Laut ISW-Daten, die Al Jazeera am 3. Juli 2026 zitierte, eroberten russische Streitkräfte im gesamten Jahr 2025 noch 2.190 Quadratkilometer der Ukraine. Im Jahr 2026 waren es bis Anfang Juli nur 573 Quadratkilometer – und ein großer Teil davon stammt noch aus dem Januar. Zum Vergleich: Allein in den letzten zwei Juliwochen 2025 hatte Russland 620 Quadratkilometer erobert.
Der Mai 2026 markierte einen historischen Tiefpunkt. Das ISW beobachtete, dass russische Streitkräfte im Mai 2026 nur 40,64 Quadratkilometer neu besetzten oder infiltrierten – ein winziger Bruchteil dessen, was sie im Mai 2025 erobert hatten. Ukrainische Quellen berichteten, dass die Ukraine in diesem Monat mehr Gebiet befreite als Russland eroberte.
Der April 2026 war der erste Monat seit der ukrainischen Invasion in der Oblast Kursk im August 2024, in dem Russland per Saldo einen territorialen Verlust erlitt. Die Vormarschgeschwindigkeit ist seit November 2025 stetig rückläufig.
Das ISW erklärte zudem, es sei aufgrund der Verlangsamung der russischen Vorstöße nicht mehr klar, ob Russland überhaupt in der Lage sei, die Stadt Donezk zu erobern.
Am 3. Juli 2026 veröffentlichte Al Jazeera eine detaillierte Analyse unter dem Titel: „Russlands Vormarsch in der Ukraine bricht zusammen, 40.000 Soldaten im Juni getötet“. Die Kernaussagen:
Bereits am 12. Juni 2026 hatte Al Jazeera berichtet, die Ukraine habe im Mai mehr Gebiet zurückerobert als verloren. Dies markierte eine Trendwende bei den monatlichen russischen Gebietsgewinnen.
General Oleksandr Syrskyj, der Oberbefehlshaber der ukrainischen Streitkräfte, äußerte sich in einem am 30. Juni 2026 ausgestrahlten Interview (TSN Ukraine, berichtet von Reuters) ähnlich wie Vance. Syrskyj sagte, die ukrainischen Streitkräfte bereiteten sich auf eine mögliche neue russische Offensive aus dem Norden vor, hielten einen erneuten Angriff auf Kiew jedoch für unwahrscheinlich. Er betonte, dass die strategischen Pläne Russlands für 2026 unverändert seien, die ukrainische Verteidigung aber standhalte.
Bereits im März 2026 hatte Syrskyj gemeldet, dass eine viertägige russische Großoffensive Mitte März „mit katastrophalen Verlusten gescheitert“ sei, bei der Zehntausende Soldaten in „Fleischangriffen“ in den Tod geschickt worden waren und nichts erreicht hatten. Zudem erklärte er bereits Anfang 2026 gegenüber Le Monde, dass die Verluste der russischen Armee ihre Rekrutierungsfähigkeit überstiegen, was eine nachhaltige Offensive unmöglich mache.
Nur drei Tage vor der Veröffentlichung von Vances Interview startete Russland einen der massivsten Luftangriffe auf Kiew seit Kriegsbeginn:
Dieser Angriff zeigt, dass Russland weiterhin über eine erhebliche Fähigkeit zu strategischen Langstreckenschlägen gegen zivile Infrastruktur und urbane Zentren verfügt – auch wenn seine territorialen Bodenoffensiven ins Stocken geraten sind. Vances Aussage, die Offensivfähigkeit nähere sich dem Nullpunkt, bezieht sich also auf den Bodenkrieg und die Fähigkeit, Geländegewinne zu erzielen – nicht auf Russlands Fähigkeit, durch Luftangriffe massenhaft zivile Opfer zu fordern. Beide Realitäten können nebeneinander existieren.
Vances Äußerungen kommen aus der Trump-Administration, die eine Doppelstrategie aus Sanktionserleichterungen und militärischen Drohungen verfolgt, um Putin an den Verhandlungstisch zu zwingen. In früheren Äußerungen (2025) hatte Vance Russland aufgefordert, „aufzuwachen und die Realität zu akzeptieren“
und erklärt, Russland habe bei den Gesprächen „bedeutende Zugeständnisse“ gemacht.
Das „Sunday Times“-Interview ist eine deutlich optimistischere Einschätzung der ukrainischen Position durch einen hochrangigen US-Vertreter.
Der entscheidende Widerspruch bleibt: Während Vance die Bodenoffensivfähigkeit Russlands für fast erschöpft hält, kann das Land weiterhin verheerende Luftangriffe durchführen. Der Kreml bezeichnete den Angriff vom 2. Juli explizit als „Vergeltungsschlag“ und drohte mit einer weiteren Eskalation. Das signalisiert, dass Moskau Vances Einschätzung seiner eigenen Fähigkeiten nicht teilt.
Der weitere militärische Kontext umfasst den ukrainischen Drohnenvorteil, der laut ISW maßgeblich zum Stopp der russischen Vorstöße und zu den jüngsten ukrainischen Gegenangriffen beigetragen hat. Die Ukraine hat ihre heimische Drohnenproduktion und ihre Mittelstrecken-Schlagfähigkeit deutlich ausgebaut.
Westliche Hilfe bleibt ein Faktor. Die USA prüfen derzeit die Anfrage der Ukraine nach weitreichenden Tomahawk-Marschflugkörpern. Europäische Verbündete haben ihre Militärhilfe ebenfalls verstärkt. Vances optimistische Einschätzung der ukrainischen Defensivposition könnte als Argument für die Wirksamkeit fortgesetzter westlicher Hilfe gelesen werden – oder alternativ als Versuch, die Bühne für eine Verhandlungslösung zu bereiten, indem man argumentiert, dass Russland den Krieg auf dem Schlachtfeld nicht gewinnen kann.
Anmerkung zur Quelle: Das vollständige, wörtliche Transkript des „Sunday Times“-Interviews lag zum Zeitpunkt der Analyse noch nicht auf Englisch vor. Die zitierten Passagen stammen von ukrainischen Nachrichtenagenturen, die sich auf den Bericht von European Pravda berufen. Die genaue Wortwahl mag übersetzungsbedingt variieren, der Inhalt ist jedoch über mehrere Berichte hinweg konsistent.