Besonders aufschlussreich waren Vorführungen, bei denen mehrere Arbeitsschritte zu einem funktionierenden Prozess verbunden wurden:
Die Konferenz ordnete die Anwendungen außerdem den Bereichen Fertigung, Gastronomie und Einzelhandel, Gesundheits- und Altenpflege sowie Rettungseinsätzen zu. Kurzfristig dürften die besten Chancen in klar strukturierten Umgebungen liegen: in Fabriken, Lagern und bei Inspektionsrouten, wo Aufgaben, Sicherheitsgrenzen und Betriebsbedingungen vergleichsweise genau definiert werden können.
Chinas Autohersteller gehören zu den wichtigsten potenziellen Kunden. Reuters zufolge testeten fast zehn große Autobauer, darunter BYD und SAIC, Systeme für sogenannte verkörperte Intelligenz beim Materialtransport und beim Beladen von Produktionslinien. Unitree erklärte ebenfalls, dass seine Roboter an Fahrzeugmontagelinien und in den eigenen Fabriken getestet würden.
Diese Anwendungen sind deshalb relevant, weil sie einen klareren kommerziellen Test darstellen als eine einmalige Vorführung. Ein Fabrikroboter muss eine Aufgabe über lange Betriebszeiten hinweg wiederholen, Fehler auffangen, mit vorhandener Ausrüstung zusammenarbeiten und seine Anschaffungs- oder Betriebskosten rechtfertigen. Für Lagerroboter gelten ähnliche Anforderungen: Sie müssen Gegenstände zuverlässig erkennen, sicher navigieren und sich in Bestell- und Warenwirtschaftssysteme integrieren lassen.
Auch die Zusammensetzung der Aussteller machte diese Systemfrage sichtbar. Entwickler von Algorithmen, Anbieter von 3D-Bildverarbeitung und Batterien, Roboterhersteller und industrielle Anwender wurden auf der WRC in einem gemeinsamen Markt zusammengebracht. Das deutet auf den Versuch hin, den Weg von Bauteilen und Trainingsdaten bis zu einsatzbereiten Lösungen für Kunden zu verkürzen.
Physische Roboter brauchen mehr als ein großes Sprachmodell und einen überzeugenden Prototypen. Sie benötigen Daten von Kameras und Kraftsensoren, menschliche Demonstrationen sowie wiederholtes Training in Umgebungen, die ihrem späteren Arbeitsplatz ähneln.
In China gibt es mehr als 70 Trainingsstandorte für verkörperte Intelligenz; weitere 46 sollen sich im Bau oder in der Planung befinden. Dort werden unter anderem Daten aus der Fernsteuerung und von Sensoren gesammelt, während Roboter praktische Aufgaben immer wieder ausführen. In einer nationalen Pilotbasis in Hangzhou trainierten Berichten zufolge mehr als 140 Roboter in über 40 beruflichen Szenarien – darunter in Großküchen, Lagern, auf Farmen und in einem nachgebauten, schlecht beleuchteten Bergwerkstunnel.
Diese Infrastruktur schafft eine Rückkopplungsschleife: Roboter versuchen Aufgaben, Bediener korrigieren Fehler, neue Daten verbessern die Modelle und die aktualisierten Systeme werden erneut getestet. Das garantiert noch keine universelle Autonomie. Es adressiert jedoch einen der größten Engpässe bei verkörperter KI: den Mangel an hochwertigen Daten aus der realen Welt, die mit messbaren Leistungen bei konkreten Aufgaben verknüpft sind.
Peking hat verkörperte Intelligenz von einem Spezialthema der Forschung zu einer nationalen industriellen Priorität gemacht. Die chinesische Regierung nahm den Begriff „verkörperte Intelligenz“ in ihren Arbeitsbericht für 2025 auf. Der 15. Fünfjahresplan für 2026 bis 2030 fordert eine vorausschauende Entwicklung verkörperter KI sowie Finanzierungs- und Risikoteilungsmechanismen für neue Branchen.
Ein nationaler Aktionsplan für humanoide Roboter und das Training verkörperter KI in realen Szenarien soll mehr als 100 besonders wertvolle Anwendungsfälle identifizieren. Berichten zufolge liegt der Schwerpunkt auf Fertigung, öffentlichen Dienstleistungen und spezialisierten Aufgaben wie Produktion, Inspektion und Wartung.
Parallel zur politischen Unterstützung wächst der Markt. Der Umsatz der chinesischen Robotikbranche soll 2025 mehr als 300 Milliarden Yuan betragen haben, nachdem sie in den vorangegangenen fünf Jahren durchschnittlich um mehr als 20 Prozent pro Jahr gewachsen war. Für das erste Halbjahr 2026 wurden 165,5 Milliarden Yuan gemeldet – ein Plus von 24,5 Prozent gegenüber dem Vorjahreszeitraum. Diese Zahlen beziehen sich auf den gesamten Robotiksektor und belegen nicht, dass humanoide Roboter selbst bereits in großem Maßstab profitabel sind.
Besonders deutlich zeigte sich der Optimismus der Anleger beim Börsengang von Unitree im August 2026 am Shanghaier STAR Market, dem chinesischen Technologie- und Wachstumssegment. Das Unternehmen war der erste Hersteller humanoider Roboter an Chinas A-Aktienmarkt. Die Aktie eröffnete 629,44 Prozent über dem Ausgabepreis und schloss 460,34 Prozent höher. Der Börsenstart belegte die hohe Nachfrage der Investoren – nicht jedoch automatisch eine nachhaltige Kundennachfrage oder tragfähige Betriebskosten.
Das langfristige Ziel der Branche ist nicht bloß ein Roboter, der eine einzelne Aufgabe gut erledigt. Gesucht wird eine Maschine, die eine unbekannte Umgebung betreten, eine Anweisung in natürlicher Sprache verstehen und den Großteil der erforderlichen Arbeit ohne umfangreiche, aufgabenspezifische Programmierung erledigen kann.
Wang Xingxing, der Gründer von Unitree, bezeichnete diese Fähigkeit als das Äquivalent eines „ChatGPT-Moments“ für die Robotik. In einem optimistischen Szenario könne sie innerhalb von zwei bis drei Jahren erreicht werden, spätestens jedoch innerhalb von fünf bis zehn Jahren, sagte er. Andere Stimmen aus der Branche verorteten einen ähnlichen Durchbruch etwa Ende 2028. Dabei handelt es sich um Prognosen von Unternehmens- und Branchenvertretern, nicht um einen etablierten Konsens.
Die Eindrücke von der WRC erlauben eine vorsichtigere Schlussfolgerung: China bewegt sich schnell von technischen Vorführungen zu Pilotprojekten und anwendungsspezifischen Einsätzen. Sie zeigen jedoch noch nicht, dass universell einsetzbare humanoide Roboter über die offene und unvorhersehbare Bandbreite menschlicher Aufgaben hinweg zuverlässig und wirtschaftlich arbeiten können.
Die nächste Entwicklungsphase sollte sich an betrieblichen Belegen messen lassen – nicht an Choreografien. Entscheidend sind vor allem diese Fragen:
Chinas Wandel in der Robotik ist daher real, aber noch nicht abgeschlossen. Die WRC 2026 zeigte eine Branche, die industrielle Partnerschaften, Trainingsinfrastruktur und politische Instrumente für eine Skalierung aufbaut. Der entscheidende Test findet jedoch außerhalb der Messehalle statt: wenn Roboter zuverlässig Ergebnisse liefern müssen – und zwar auch dann noch, wenn der Neuheitseffekt längst verschwunden ist.