Sollten die Vorwürfe vor Gericht bestätigt werden, drohen nach ukrainischem Recht acht bis zwölf Jahre Haft.
Am 14. Mai ordnete das Hohe Anti‑Korruptionsgericht der Ukraine Untersuchungshaft für 60 Tage an. Gleichzeitig setzte es eine mögliche Freilassung gegen Kaution fest: 140 Millionen Hrywnja – etwa 3,1 bis 3,2 Millionen US‑Dollar.
Die Staatsanwaltschaft hatte ursprünglich sogar 180 Millionen Hrywnja gefordert, doch das Gericht entschied sich für die niedrigere Summe.
Sollte die Kaution gezahlt werden, gelten strenge Auflagen: Jermak müsste unter anderem seine Reisedokumente abgeben und darf mit bestimmten Personen aus dem Umfeld der Ermittlungen keinen Kontakt aufnehmen.
Obwohl die Freilassung gegen Kaution möglich gewesen wäre, blieb Jermak zunächst mehrere Tage in Haft.
Der Hauptgrund: Die vollständige Kautionssumme war noch nicht bestätigt oder vollständig überwiesen worden. In den ersten Tagen wurde nur ein Teilbetrag eingezahlt.
Hinzu kam ein organisatorisches Problem: Das Hohe Anti‑Korruptionsgericht bestätigt Kautionszahlungen nicht am Wochenende. Selbst wenn das Geld bereits gesammelt war, konnte die Zahlung erst nach Wiederaufnahme des Gerichtsbetriebs offiziell bestätigt werden.
Berichten zufolge versuchten Unterstützer, Beiträge aus mehreren Quellen zu bündeln, um die gesamte Summe von 140 Millionen Hrywnja aufzubringen.
Der Fall steht laut Berichten auch im Zusammenhang mit einer weitreichenderen Untersuchung namens Operation „Midas“.
Diese Ermittlungen von NABU und SAPO zielen auf mutmaßliche Korruption im ukrainischen Energiesektor, insbesondere beim staatlichen Atomenergieunternehmen Energoatom.
Ermittler gehen davon aus, dass dabei mindestens 100 Millionen US‑Dollar durch Bestechung und Geldwäsche veruntreut worden sein könnten.
In diesem größeren Schema sollen Netzwerke aus Beamten, Geschäftsleuten und Vermittlern Kickbacks aus Energie‑ und Infrastrukturverträgen verlangt haben.
Die mutmaßliche Geldwäsche über das Immobilienprojekt wird zwar als eigener Vorgang untersucht, könnte laut Ermittlern aber mit denselben Finanzstrukturen verbunden sein, die im Rahmen von Operation „Midas“ entdeckt wurden.
Die Ermittlungen betreffen inzwischen mehrere prominente Figuren aus Politik und Wirtschaft.
In Berichten über Operation „Midas“ werden unter anderem genannt:
Im Zuge der Untersuchung führten Ermittler zahlreiche Durchsuchungen und Razzien an verschiedenen Orten durch.
Jermak weist die Anschuldigungen entschieden zurück.
Vor Gericht erklärte er, er besitze persönlich nicht genug Geld, um die festgesetzte Kaution zu zahlen, und müsse auf Unterstützung von Freunden oder Bekannten hoffen.
Sein Anwaltsteam kündigte außerdem an, gegen Teile der gerichtlichen Entscheidung Rechtsmittel einzulegen.
Der Fall hat besondere politische Brisanz, weil Jermak lange eine zentrale Rolle im Machtzentrum in Kyjiw spielte. Als Leiter des Präsidialamts galt er während des Kriegs häufig als einer der einflussreichsten Akteure der ukrainischen Regierung und als wichtiger Berater sowie Verhandler für Präsident Selenskyj.
Damit berührt die Affäre mehrere politische Ebenen:
Ein Test für die Anti‑Korruptionsinstitutionen. Die Ukraine steht unter starkem Druck von EU‑Partnern und westlichen Unterstützern, Korruption konsequent zu bekämpfen. Ermittlungen gegen eine so hochrangige Figur gelten als wichtiger Test für die Unabhängigkeit von NABU, SAPO und dem Anti‑Korruptionsgericht.
Politische Risiken für die Regierung. Gleichzeitig kann ein Verfahren gegen einen früheren Insider das Image der Regierung schwächen – besonders während eines laufenden Kriegs.
Vertrauensfrage im Inland. Die ukrainische Führung betont seit Beginn der russischen Invasion, dass ein konsequenter Kampf gegen Korruption entscheidend ist, um internationale Unterstützung und Vertrauen der Bevölkerung zu sichern.
Das Verfahren befindet sich erst am Anfang.
Fest steht jedoch schon jetzt: Der Fall gehört zu den bedeutendsten Korruptionsverfahren in der Ukraine seit Beginn des groß angelegten russischen Angriffs – mit möglichen Folgen weit über den Gerichtssaal hinaus.