Die Staatsfonds der Mitgliedstaaten des Golf-Kooperationsrats – Saudi-Arabien, die Vereinigten Arabischen Emirate, Katar, Kuwait, Bahrain und Oman – verwalten zusammen Vermögenswerte von annähernd 5 Billionen US-Dollar. Traditionell dienen diese Fonds dazu, Einnahmen aus Öl und Gas langfristig anzulegen und den Wohlstand an die eigene Bevölkerung weiterzugeben.
Diese Weitergabe erfolgt bisher vor allem indirekt: durch Arbeitsplätze im öffentlichen Dienst, Subventionen, kostenlose oder günstige staatliche Leistungen und den Verzicht auf eine Einkommensteuer. Beobachter beschreiben dieses System deshalb bereits als eine Art „Kapitaldividende“ – allerdings nicht als monatliche Zahlung an alle Bürger .
Die Befürworter einer KI-Dividende argumentieren, dass dieselben staatlichen Strukturen künftig auch Erträge aus künstlicher Intelligenz an Staatsbürger weiterleiten könnten , .
Der entscheidende Unterschied zu vielen westlichen Volkswirtschaften liegt in der direkten Eigentümerrolle des Staates. Die Golfregierungen investieren nicht nur in Start-ups oder fördern private Unternehmen, sondern bauen eigene KI-Firmen und Infrastruktur auf:
In diesem Modell müsste der Staat die privaten KI-Unternehmen nicht erst über neue Steuern an den Gewinnen beteiligen. Er besitzt bereits Anteile an Unternehmen, Fonds und Infrastruktur, die von einem wachsenden KI-Markt profitieren könnten.
Das unterscheidet die Golfstrategie von Vorschlägen wie Sam Altmans Idee eines technologiefinanzierten „öffentlichen Vermögensfonds“, bei dem der Staat zunächst einen Teil der privaten KI-Gewinne abschöpfen müsste , . Ein Bericht von Thorsten Meyer AI bezeichnet die Golfstaaten deshalb als „klarstes Beispiel für eine staatlich gelenkte Antwort auf die Risiken der KI für den Arbeitsmarkt“ , .
Die Golfmonarchien verfügen bereits über ein etabliertes System, in dem der Staat einen Teil seines Reichtums an die eigene Bevölkerung weitergibt. Öffentliche Beschäftigung, Zuschüsse, subventionierte Leistungen und Steuerfreiheit bilden den Kern dieses Rentiermodells.
Eine regelmäßige Geldzahlung wäre daher kein vollständiger Bruch mit der Vergangenheit. Sie könnte vielmehr als Umstellung von indirekten Leistungen – etwa einem sicheren Staatsjob – auf eine transparentere, automatische Zahlung verstanden werden.
Eine PwC-Analyse vom Januar 2025 nennt „dauerhafte Einkommenszuschüsse für Geringverdiener“ als eines von fünf Instrumenten, mit denen GCC-Regierungen ihren Gesellschaftsvertrag neu gestalten könnten. Ziel wäre unter anderem, private Beschäftigung für Staatsangehörige attraktiver zu machen .
Die Idee klingt finanziell verlockend, steht aber vor erheblichen praktischen und politischen Problemen.
Die 4,8 Billionen US-Dollar liegen nicht als liquide Geldreserve bereit. Das Vermögen steckt in langfristigen Beteiligungen, Immobilien, Infrastruktur und anderen Anlagen. Ein Teil der KI-Investitionen betrifft zudem private Unternehmen, deren Anteile schwer handelbar sind und deren Bewertungen stark schwanken können.
Ein garantiertes Einkommen benötigt jedoch regelmäßige und verlässliche Zahlungsströme. Fallen KI-Bewertungen, bleiben erwartete Gewinne aus oder dauert die Kommerzialisierung länger als angenommen, wäre die Finanzierung unsicher. Asma Derja von der Ethical AI Alliance weist darauf hin, dass mögliche Finanzierungsquellen wie Erträge aus Staatsfonds oder eine Steuer auf KI-Rechenleistung sich nicht automatisch selbst tragen und vor grundlegenden Herausforderungen stehen .
