Damit rückt ein ambitioniertes Ziel in Reichweite: Der stellvertretende Minister für Industrie und Handel, Nguyễn Sinh Nhật Tân, hält es für möglich, dass Vietnams gesamter Außenhandel im Gesamtjahr die Marke von einer Billion US-Dollar überschreitet. Eine wichtige Stütze dabei sind die Freihandelsabkommen (FTAs), insbesondere die jüngeren Abkommen mit weitreichenden Zoll- und Ursprungsregeln .
Auch die gesamtwirtschaftlichen Zahlen unterstreichen die Dynamik. Vietnams Bruttoinlandsprodukt (BIP) wuchs im ersten Halbjahr 2026 um 8,18 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Im zweiten Quartal lag das Wachstum bei 8,39 Prozent – der höchste Wert für ein zweites Quartal seit 2011 . Im ersten Quartal waren es 7,83 Prozent .
Die Regierung unter Premierminister Phạm Minh Chính strebt für das Gesamtjahr ein BIP-Wachstum von 10 Prozent an . Die Weltbank rechnet dagegen mit einem moderateren Plus von 6,8 Prozent und verweist auf die Belastungen durch einen Ölpreisschock im Nahen Osten und eine schwächere globale Nachfrage . Das tatsächlich erzielte Halbjahreswachstum liegt derzeit zwischen beiden Zielmarken.
Die wichtigsten Handelsdaten für 2026 im Überblick:
Dieses Defizit ist nicht in erster Linie auf einen Konsumboom zurückzuführen. Die Importe wurden vor allem durch Maschinen, Rohstoffe und andere Vorleistungen für Produktion und Investitionen angetrieben . Das spricht eher für eine weiterhin hohe industrielle Aktivität – zeigt aber zugleich, dass das starke Exportwachstum mit einem noch stärkeren Importanstieg einherging.
Das Freihandelsabkommen zwischen der Europäischen Union und Vietnam (EVFTA) ist am 1. August 2020 in Kraft getreten. Sechs Jahre später hat es die Wirtschaftsbeziehungen zwischen beiden Seiten deutlich verändert .
Der kumulierte bilaterale Handel zwischen Vietnam und der EU überstieg im Zeitraum von 1995 bis Juni 2026 die Marke von 900 Milliarden US-Dollar. Davon entfielen 383,8 Milliarden US-Dollar beziehungsweise 42,6 Prozent auf die sechs Jahre seit Inkrafttreten des Abkommens .
Allein im ersten Halbjahr 2026 erreichte der bilaterale Handel je nach Quelle 41,4 bis 41,7 Milliarden US-Dollar. Vietnam exportierte Waren im Wert von 31,8 Milliarden US-Dollar in die EU und importierte Güter im Wert von rund 9,7 bis 9,9 Milliarden US-Dollar . Daraus ergibt sich ein Handelsüberschuss von ungefähr 22 Milliarden US-Dollar.
Bemerkenswert ist der Vergleich mit der Zeit vor dem EVFTA: Der Überschuss im ersten Halbjahr 2026 übertraf bereits den gesamten Jahresüberschuss von 21,7 Milliarden US-Dollar im Jahr 2019 . In den ersten fünf Monaten 2026 stiegen Vietnams Exporte in die EU zudem um 13,3 Prozent auf 25,78 Milliarden US-Dollar. Damit war die EU Vietnams wichtigster Markt für einen Handelsüberschuss .
Auch bei der Nutzung der Zollpräferenzen ist eine Verbesserung erkennbar. Die Quote der präferenziellen Ursprungszeugnisse im Rahmen des EVFTA stieg von 14,8 Prozent im ersten Jahr auf 35,1 Prozent im Jahr 2024 . Nach Angaben der Europäischen Handelskammer in Vietnam (EuroCham) sind 68 Prozent der europäischen Unternehmen bereits im Vietnam-EU-Handel aktiv .
Die EVFTA-Zahlen stehen für einen größeren Trend. Bis Juli 2026 wurden unter verschiedenen Freihandelsabkommen mehr als 1,2 Millionen Ursprungszeugnisse ausgestellt. Sie deckten Exporte im Wert von knapp 100 Milliarden US-Dollar ab – etwa 28 Prozent des gesamten vietnamesischen Exportwerts .
Bei mehreren Abkommen lagen die Nutzungsquoten der Zollpräferenzen zwischen 30 und 50 Prozent . Vietnam hat inzwischen 17 Freihandelsabkommen abgeschlossen und umgesetzt; außerdem wurden die Verhandlungen mit der Europäischen Freihandelsassoziation (EFTA) abgeschlossen .
Zwischen 2016 und 2025 stieg Vietnams gesamtes Außenhandelsvolumen um das 2,7-Fache – von 176 Milliarden auf 475 Milliarden US-Dollar . Abkommen wie das transpazifische CPTPP, das regionale RCEP sowie bilaterale Vereinbarungen mit ASEAN-Partnern, Indien, Australien, Neuseeland, Südkorea und Japan haben dabei neue Absatzmärkte eröffnet und Lieferketten verändert .
Die Entwicklung begünstigt eine stärkere Diversifizierung der Exporte und eine Verlagerung hin zu höherwertiger industrieller Fertigung und verarbeiteten Produkten. Für einzelne Unternehmen und Branchen können die konkreten Vorteile jedoch stark davon abhängen, ob sie die jeweiligen Ursprungsregeln erfüllen und die erforderlichen Nachweise erbringen.
Trotz des großen FTA-Netzes nutzt nur etwa ein Drittel bis knapp die Hälfte der exportierenden Unternehmen die angebotenen Zollpräferenzen . Damit bleiben schätzungsweise 60 bis 70 Prozent der möglichen Vorteile ungenutzt .
Besonders kleine und mittlere Unternehmen (KMU) stoßen auf mehrere Hürden:
Große Konzerne können für Zollfragen und Handels-Compliance eigene Teams beschäftigen. Für KMU sind dieselben Regeln dagegen oft mit einem unverhältnismäßig hohen organisatorischen und finanziellen Aufwand verbunden .
Um die Unterschiede zwischen Regionen und Provinzen besser sichtbar zu machen, führte das vietnamesische Ministerium für Industrie und Handel im April 2024 den sogenannten FTA-Index ein. Er soll messen, wie gut die Abkommen vor Ort umgesetzt und von Unternehmen genutzt werden .
Vietnams Handelsboom ist unübersehbar: Das Land wächst schnell, erschließt über FTAs neue Märkte und nähert sich beim Warenhandel einem Jahresvolumen von einer Billion US-Dollar. Der Erfolg mit der EU zeigt, welches Potenzial gezielte Zollpräferenzen entfalten können.
Die Zahlen dürfen jedoch nicht miteinander vermischt werden. Der Überschuss von rund 22 Milliarden US-Dollar bezieht sich ausschließlich auf den bilateralen Handel mit der EU. Vietnams gesamte Handelsbilanz wies im ersten Halbjahr 2026 dagegen ein Defizit von 16,65 Milliarden US-Dollar auf . Auch die Marke von einer Billion US-Dollar für das Gesamtjahr ist bislang eine Prognose und setzt voraus, dass die starke Dynamik in der zweiten Jahreshälfte anhält .