Langlaufende US-Staatsanleihen gerieten unter Verkaufsdruck und schwankten stärker, während Anleger die Tragfähigkeit der US-Verschuldung und den künftigen Finanzierungsbedarf diskutierten. Vor diesem Hintergrund wurden die ausgeweiteten Rückkäufe länger laufender Anleihen durch das US-Finanzministerium als Signal zur Stabilisierung eines angespannten Anleihemarkts interpretiert. Die Ankündigung fiel mit einem schwächeren Dollar und sinkenden langfristigen Renditen zusammen – beides unterstützte den Goldpreis.
Der Übertragungsweg ist entscheidend: Gold wird in Dollar gehandelt. Wird die US-Währung schwächer, verbilligt sich das Edelmetall für Käufer, die in anderen Währungen rechnen. Sinkende Renditen verringern zudem den relativen Vorteil verzinslicher Anlagen. Umgekehrt bleiben dauerhaft hohe Renditen ein Risiko für Gold.
Schwächere Arbeitsmarkt-, Inflations- und Konsumentendaten machten eine weitere kurzfristige Zinserhöhung weniger wahrscheinlich. Anfang August hatte der Markt einer Anhebung im September noch eine hohe Wahrscheinlichkeit zugerechnet. Nach den folgenden Daten gingen diese Erwartungen zurück – und Kapital floss wieder stärker in Edelmetalle.
Diese Neubewertung wirkt auf zwei Wegen: Sie senkt die erwarteten realen Erträge von Bargeld und Anleihen und trägt zu einem schwächeren Dollar bei. Die Goldrally ist daher nicht nur eine klassische Flucht in einen geopolitischen Schutzwert, sondern ebenso eine Reaktion auf veränderte Erwartungen an die Geldpolitik.
Die anhaltenden Spannungen im Nahen Osten veranlassten einige Anleger, Gold als eine Art Versicherung für das Portfolio zu halten. Geopolitische Risiken sind für Gold jedoch nicht automatisch positiv. Ein Konflikt, der die Energiepreise nach oben treibt, kann die Inflationssorgen neu entfachen und den Druck auf Notenbanken erhöhen, die Zinsen länger hoch zu halten. Höhere Zinsen belasten ein unverzinsliches Asset wie Gold grundsätzlich.
Die geopolitische Lage ist damit eher ein zusätzlicher Stützpfeiler als die vollständige Erklärung für den Anstieg im August. Die unmittelbareren Impulse kamen vom Dollar, den Bedingungen am US-Anleihemarkt und der Neubewertung des Fed-Kurses.
Spekulative Käufe dürften den Ausbruch beschleunigt haben, nachdem Gold seinen gleitenden 200-Tage-Durchschnitt zurückerobert hatte. Die verfügbaren Positionierungsdaten zeigen jedoch keinen undifferenzierten Ansturm auf den Markt. Die gesamten Netto-Long-Positionen an der COMEX gingen im Juli um 4,4 Prozent auf 542 Tonnen zurück. Zwar stockten Vermögensverwalter ihre Positionen um 11 Tonnen auf, dieser Anstieg wurde jedoch durch Verkäufe anderer meldepflichtiger Marktteilnehmer mehr als ausgeglichen.
Auch die Nachfrage über börsengehandelte Goldfonds (ETFs) stabilisierte sich, blieb in den Julidaten aber überschaubar. US-Gold-ETFs verzeichneten Nettozuflüsse von 44 Millionen Dollar, während das durchschnittliche Handelsvolumen der ETFs gegenüber dem Vormonat um 29,1 Prozent sank. Das spricht für eine Erholung der Nachfrage und taktische Käufe – nicht für den Schluss, dass COMEX-Spekulationen oder ETF-Ströme allein die August-Rally verursacht haben.
Goldman Sachs sieht Aufwärtsrisiken für seine Jahresendprognose von 4.900 Dollar, falls die Nachfrage westlicher Anleger gemeinsam mit anhaltenden Käufen der Zentralbanken zunimmt. Nach Einschätzung der Bank könnten diese Nachfragequellen nachhaltiger sein als kurzfristige spekulative Positionierungen und dadurch das grundlegende Preisniveau des Marktes anheben.
Zusätzlichen Schwung könnten Optionspositionen liefern. Steigt die Nachfrage nach bullischen Call-Optionen, müssen Händler, die diese Optionen verkauft haben, ihr Risiko häufig durch Käufe von Gold oder Gold-Futures absichern. Klettert der Preis in die Nähe wichtiger Ausübungspreise, kann dieser mechanische Rückkopplungseffekt den Anstieg stärker beschleunigen, als es die fundamentalen Nachrichten allein rechtfertigen würden.
Der Mechanismus funktioniert allerdings auch in die andere Richtung. Fällt der Goldpreis, können Händler gezwungen sein, Absicherungen zu verkaufen – was den Abwärtsdruck verstärkt. Eine hohe Optionsnachfrage macht einen Anstieg über 4.900 Dollar daher wahrscheinlicher, erhöht zugleich aber das Risiko heftiger Bewegungen in beide Richtungen.
Fed-Chef Kevin Warsh soll am 28. August die Grundsatzrede beim Symposium der Federal Reserve Bank of Kansas City in Jackson Hole halten. Die Veranstaltung findet vom 27. bis 29. August statt. Anleger werden besonders auf Hinweise zum Zinsentscheid im September und auf den Umgang der Fed mit der aktuellen Inflation achten.
Die Rede ist deshalb so wichtig, weil derzeit die drei zentralen Finanzmarktvariablen für Gold gemeinsam in Bewegung sind: die Renditen von US-Staatsanleihen, die Erwartungen an die realen Zinsen und der Dollar. Ein zurückhaltender, eher taubenhafter Ton könnte die August-Rally verstärken, indem er die erwarteten Zinsen und den Dollar nach unten drückt. Ein Signal, dass weitere Zinserhöhungen möglich bleiben, könnte dagegen Renditen und Dollar nach oben treiben und Gold herausfordern.
Der Ausbruch über 4.600 Dollar hat eine glaubwürdige makroökonomische Grundlage. Ob daraus ein nachhaltiger Anstieg in Richtung 4.900 Dollar wird, ist aber noch nicht entschieden. Dafür muss sich die Nachfrage über taktische Käufe hinaus verbreitern. Gleichzeitig steht mit der Jackson-Hole-Rede ein Termin bevor, der die Erwartungen an die Fed-Politik und damit Dollar, Anleiherenditen und Goldpreis schnell neu sortieren kann.