Die Störung ist nicht nur ein Fahrplanproblem. Berichte nennen anhaltende Schikanen und militärische Aktivitäten rund um die Wasserstraße, darunter Drohnenüberflüge, Funkkontakte per VHF und Warnungen vor Minengefahren. Angriffe auf Handelsschiffe haben die Betreiber dazu gezwungen, die Versicherbarkeit, Besetzung und sichere Durchführung jeder Fahrt neu zu bewerten.
Für manche Durchfahrten ist Versicherungsschutz nicht verfügbar oder nur zu prohibitiv hohen Kosten erhältlich. Gleichzeitig sind Seeleute möglicherweise nicht bereit, das Risiko zu tragen. B Dadurch verteuert sich jede Fahrt – auch wenn ein Schiff die Passage letztlich erfolgreich bewältigt. Reeder können Abfahrten verschieben, die Straße meiden, die Route ändern oder sogenannte „Dark Transits“ durchführen, bei denen das AIS-Signal deaktiviert wird.
Ein „Dark Transit“ beweist allerdings nicht, dass ein Schiff einen bestimmten Korridor genutzt hat. Er zeigt lediglich, dass die sichtbaren Daten unvollständig sind. Deshalb sollten Behauptungen über den jeweiligen Routenanteil mit Vorsicht bewertet werden.
Die verfügbaren Informationen zeichnen kein stabiles, eindeutiges Bild eines Routenwechsels. Vielmehr verändern sich die Präferenzen offenbar im Zeitverlauf – und die Daten bleiben teilweise umstritten.
Eine Kpler-Auswertung von Anfang August ergab, dass sieben von acht einfahrenden Schiffen die iranische Route nutzten. R Eine separate Analyse des Tankermarktes registrierte zwischen dem 14. Juli und dem 6. August 45 identifizierbare Durchfahrten auf der iranischen Seite, aber nur vier bestätigte Passagen auf der omanischen Route. Mehr als die Hälfte der beobachteten Durchfahrten konnte jedoch nicht verifiziert werden, weil AIS-Signale fehlten. T
Das jüngere Bild weist teilweise in die entgegengesetzte Richtung: Nach Angaben von Kpler nutzten in den zwei vorhergehenden Wochen mehr als 80 Prozent der Flüssigladungstransits entweder den südlichen, von den Vereinten Nationen autorisierten Korridor entlang Oman oder schalteten ihr Signal ab und fuhren wahrscheinlich dort. Das deutet darauf hin, dass einige Betreiber ihre Exposition gegenüber iranischer Kontrolle verringern wollten. Es beweist jedoch nicht, dass jeder dunkle Transit über die Südroute verlief.
Verbreitet ist außerdem die Behauptung, 16 von 18 seit dem 6. Juli gemeldeten Geschossangriffen hätten sich entlang der Südroute ereignet. G Diese Zahl stammt aus einer Quelle mit geringerer Beweiskraft. Sie klärt weder die Umstände jedes einzelnen Angriffs noch den Gesamtumfang des Verkehrs auf den beiden Routen. Daraus lässt sich deshalb nicht ableiten, dass Unternehmen den US-koordinierten Korridor generell aufgegeben haben.
Die belastbarste Schlussfolgerung ist enger gefasst: Betreiber treffen ihre Routenentscheidungen unter extremer Unsicherheit, und der bevorzugte Korridor hat sich im Laufe der Zeit verändert. Keine der beiden Routen kann derzeit als zuverlässig sicher gelten. Ein südlicher Korridor kann zwar die Exposition gegenüber iranisch kontrollierten Gewässern verringern. Geleitschutz und Koordination beseitigen aber nicht die Risiken durch Raketen, Drohnen, Minen, Enterungen oder elektronische Störungen. Entscheidend sind aus Sicht der Unternehmen die Risikowahrnehmung, Versicherungsbedingungen, der Wert der Ladung und die Dringlichkeit der Lieferung.
Vor dem Konflikt liefen ungefähr ein Fünftel der weltweiten Öl- und Flüssigerdgasexporte durch die Straße von Hormus. R Nach von Reuters zitierten Kpler-Daten beliefen sich die Durchflüsse von Rohöl und raffinierten Produkten vor dem Krieg auf rund 18 Millionen Barrel pro Tag. Im Juli waren es nur noch 4,8 Millionen Barrel pro Tag.
