noch nicht zur Fleischfresserin. Deshalb untersuchte das Forschungsteam auch, ob S. candelabrum seine Beute aktiv verwertet.
Mithilfe eines Fluoreszenztests wiesen die Forschenden Phosphatase-Aktivität an den Drüsenhaaren nach. Das Leuchtsignal entsteht, wenn entsprechende Verdauungsenzyme bestimmte Substanzen abbauen. Damit gab es einen direkten Hinweis darauf, dass die Pflanze ihre gefangenen Insekten enzymatisch zerlegen kann .
Den Nachweis der Nährstoffaufnahme erbrachten Fütterungsexperimente mit Fruchtfliegen (Drosophila), die mit dem stabilen Stickstoffisotop ¹⁵N markiert waren. Nach der Fütterung stieg der Anteil des markierten Stickstoffs im Pflanzengewebe deutlich an. Bei nicht fleischfressenden Kontrollpflanzen zeigte sich diese Anreicherung nicht . Das belegt, dass S. candelabrum Stickstoff aus ihren Insektenbeuten aufnimmt.
Auch die Genomdaten passen zu diesem Bild. Das Team erstellte ein Genom auf Chromosomenebene und verglich es mit bekannten fleischfressenden Pflanzen wie Sonnentau (Drosera) und Kannenpflanzen (Nepenthes). In den Drüsenhaaren waren Gene für Verdauungsenzyme aktiv, was die notwendige genetische Ausstattung für diese Form der Nährstoffgewinnung bestätigt .
Für fleischfressende Pflanzen entsteht ein biologisches Dilemma: Sie brauchen Insekten als Nährstoffquelle, sind für ihre Fortpflanzung aber oft ebenfalls auf Insekten angewiesen. Saxifraga candelabrum entschärft diesen Konflikt durch eine klare Trennung von Blüte und Falle.
Die weißen Blüten sitzen an langen Stielen oberhalb der klebrigen vegetativen Bereiche. Die Drüsenhaare befinden sich ausschließlich an den Stängeln und nicht an den Blüten oder Blütenstielen . Bestäuber werden dadurch optisch und räumlich von der Fangzone ferngehalten.
Ein ähnliches Prinzip ist auch von anderen fleischfressenden Pflanzen bekannt: Weiße Blüten und ein deutlicher Abstand zwischen Blüte und Fangapparat können das Risiko verringern, dass Bestäuber selbst zur Beute werden . Die Trennung schützt die Fortpflanzung, ohne auf die zusätzliche Stickstoffquelle zu verzichten.
Die Entdeckung ist nicht nur deshalb bemerkenswert, weil sie eine alte Darwin-Hypothese bestätigt. Saxifraga candelabrum gilt zugleich als erste bestätigte fleischfressende Pflanze innerhalb der Familie der Steinbrechgewächse (Saxifragaceae) und der gesamten Ordnung Saxifragales . Damit kommt ein unabhängig entstandener Zweig zum bekannten Kreis der fleischfressenden Pflanzen hinzu.
Die Forschenden vermuten, dass dies erst der Anfang sein könnte. Pflanzen mit klebrigen Drüsenhaaren wurden bislang häufig so gedeutet, dass sie lediglich Fraßfeinde abwehren oder kleine Partikel festhalten. Einige dieser Arten könnten die klebrigen Strukturen jedoch zusätzlich zur Nährstoffaufnahme nutzen .
Die Zahl der bekannten fleischfressenden Pflanzen könnte deshalb zu niedrig angesetzt sein. Weitere Untersuchungen könnten Arten ans Licht bringen, die Insekten zwar nicht mit spektakulären Fallen wie eine Venusfliegenfalle fangen, aber dennoch zumindest teilweise fleischfressende Eigenschaften besitzen .