Der April 2025 ist dabei mit Vorsicht zu genießen. Die damals installierten 45 GW waren keine normale Nachfrage, sondern ein Schlussspurt von Projektentwicklern, die ihre Vorhaben unbedingt noch vor dem Ende der lukrativen Subventionen fertigstellen wollten . Diese vorgezogene Nachfrage trug maßgeblich zu dem Rekordjahr 2025 mit etwa 317 GW an neuer Solarkapazität bei
. Mit dem Wegfall dieses Zeitdrucks gleicht die Entwicklung im Jahr 2026 einer Art Katerstimmung: Die Pipeline an Projekten ist deutlich geschrumpft, da sich Investoren unter den neuen Marktbedingungen wesentlich genauer ansehen, ob sich eine Anlage noch rentiert
.
Der Einbruch im April ist dabei kein Einzelfall. Es war bereits der vierte Monat in Folge mit rückläufigen Installationszahlen, und für das Gesamtjahr 2026 erwartet der chinesische Photovoltaik-Industrieverband (CPIA) erstmals seit 2019 einen Rückgang auf 180 bis 240 GW – ein Minus von 24 bis 43 Prozent gegenüber 2025 .
Neben der Politik drücken auch Netzengpässe und fallende Modulpreise auf die Stimmung. In einigen Regionen Chinas stoßen die Netze nach Jahren des rasanten Ausbaus an ihre Grenzen, während gleichzeitig der anhaltende Preisverfall bei Solarmodulen eine abwartende Haltung bei Projektierern begünstigt . Denn wer heute bestellt, zahlt womöglich mehr als nächste Woche.
Während der heimische Markt also eine Verschnaufpause einlegt, kämpfen Chinas Hersteller mit einem Luxusproblem der anderen Art: Ihre Produktionskapazitäten sind so gewaltig, dass kein einzelner Markt sie aufnehmen kann. Je nach Schätzung liegt die jährliche Fertigungskapazität für Solarmodule in China zwischen 1.200 und 1.400 GW – und damit ungefähr doppelt so hoch wie der globale Jahresbedarf von etwa 700 GW .
Wenn also die Bestellungen aus dem Inland nachlassen, muss die überschüssige Ware in den Export. Und genau dieser Druck hat sich im März 2026 in einer regelrechten Welle entladen: 68 GW an Solarprodukten verließen in nur einem Monat das Land – eine Menge, die der gesamten installierten Solarkapazität Spaniens entspricht .
Die regionalen Schwerpunkte dieser Exportoffensive waren bemerkenswert. Afrikas Importe aus China schnellten im Vergleich zum Februar um 176 Prozent auf 10 GW in die Höhe, während Asien mit 39 GW bedient wurde – beide Werte sind neue Rekorde . Das ist keine abstrakte Statistik: Nigerias Nachfrage explodierte um 519 Prozent, Kenia legte um 207 Prozent und Äthiopien um 391 Prozent zu
. In absoluten Zahlen führte Indien die Liste der Abnehmer mit 6,6 GW im März an
.
Der Trend ist robust. Selbst im April, nachdem am 1. April die chinesische Exportsteuerrückerstattung für Solarprodukte gestrichen wurde, blieben die Ausfuhren auf hohem Niveau. So stiegen die Exporte nach Afrika verglichen mit April 2025 noch um 83 Prozent und die nach Südostasien um 75 Prozent . Zwar mag das nahende Ende der Steuerrückerstattung im März einige Lieferungen vorgezogen haben
, doch die Stärke im April deutet auf eine echte, nachhaltige Nachfrage hin.
Ein wesentlicher Treiber dieser Nachfrage kommt von außen. Der britische Thinktank Ember stellte fest, dass die Regionen, die am stärksten von der durch die Spannungen am Persischen Golf ausgelösten Energiekrise betroffen sind, auch die kräftigsten Zuwächse bei der Nachfrage nach chinesischen Solarprodukten verzeichnen . Wenn die Preise für Öl und Gas explodieren und Lieferketten bedroht sind, wird eine günstige Solaranlage aus China zur schnellen und kalkulierbaren Alternative.
Das Auseinanderdriften von Inlands- und Exportmarkt ist also strukturell und kein zyklischer Ausreißer. China befindet sich innenpolitisch in einer Phase der Preisfindung und Normalisierung nach einem künstlich aufgeblähten Boom. Gleichzeitig operiert seine gewaltige Produktionsmaschinerie weit jenseits dessen, was der eigene Markt derzeit verdauen kann.
Diese überschüssige Ware findet ihren Weg zunehmend dorthin, wo sie am dringendsten gebraucht wird: in die Entwicklungs- und Schwellenländer Afrikas und Asiens. Für viele dieser Staaten sind die preiswerten chinesischen Panels längst nicht mehr nur eine ökologische Wunschlösung, sondern ein handfester wirtschaftspolitischer Befreiungsschlag, um die Abhängigkeit von teuren und geopolitisch riskanten fossilen Brennstoffimporten zu verringern. Die Kombination aus chinesischem Überangebot und globalem Energiehunger im Globalen Süden hat eine Exportpipeline geschaffen, die Größenordnungen bewegt, die noch vor Kurzem undenkbar schienen.
Für den globalen Solarmarkt bedeutet das eine klare Botschaft: Selbst wenn Chinas heimische Ausbauzahlen sinken, vertieft sich seine Rolle als Fabrik der Welt für Solartechnologie eher noch. Der aprilbedingte Einbruch und der märzliche Exportrekord sind keine widersprüchlichen Trendlinien, sondern nur zwei Seiten derselben Medaille.