Der Ausverkauf lässt sich dabei nicht allein mit dem US-Schuldenstand erklären. Höhere Energiepreise, geopolitische Unsicherheit und die Aussicht auf länger anhaltend hohe Leitzinsen verstärken den Druck. Reuters berichtete, dass europäische Anleiherenditen während des US-israelischen Kriegs mit Iran stiegen, weil höhere Energiekosten die Sorge vor hartnäckiger Inflation verstärkten.
Nach Daten des US-Finanzministeriums beliefen sich die gesamten US-Staatsschulden auf rund 40,05 Billionen Dollar. Vor zehn Jahren waren es 19,4 Billionen Dollar. In der Summe enthalten sind sowohl von der Öffentlichkeit gehaltene Schuldtitel als auch Forderungen innerhalb des Staatssektors: Rund 32,27 Billionen Dollar lagen bei öffentlichen und privaten Anlegern, etwa 7,78 Billionen Dollar innerhalb der Regierung.
Die unmittelbare Sorge ist nicht, dass die USA plötzlich keine Käufer für ihre Anleihen mehr finden. US-Staatsanleihen gelten weiterhin als besonders wichtiger globaler Sicherheitswert. Problematisch ist vielmehr, dass die anhaltenden Defizite ein dauerhaft hohes Angebot schaffen – und neue Anleihen zu deutlich höheren Zinsen als in der Niedrigzinsphase ausgegeben werden müssen.
Der mögliche Rückkopplungseffekt sieht so aus:
Ein solcher Prozess entwickelt sich normalerweise schrittweise und führt nicht über Nacht zum Zusammenbruch. Er verringert jedoch den politischen Spielraum: In einer Rezession, einem Krieg oder einem neuen Finanzschock können Regierungen weniger leicht gegensteuern, ohne noch mehr Schulden aufzunehmen.
Auch die Finanzierung großer privater Investitionsprojekte – etwa im Bereich künstlicher Intelligenz und Rechenzentren – könnte den Wettbewerb um weltweite Ersparnisse verschärfen. Die vorliegenden Daten belegen allerdings nicht, dass diese Nachfrage der wichtigste Auslöser des aktuellen Ausverkaufs bei Staatsanleihen ist.
Japan ist weiterhin der größte ausländische Halter von US-Staatsanleihen. Seine Bestände sanken jedoch von 1,143 Billionen Dollar im Mai auf 1,116 Billionen Dollar im Juni – ein Rückgang um rund 26,4 Milliarden Dollar. Japanische Anleger verkauften im ersten Quartal zudem netto US-Staats-, Agentur- und Kommunalanleihen im Wert von 29,6 Milliarden Dollar.
Eine schwächere japanische Nachfrage kann den US-Anleihemarkt belasten, weil Japan eine wichtige Quelle internationalen Kapitals ist. Ein einzelner Monatsrückgang oder ein Quartal mit Nettoverkäufen belegt jedoch keinen vollständigen Rückzug aus US-Staatsanleihen. Japans Bestände sind weiterhin erheblich; zudem zeigen die Daten nicht, dass japanische Verkäufe die Hauptursache des weltweiten Renditeanstiegs sind.
Auch Japan selbst erlebt eine Neubewertung seiner Finanzierungskosten. Die Rendite zehnjähriger japanischer Staatsanleihen näherte sich 3 Prozent – ein Dreißigjahreshoch. Anleger passten ihre Erwartungen an Inflation und Zinsen an.
Die Finanzierungskosten Deutschlands sind gestiegen, obwohl Bundesanleihen weiterhin als Sicherheitsbenchmark der Eurozone gelten. Die Rendite zehnjähriger Bundesanleihen erreichte laut von The Guardian zitierten LSEG-Daten 3,2138 Prozent – den höchsten Stand seit 2011.
Ein Teil dieses Anstiegs folgt dem weltweiten Renditetrend. Deutschlands Pläne für höhere Verteidigungs- und Investitionsausgaben bedeuten zudem voraussichtlich mehr Anleiheemissionen. Diese Ausgaben können die Wirtschaft stützen, erhöhen aber zugleich das Angebot an hoch bewerteten Staatsanleihen – und das in einer Phase, in der Anleger grundsätzlich hinterfragen, wie viel Staatsschulden der Markt aufnehmen kann.
Der politische Zielkonflikt wird damit schwieriger: Eine expansive Haushaltspolitik kann schwaches Wachstum abfedern, doch höhere Zinsen machen diese Unterstützung teurer und engen die künftigen Budgets ein.
Die britischen Staatsschulden lagen Ende Juli 2026 knapp unter 3 Billionen Pfund. Nach Angaben des Office for National Statistics nahm der öffentliche Sektor im Juli 1,8 Milliarden Pfund neue Schulden auf – 700 Millionen Pfund mehr als im Vorjahresmonat und 2,3 Milliarden Pfund über der Prognose des Office for Budget Responsibility.