Das ist ein erheblicher Rückgang. Die aktuellen Schätzungen in Barrel pro Tag sind jedoch schwer zu interpretieren: Schiffe ohne AIS-Signal lassen sich schlechter verfolgen, Ladungen können an unterschiedlichen Punkten der Reise gezählt werden, und aus der Zahl der Schiffe lässt sich nicht unmittelbar auf die tatsächlich angelieferten Mengen schließen. Behauptungen, die Ölexporte seien wieder zum Normalstand zurückgekehrt, benötigen daher Belege auf Ladungsebene – nicht nur einen leichten Anstieg sichtbarer Durchfahrten.
Während des US-iranischen Memorandums of Understanding (MoU) gab es eine vorübergehende Verbesserung. Kpler schätzte, dass in den 60 Tagen des Abkommens 374 Millionen Barrel den Golf verließen – rund 6,1 Millionen Barrel pro Tag. Das waren jedoch weiterhin nur etwa 40 Prozent der rund 15 Millionen Barrel, die in einem vergleichbaren Zeitraum vor dem Krieg transportiert worden waren. Das anschließende Auslaufen der Vereinbarung und erneute Angriffe zeigen, wie schnell die Ströme wieder einbrechen können.
Die Auswirkungen auf das weltweite Angebot sind bereits erheblich. Die Internationale Energieagentur (IEA) prognostizierte für 2026 einen Rückgang der globalen Ölversorgung um 4,3 Millionen Barrel pro Tag beziehungsweise rund 4 Prozent. Begründet wurde dies mit der umfassenderen regionalen Störung, die neben Hormus auch iranische Exporte, die Meerenge Bab al-Mandab und weitere Routen betrifft. R
Saudi-Arabien versucht vor allem, mehr Rohöl westwärts durch die East-West-Pipeline, auch Petroline genannt, zu den Exportanlagen am Roten Meer in Yanbu zu transportieren. Die Pipeline wurde wieder auf eine Kapazität von etwa 7 Millionen Barrel pro Tag gebracht.
Zudem prüft das Königreich eine Erweiterung um bis zu 2 Millionen Barrel pro Tag. Dadurch könnten zusätzliche saudische und möglicherweise auch aus Nachbarstaaten stammende Mengen die Straße von Hormus umgehen. Lagerkapazitäten und die Verladeinfrastruktur in Yanbu sind dabei strategisch wichtig: Sie ermöglichen es, Rohöl zwischenzulagern, umzuleiten und ohne Nutzung des Engpasses zu exportieren.
Die Umleitung ist jedoch kein vollständiger Ersatz für Hormus. Kapazitäten der Pipeline, Lagerbestände, Hafenverladung, die Verfügbarkeit von Tankern und Anforderungen nachgelagerter Raffinerien können zu Engpässen werden. Vor allem Saudi-Arabien profitiert von der westwärts gerichteten Infrastruktur. Produzenten ohne vergleichbare Exportwege bleiben für Ausfuhren, Einfuhren, Kondensat, Flüssiggas und andere Energieträger wesentlich stärker von Hormus abhängig.
Die Krise betrifft nicht nur Rohölexporteure. Asiatische Raffinerien und Industriekunden müssen mit Unsicherheit bei Golf-Rohöl, raffinierten Produkten, Flüssiggas und anderen Einsatzstoffen umgehen. Fracht-, Versicherungs- und Lagerkosten können steigen, selbst wenn einzelne Ladungen weiter transportiert werden. Unternehmen müssen mit längeren Vorlaufzeiten und einer weniger verlässlichen Versorgungsroute planen.
Singapur ist als bedeutender Raffinerie-, Bunker-, Petrochemie- und Handelsstandort besonders exponiert. Die verfügbaren Informationen stützen die Einschätzung, dass der Druck auf Inputkosten und Versorgungssicherheit zunimmt. Eine verlässliche aktuelle Schätzung spezifischer Produktionsverluste oder Anlagenstillstände in Singapur liefern sie jedoch nicht. Eine präzise Schadenssumme für die dortige Industrie wäre daher derzeit nicht belastbar.
Die zentrale Erkenntnis ist robuster: Die Straße von Hormus muss nicht vollständig geschlossen sein, um die globalen Energiemärkte zu erschüttern. Wenn der Verkehr von mehr als 100 Durchfahrten pro Tag auf einstellige Zahlen bei Rohstoffschiffen fällt, arbeiten Versicherer, Reeder, Raffinerien und Hersteller bereits mit deutlich weniger Planungssicherheit und deutlich weniger praktikablen Alternativen.