Der Begriff „Grundeinkommen“ kann in diesem Zusammenhang irreführend sein. Ein echtes universelles Grundeinkommen würde allen Einwohnern unabhängig von ihrer Staatsangehörigkeit eine Zahlung gewähren. Genau das wäre am Golf besonders schwer umzusetzen.
In mehreren GCC-Staaten stellen ausländische Arbeitskräfte 80 bis 90 Prozent der Beschäftigten im privaten Sektor. Eine Zahlung an alle Einwohner wäre deshalb fiskalisch kaum mit dem bisherigen Modell vereinbar. Wahrscheinlicher wäre ein Programm ausschließlich für Staatsbürger – also eine Fortsetzung des bestehenden Rentiervertrags, bei dem der Staat Wohlstand an die eigene Bevölkerung verteilt, ausländische Arbeitskräfte aber ausschließt.
Damit bliebe die zentrale Frage der Exklusion ungelöst. Analysen verweisen ausdrücklich darauf, dass der Ausschluss von Ausländern und politische Grenzen in jedem solchen Modell offenbleiben . Im internationalen Sinn wäre eine solche Zahlung daher keine universelle Grundsicherung, sondern eine staatliche Bürgerdividende.
Ein weiterer Einwand betrifft den Zeitpunkt. Selbst wenn KI künftig Arbeitsplätze verdrängt, ist eine pauschale Geldzahlung nicht die einzige mögliche Antwort – und möglicherweise auch nicht die dringendste.
Mehrere Experten plädieren zunächst für bessere Bildung, Umschulung und aktive Arbeitsmarktpolitik. Forschende der London School of Economics betonen, dass der Erfolg eines Grundeinkommensmodells von einer nachhaltigen Finanzierung, Investitionen in Bildung sowie der Berücksichtigung sozialer und psychologischer Folgen abhängt – nicht nur von wirtschaftlichen und arbeitsmarktbezogenen Ergebnissen .
Auch die PwC-Analyse empfiehlt aktive Arbeitsmarktmaßnahmen als Teil einer umfassenderen Neugestaltung des Gesellschaftsvertrags . Für die Golfstaaten könnte deshalb eine Kombination aus Qualifizierung, zeitlich begrenzten Einkommenshilfen und Beteiligung an staatlichen Vermögenswerten realistischer sein als eine sofortige pauschale Zahlung.
Die Voraussetzungen für eine KI-Dividende sind zugleich ihre größte politische Hürde. Staatsfonds und Wohlfahrtssysteme sind in den Golfmonarchien nicht nur wirtschaftliche Instrumente. Die Forschung beschreibt sie auch als „Werkzeuge der Regimestabilität“ .
Ein automatisches, rechtlich abgesichertes Einkommen könnte die Beziehung zwischen Staat und Bürgern verändern. Wenn es bestehende Patronagenetze ersetzt, statt sie lediglich zu ergänzen, könnte es als Eingriff in den bisherigen politischen Gesellschaftsvertrag wahrgenommen werden. Der Staat würde Unterstützung nicht mehr nur nach Ermessen oder über bestimmte Institutionen verteilen, sondern einen festen Anspruch schaffen.
Die Debatte am Golf ist Teil einer globalen Auseinandersetzung über Arbeit, Wohlstand und ein mögliches Grundeinkommen im Zeitalter der KI.
In einem Interview vom 25. Juli 2026 mit Zanny Minton Beddoes, der Chefredakteurin des Economist, sagte Elon Musk voraus, dass „Geld 2036 keine Rolle mehr spielen wird“. Seine Begründung: Künstliche Intelligenz und Roboter könnten dann mehr Waren und Dienstleistungen produzieren, als Menschen überhaupt konsumieren können , , .
Musk erwartet in diesem Szenario eine Phase enormen Überflusses. Lebensmittel, Wohnraum, Transport und Unterhaltung würden seiner Vorstellung nach nahezu kostenlos; an die Stelle eines klassischen Grundeinkommens träte ein „universell hohes Einkommen“ . Zudem rechnet er eher mit Deflation als mit Inflation . Der Tech-Investor Vinod Khosla stimmte der grundsätzlichen Richtung öffentlich zu, wobei Forbes in seiner Reaktion zugleich eine deutlich vorsichtigere Warnung ausmachte .