In den ersten vier Monaten des Haushaltsjahres 2026/27 summierte sich die Neuverschuldung auf 56,7 Milliarden Pfund. Die Ausgaben für Sozialleistungen lagen im Juli zudem 2 Milliarden Pfund über dem Vorjahreswert.
Verschärft wird die Lage durch den Schuldendienst. Das britische Finanzministerium meldete Zinskosten von mehr als 100 Milliarden Pfund sowohl für 2023/24 als auch für 2024/25. Das entspricht etwa einem Pfund von zehn Pfund der öffentlichen Ausgaben. Diese Zahlen bedeuten nicht automatisch einen bevorstehenden Vertrauensverlust an den Märkten. Sie zeigen aber, wie schnell höhere Renditen britischer Staatsanleihen den finanzpolitischen Spielraum verringern können.
Frankreich ist stärker einem länderspezifischen Risiko ausgesetzt als Deutschland. Eine hohe Verschuldung und politische Fragmentierung erschweren es, Defizite glaubwürdig zu reduzieren. Die öffentliche Verschuldung liegt bei rund 3,5 Billionen Euro; die Zinskosten könnten bis 2029 auf nahezu 100 Milliarden Euro steigen.
Die Rendite zehnjähriger französischer Staatsanleihen näherte sich 4 Prozent. Die Zinszahlungen stiegen im ersten Halbjahr im Vergleich zum Vorjahreszeitraum um 19 Prozent auf 34,5 Milliarden Euro.
Damit wächst die Gefahr eines sogenannten Schneeballeffekts: Liegt der durchschnittliche Zinssatz auf Staatsschulden dauerhaft über dem Wirtschaftswachstum, kann die Schuldenquote selbst ohne einen neuen Ausgabenschock weiter steigen. Anleger verlangen deshalb für französische Anleihen einen höheren Risikoaufschlag als für die Papiere anderer großer Eurostaaten.
Das ist ein ernstes Problem für Glaubwürdigkeit und Refinanzierung, aber noch kein allgemeiner Finanzierungsstopp in der Eurozone. Frankreich bleibt im aktuellen Marktumfeld das wichtigste politische und fiskalische Abwärtsrisiko.
Viele Regierungen verschuldeten sich während der Ära extrem niedriger Zinsen. Wenn diese Anleihen fällig werden, müssen sie durch neue Papiere ersetzt werden – zu den heute deutlich höheren Zinssätzen. Die Anpassung erfolgt nach und nach, doch jede Refinanzierungsrunde kann die durchschnittlichen Zinskosten des gesamten Schuldenbestands erhöhen.
Steigende Energiepreise verschärfen den Mechanismus. Hält ein Energieschock die Inflation hoch, haben Zentralbanken möglicherweise weniger Spielraum für Zinssenkungen. Regierungen müssen sich dann länger zu höheren Zinsen refinanzieren. Gleichzeitig kann die Wirtschaft geschwächt werden, wodurch Steuereinnahmen sinken.
Der gleiche Übertragungsweg betrifft Unternehmen und private Haushalte. Staatsanleiherenditen bilden einen Referenzpunkt für private Kredite. Steigende Renditen können daher die Finanzierungskosten in der gesamten Wirtschaft erhöhen und Investitionen bremsen.
Die verfügbaren Daten sprechen für anhaltenden finanziellen Druck, nicht für den Beweis, dass bereits eine globale Kreditkrise begonnen hat. Eine Staatsschuldenkrise entsteht normalerweise nicht allein dadurch, dass eine bestimmte Schulden- oder Defizitgrenze überschritten wird. Entscheidend ist, ob ein Staat seine Schulden weiterhin finanzieren kann.
Auch die Eurozone verfügt heute über institutionelle Schutzmechanismen, die es in dieser Form während der Schuldenkrise von 2010 bis 2012 nicht gab. Analysten verweisen deshalb auf das Sicherheitsnetz der Eurozone als einen wichtigen Grund dafür, dass höhere Renditen nicht automatisch einen Staatsausfall oder einen systemweiten Finanzierungsstopp bedeuten.
Das wahrscheinlichere kurzfristige Szenario ist weniger spektakulär, aber wirtschaftlich relevant: langfristig höhere Renditen, steigende Zinsausgaben, weniger finanzpolitischer Spielraum und schwächeres Wachstum. Die Marke von 40 Billionen Dollar bei den US-Schulden macht sichtbar, wie groß das künftige Angebot an US-Staatsanleihen sein könnte. Die Reaktion des Anleihemarkts zeigt zugleich, dass Anleger die fiskalische Glaubwürdigkeit einzelner Regierungen zunehmend unterschiedlich bewerten.