Ergänzende sonderpädagogische Studien (Grundschulalter)
Für Kinder mit Entwicklungsverzögerungen oder Behinderungen ist die Teilnahme an Gruppenaktivitäten oft eine große Hürde. Sie benötigen häufig Unterstützung, um Abläufe zu verstehen, Regeln zu befolgen, auf andere zu warten und die Aufmerksamkeit zu halten. Brettspiele bieten mit ihrem konkreten Material, klaren Regeln und strukturierten Abläufen einen idealen Rahmen für die gezielte Förderung.
Internationale Forschung belegt, dass das Spielen von Brettspielen selbst eine lehrbare Fähigkeit sein kann. Eine Studie mit dem Titel "Teaching Young Children with Special Needs and Their Peers to …" untersuchte, wie eine strukturierte Hilfestellung (vom geringsten zum stärksten Prompt) die Fähigkeit von Kindern mit Förderbedarf und ihren Peers verbessert, Spielschritte zu befolgen und sich auf das Spiel zu konzentrieren . Die Arbeit von Trimlett et al. (2022) unterstreicht diesen Punkt, indem sie das „Brettspielspielen können“ explizit als Zielkompetenz definiert und nicht nur als Methode
.
Auch in der taiwanesischen Praxis wird dieser Ansatz bestätigt. Eine Übersichtsarbeit zum Einsatz von Brettspielen für Kinder mit Behinderung in Taiwan zeigt, dass das Feld dort an Bedeutung gewinnt, aber noch ein Bedarf an weiteren empirischen Studien besteht .
Viele Kinder mit besonderem Förderbedarf haben Schwierigkeiten mit grundlegenden sozialen Interaktionen wie Abwarten, angemessenem Reagieren, Kooperieren oder dem Akzeptieren von Regeln. Brettspiele schaffen hier eine natürliche und motivierende Übungsumgebung.
Die Studie "An Empirical Examination of Effective Practices for Teaching Board …" untersuchte ein Maßnahmenpaket aus Peer-Modeling, systematischen Prompts und Verstärkung bei vier behinderten oder gefährdeten Kleinkindern, die gemeinsam mit sich typisch entwickelnden Kindern spielten. Die Ergebnisse zeigen, dass dieses Setting das Sozialverhalten im Spielkontext signifikant fördern kann .
Ergänzend dazu zeigen Studien aus dem Grundschulbereich in Taiwan, dass diese Prinzipien übertragbar sind. Die Arbeit von Wang Yu-Chi belegt, dass ein mit Brettspielen angereichertes Sozialtraining die soziale Kompetenz und die Akzeptanz durch Mitschüler bei Kindern mit leichter Intelligenzminderung verbessert . Eine weitere Studie bestätigt, dass diese Methode unmittelbare und nachhaltige Effekte auf konkret beobachtbare Verhaltensweisen wie „Abwarten“, „angemessenes Reagieren“ und „Kooperation“ hat
.
Für die Frühförderung bedeutet dies, dass abstrakte soziale Regeln durch das Spiel in konkrete Handlungen übersetzt werden können, wie etwa das Warten, bis man mit dem Würfeln an der Reihe ist, oder das Akzeptieren von Spielzügen der Mitspieler.
In einer Spielsituation zeigen Kinder mit Förderbedarf manchmal unerwartetes Verhalten. Sie verlassen ihren Platz, unterbrechen die Reihenfolge oder können die Regeln nicht verstehen.
Hier setzt die strukturierte Spielvermittlung an. Die Forschungsarbeit "Teaching Young Children with Special Needs and Their Peers to …" identifizierte die spielbezogene Aufmerksamkeit und das Befolgen der Spielschritte als die zentralen zu fördernden Verhaltensweisen . Für Erzieher und Therapeuten bedeutet das, die Aktivität in kleine, lehrbare Einheiten zu zerlegen: „Warten, bis ich an der Reihe bin“, „Den Würfel nehmen“, „Die Spielfigur bewegen“ usw.
Die Übersichtsarbeit aus Taiwan über den Einsatz von Brettspielen in der Förderung von Kindern mit Behinderung geht noch weiter. Sie beschreibt positive Effekte auf die emotionale Wahrnehmung, die emotionale Regulation und die Lernmotivation der Kinder. Zudem wird berichtet, dass die Häufigkeit von emotionalen Ausbrüchen durch die Brettspielintervention reduziert werden konnte . Die Spiele bieten demnach nicht nur ein kognitives, sondern auch ein emotionales Lernfeld, in dem Kinder lernen, Bedürfnisse auszudrücken und Probleme zu lösen
.
In der Inklusion geht es darum, Begegnungen zwischen Kindern mit und ohne Förderbedarf zu ermöglichen. Brettspiele sind dafür ideal, weil sie eine gemeinsame Aufgabe mit geteiltem Material stellen.
Sowohl die Studie zu "Teaching Young Children with Special Needs and Their Peers to …" als auch die „Empirical Examination of Effective Practices…“
haben ihre Interventionen bewusst in gemischten Gruppen durchgeführt. Die Peers dienten nicht nur als Spielpartner, sondern durch ihr Verhalten auch als Modelle für die Kinder mit Förderbedarf. Dieser Ansatz zeigt, dass die Spiele mehr als nur eine Fördermaßnahme für ein einzelnes Kind sind – sie sind ein Katalysator für echte soziale Inklusion
.
Der entscheidende Faktor für den Erfolg ist nicht das Spiel selbst, sondern die Art und Weise, wie es von der Fachkraft eingesetzt wird. Einfaches Freispiel wird den spezifischen Bedürfnissen der Zielgruppe oft nicht gerecht. Entscheidend ist ein geplantes Vorgehen mit klaren Zielen, Prompts und einer systematischen Verstärkung.
Die internationalen Studien verwenden hochentwickelte Strategien wie das abgestufte Prompting (System of Least Prompts) und das Peer-Modeling
. Diese Konzepte lassen sich direkt in die Praxis übertragen:
Die analysierte Literatur zeigt, dass Brettspiele in der Arbeit mit Kindern mit besonderem Förderbedarf ein starkes Potenzial haben. Sie können:
Für zukünftige Forschungsarbeiten in diesem Bereich gibt es jedoch noch einige Grenzen. Erstens ist die Anzahl an deutsch- oder englischsprachigen Studien, die ausschließlich mit der Zielgruppe der 3- bis 6-jährigen Kinder mit Förderbedarf arbeiten, noch überschaubar . Zweitens ist die Übertragbarkeit von Studien mit Grundschulkindern mit leichter Intelligenzminderung auf die frühkindliche Förderung nicht ohne Weiteres eins zu eins gegeben
.
Die vorliegende Evidenz ist jedoch ausreichend, um den gezielten Einsatz von Brettspielen als ein evidenzbasiertes, strukturiertes und spielerisch wirksames Element in der Frühförderung und inklusiven Pädagogik zu empfehlen.
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