Der MIT-Ökonom Daron Acemoglu gilt als einer der prominentesten Kritiker solcher Überflussprognosen. Eine direkte Stellungnahme Acemoglus aus dem Jahr 2026, die ausdrücklich Musks Zeitplan für 2036 widerlegt, liegt in den vorliegenden Quellen allerdings nicht vor.
Sein etabliertes Analysemodell steht Musks Schlussfolgerung dennoch entgegen. Danach entscheidet technischer Fortschritt allein nicht darüber, wer von steigender Produktivität profitiert. Ausschlaggebend sind politische Entscheidungen – etwa Steuern, Verhandlungsmacht der Beschäftigten und öffentliche Investitionen.
Acemoglu warnt insbesondere vor einer „so-so automation“: Technologien, die Beschäftigte ersetzen, ohne neue und produktive Aufgaben für sie zu schaffen. In diesem Fall kann KI die Nachfrage nach menschlicher Arbeit senken und die Ungleichheit vergrößern. Mehr Wohlstand auf gesamtwirtschaftlicher Ebene würde dann nicht automatisch bedeuten, dass alle Menschen ein höheres Einkommen erhalten.
Einige Punkte sind in der Debatte relativ klar:
| Streitpunkt | Argumente für eine KI-Dividende | Bedenken und Gegenargumente |
|---|---|---|
| Vermögensbasis | Rund 4,8 Billionen US-Dollar und staatliche Beteiligungen an KI schaffen einen direkten Weg zu Transfers , . | Der größte Teil des Vermögens ist langfristig gebunden; KI-Bewertungen und Erträge sind unsicher. |
| Bürger oder alle Einwohner | Eine Zahlung nur an Staatsbürger wäre politisch und finanziell leichter umzusetzen. | Der Ausschluss ausländischer Arbeitskräfte wäre mit einem wirklich universellen Grundeinkommen nicht vereinbar . |
| Zeitpunkt | Ein schneller KI-Umbruch könnte eine Einkommensgarantie dringlich machen. | Bildung, Umschulung und aktive Arbeitsmarktpolitik sind unmittelbarere und risikoärmere Maßnahmen , . |
| Politische Umsetzung | Staatsfonds haben bereits Erfahrung mit der Verteilung von Rohstoffreichtum. | Patronagestrukturen könnten sich gegen einen automatischen, einklagbaren Zahlungsanspruch wehren . |
Nicht ausreichend belegt ist derzeit, ob eine Regierung des Golf-Kooperationsrats ein an KI-Vermögenswerte gekoppeltes garantiertes Einkommen tatsächlich untersucht oder pilotiert. Es gibt bislang keinen entsprechenden Regierungsvorschlag.
Die Golfstaaten besitzen etwas, das die meisten westlichen Länder erst mühsam aufbauen müssten: staatliches Kapital, etablierte Verteilungsmechanismen und direkte Beteiligungen an Teilen der entstehenden KI-Wirtschaft. Deshalb ist eine KI-finanzierte Bürgerdividende dort theoretisch vorstellbarer als in vielen anderen Regionen.
Von einer konkreten Umsetzung ist die Idee jedoch weit entfernt. Die Bewertungen von KI-Unternehmen sind unsicher, Staatsfonds nicht beliebig liquide und ein Modell für alle Einwohner wegen der großen Zahl ausländischer Arbeitskräfte kaum realistisch. Wahrscheinlicher wäre – wenn überhaupt – eine Zahlung nur an Staatsbürger, kombiniert mit Umschulung und einer Reform der bestehenden Sozialleistungen.
Derzeit bleibt die KI-Dividende am Golf daher vor allem ein Gedankenexperiment: interessant, politisch aufgeladen und finanziell möglich erscheinend, aber noch ohne konkreten staatlichen Fahrplan.