Der Umfang der Ermittlungen ist beträchtlich. Im Fokus stehen verdächtige Transaktionen im Wert von mehr als 500 Millionen Euro (rund 420 Millionen britische Pfund), die über Wise-Konten abgewickelt wurden und sich über mehr als 30 europäische Länder erstreckten . Die Untersuchung wurde eingeleitet, nachdem die belgischen Behörden festgestellt hatten, dass der Name Wise wiederholt in Hunderten von internationalen Rechtshilfeersuchen auftauchte
. Obwohl die Ermittlungen bereits im Jahr 2022 begannen, überraschte deren öffentliche Bekanntmachung im Juni 2026 – und vor allem die Beschreibung als „in einem fortgeschrittenen Stadium“ – den Markt völlig
.
Dieses Strafverfahren entstand nicht im luftleeren Raum. Bereits Anfang 2022 hatte die Belgische Nationalbank (BNB), die Aufsichtsbehörde für die europäischen Aktivitäten von Wise, erhebliche Mängel bei der Einhaltung der Geldwäschevorschriften (Anti-Money Laundering, AML) festgestellt. Die BNB bemängelte, dass Wise für Hunderttausende Kunden keine Adressnachweise vorweisen konnte – eine Kernanforderung der sogenannten „Know Your Customer“ (KYC)-Regularien, die zur Identitätsprüfung von Kunden dient. Wise setzte daraufhin einen förmlichen Sanierungsplan um, der betroffene Kunden aufforderte, die fehlenden Dokumente nachzureichen. Andernfalls drohte die Sperrung der Konten .
Wise hat bestätigt, „mit der Brüsseler Staatsanwaltschaft zusammenzuarbeiten, um Anfragen zu unserem Geschäft zu beantworten“ . Das Unternehmen betont, dass die Kontaktaufnahme durch die Behörden nicht gleichbedeutend mit der Feststellung eines Fehlverhaltens sei und dass man vollumfänglich kooperiere. In einer Stellungnahme hieß es, dass Anfragen einer Staatsanwaltschaft zum normalen Geschäftsbetrieb gehörten und für sich genommen „keinen Hinweis auf eine Nichteinhaltung der Geldwäschevorschriften oder auf ein Fehlverhalten“ darstellten
.
Zum jetzigen Zeitpunkt wurde weder gegen Wise noch gegen die europäische Tochtergesellschaft formelle Anklage erhoben. Die Untersuchung befindet sich im Stadium der Ermittlungen, wenngleich ihr „fortgeschrittenes“ Stadium darauf hindeutet, dass ein Abschluss bevorstehen könnte .
Seit seinem Börsengang im Juli 2021 sieht sich Wise auf drei Kontinenten mit einer wachsenden Zahl von aufsichtsrechtlichen Maßnahmen und Untersuchungen zu seinen AML- und Compliance-Systemen konfrontiert. Die belgischen Strafermittlungen sind dabei die bislang schwerwiegendste Eskalation – sie reihen sich jedoch in ein klares Muster ein.
Weniger als ein Jahr nach dem Börsengang verhängte die Finanzaufsichtsbehörde des Abu Dhabi Global Market (FSRA) gegen die lokale Tochtergesellschaft Wise Nuqud eine Geldstrafe von 360.000 US-Dollar (1,32 Millionen Dirham). Der Vorwurf: Wise habe es versäumt, „angemessene AML-Systeme und -Kontrollen einzurichten und aufrechtzuerhalten“ . Die Aufsichtsbehörde stellte konkrete Versäumnisse fest, darunter die mangelnde Überprüfung der Herkunft von Geldern und Vermögenswerten bei Hochrisikokunden, bevor Transaktionen für diese durchgeführt wurden
.
Eine koordinierte Prüfung durch Aufsichtsbehörden aus sechs US-Bundesstaaten – Kalifornien, New York, Massachusetts, Texas, Minnesota und Nebraska – führte zu einer Geldstrafe in Höhe von 4,2 Millionen US-Dollar gegen die US-Tochter Wise US, Inc. . Grundlage waren Verstöße gegen den Bank Secrecy Act (BSA) und die Vorschriften zur Bekämpfung von Geldwäsche und Terrorismusfinanzierung. Die Prüfung deckte den Zeitraum von Juli 2022 bis September 2023 ab und offenbarte Mängel bei internen AML-Prüfungen, den Sorgfaltspflichten gegenüber Kunden sowie bei der Erstellung von Verdachtsmeldungen
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Im Rahmen der Einigung wurde Wise verpflichtet, eine nachträgliche Überprüfung bereits geschlossener Konten durchzuführen, die Verfahren für Verdachtsmeldungen zu verbessern und einen unabhängigen Dritten mit der Überprüfung der Korrekturmaßnahmen zu beauftragen. Zudem muss das Unternehmen zwei Jahre lang vierteljährliche Compliance-Berichte bei den Bundesstaaten einreichen .
Gegen Wise wurde in Bezug auf AML-Kontrollen keine öffentliche Vollstreckungsmaßnahme der britischen Finanzaufsicht FCA festgestellt. Als ein von der FCA zugelassenes E-Geld- und Zahlungsinstitut unterliegt Wise jedoch der laufenden Aufsicht in Bezug auf die Bekämpfung von Finanzkriminalität. Das Fehlen einer öffentlichen Maßnahme bedeutet nicht das Fehlen einer Überwachung, jedoch bleibt das Vereinigte Königreich im aktuellen Muster die einzige große Jurisdiktion ohne formelle Sanktion oder Untersuchung.
Das Gesamtbild zeigt ein wachstumsstarkes Fintech-Unternehmen, das Schwierigkeiten hat, Compliance-Systeme aufzubauen, die mit der Größe und Komplexität seiner globalen Geschäftstätigkeit Schritt halten. Die ersten Feststellungen der Belgischen Nationalbank aus dem Jahr 2022 konnten durch einen Sanierungsplan angegangen werden. Die Geldstrafen in Abu Dhabi und den USA waren zwar bedeutend, aber zivilrechtliche Aufsichtsmaßnahmen. Die strafrechtlichen Ermittlungen in Brüssel hingegen stellen eine völlig andere Risikoklasse dar – sie könnten zu Anklagen, höheren finanziellen Sanktionen und einem nachhaltigen Reputationsschaden führen. Der Kurssturz vom 1. Juni spiegelt die Neubewertung dieses Risikos durch den Markt in Echtzeit wider.
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